Start-ups brauchen Freiheiten
 

Start-ups brauchen Freiheiten

Tschabuschnig
Gründungsmitglied Florian Gschwandtner entwickelt seine erfolgreiche Lauf-App Runtastic seit sechs Jahren zukunftsweisend weiter und wurde dafür mit dem Medien-Zukunftspreis 2015 ausgezeichnet.
Gründungsmitglied Florian Gschwandtner entwickelt seine erfolgreiche Lauf-App Runtastic seit sechs Jahren zukunftsweisend weiter und wurde dafür mit dem Medien-Zukunftspreis 2015 ausgezeichnet.

HORIZONT-Serie über die beim Medien-Zukunftspreis ausgezeichneten Projekte - Teil 2: Runtastic, die erfolgreiche Lauf-App von Florian Gschwandtner mit mittlerweile 70 Millionen Nutzern, die im Sommer um 220 Millionen Euro an adidas verkauft wurde, gewann den Medien-Zukunftspreis in der Kategorie ‚Zukunftsweisende Denker, Gründer & Lenker‘

HORIZONT: Ihr Zeitplan ist knapp, Sie sind viel unterwegs. Kommen Sie überhaupt noch zum Arbeiten?

Florian Gschwandtner: Ich bekomme im Schnitt 30 Terminanfragen in der Woche. Da ist es wichtig auch „Nein“ sagen zu können – eine wesentliche Fähigkeit, denn am Ende des Tages muss man auch arbeiten und das ist das Wichtigste für mich. Für die nächsten sechs Monate habe ich nahezu alle Termine abgesagt, da unser Team gerade stark wächst und ich die neuen Mitarbeiter unterstützen will.

HORIZONT: Ende August hat adidas Runtastic für 220 Millionen Euro ­gekauft. Welche Gestaltungsmöglichkeiten gibt es dann noch?

Gschwandtner: Wir haben von Anfang an kommuniziert, dass wir unabhängig bleiben wollen, um schnell, agil, modern und cool zu sein. Das macht unsere Unternehmenskultur aus und das wollen wir auch beibehalten. Umgekehrt haben wir jetzt eine Weltfirma als Partner, die außergewöhnliche Produkte herstellt, aber in der Digitalisierung nicht so stark ist und da wollen und können wir unser Know-how einbringen.

HORIZONT: Welche Umsetzungen schweben Ihnen vor – etwa im E-Commerce?

Gschwandtner: Es wäre natürlich schön in jeder Schuhschachtel mit Runtastic drin zu sein (lacht). Wir könnten dann zum Beispiel mittels Tracking und der App feststellen, wie viele Kilometer mit einem adidas-Schuh gelaufen wurden. Die App erinnert mich dann: „Lieber XY, dein Schuh ist jetzt 450 Kilometer gelaufen. Es wird Zeit zu wechseln, aber wir haben schon das Nachfolgemodell in deiner Größe und Lieblingsfarbe hier und weil du so brav bist, schicken wir es dir mit minus zehn Prozent und ­einem Klick nach Hause.“ Also, ein tolles Kundenerlebnis.

HORIZONT: Datennutzung wohin das Auge blickt. Runtastic hat 70 Millionen Nutzer, die bereitwillig ihre ­Daten teilen. Wie meistern Sie den Spagat zwischen Datenschutz und App-Funktion?

Gschwandtner: Wir speichern alle Daten in Österreich – im Rechenzentrum in Wien. Datenschutz ist ein ­relevantes Thema für uns, aber wir sind da transparent. Wir versuchen dem Kunden eine Opt-in-Möglichkeit zu geben – das heißt wir zeigen ihm Optionen und erklären welche Vor- und Nachteile das bringt und er kann wählen.

HORIZONT: Sie haben Runtastic 2009 in OÖ gegründet. 2008 kam das erste Trainings-Spiel für die Wii auf den Markt. Haben Sie da den Erfolgsfaktor von Sport und digitaler Technologie erkannt?

Gschwandtner: Wir haben nie beobachtet, was makroökonomisch passiert. Ich bin kein Fan von Markt­analysen. Wenn du sehr innovativ bist, baust du quasi einen Markt auf, den es noch gar nicht gibt. Da kann ich im Vorfeld wenig erforschen.

HORIZONT: Das heißt die Zielgruppe im engeren Sinn gab es nicht?

Gschwandtner: In dieser Art und Weise gab es sie nicht. Ein Hobbyläufer würde sich kein GPS-Gerät für 300 Euro kaufen. Durch den Zugang über das Smartphone, das er immer bei sich trägt, bekommt er die Software sehr kostengünstig. Hier wurde die Brücke geschlagen.

HORIZONT: Gab es einen Moment, in dem ihr realisiert habt: „Jetzt haben wir es geschafft“?

Gschwandtner: Bei uns war das Wachstum kontinuierlich. Und auch wenn wir unsere Meilensteine erreichten, haben wir das nie groß gefeiert – auch jetzt nicht. Kontinuierlich arbeiten und der Ehrgeiz machen uns erfolgreich. Wenn du vom Gas gehst, gehörst du nicht zu den Weltbesten.

HORIZONT: Wie gehen Sie mit Werbung um?

Gschwandtner: Ich glaube, dass wir dem Kunden zur richtigen Zeit die richtige Information liefern müssen und er muss dann selbst entscheiden, was er tut. Ich persönlich freue mich, wenn ich zielgerichtete Werbung ­bekomme.

HORIZONT: Ihr engagiert Euch als Business Angels für Start-ups in Österreich. Was raten Sie jungen Gründern?

Gschwandtner: Das Wichtigste bei einem Start-up ist das Gründerteam und nicht die Idee. Der zweite wichtige Punkt ist, ob jemand größer denken kann. Dass die Idee oder das ­Produkt auch gut sein soll und im Markt ankommen soll, ist natürlich wichtig, aber wie man an uns sieht, hat keiner geglaubt, dass wir so ­erfolgreich sein werden und gerade das hat uns motiviert. In Österreich geht man mit einer Idee an den Tisch, und fünf Leute wissen, warum sie nicht funktioniert. Als Business Angel muss man also offen sein.

HORIZONT: Wie viel Innovationskraft gibt es in Österreich oder wird diese zunehmend ins Ausland ver­lagert?

Gschwandtner: In Österreich gibt es knapp 700 Start-ups bei 8,5 Millionen Einwohnern. In Israel gibt es im Vergleich dazu 6000 Start-ups und fünf Millionen Einwohner. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der Unternehmen gestiegen, die sich als Start-up bezeichnen, aber da muss man aufpassen. Als junges Unternehmen hält man sich automatisch für innovativ. Bei Runtastic wollten wir jeden Tag noch innovativer sein, als am Tag davor. Innovation findet immer noch in Pasching statt. Die Mutterfirma sitzt jetzt zwar in Deutschland, aber das bedeutet nicht, dass die Innovationskraft ins Ausland verlagert wurde.

HORIZONT: Was fehlt in Österreich?

Gschwandtner: Die Risikoaffinität. Wir glauben, dass wir in einer Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines großen Konzerns dasselbe machen können wie in einem Start-up. Das ist falsch. Es sind zwei Welten. In der einen Welt ist der Mitarbeiter intrinsisch motiviert, ein Produkt zu erfinden, in der anderen muss ein Angestellter Vorgaben berücksichtigen. Es findet aber ein langsamer Wandel statt.

HORIZONT: Wenn Unternehmen mit Start-ups arbeiten – welche Chancen und Schwächen bringt das?

Gschwandtner: Die größte Gefahr besteht darin, dass große Konzernstrukturen bremsen. Es ist wichtig, Start-ups Freiheit zu geben, sie unabhängig arbeiten zu lassen und relevante Synergien mit den Unternehmen zu suchen. Das ist es auch, was wir mit adidas planen.

HORIZONT: Es gibt mittlerweile unzählige Sport-Apps. Wie unterscheidet sich Runtastic davon?

Gschwandtner: Mit unserer Internationalisierung – Runtastic wird in 18 Sprachen übersetzt. In unserem Büro in Pasching sitzen 27 Nationen, deren Interkulturalität sich positiv auf die Produkte auswirkt. Dann natürlich mit der Qualität unserer Produkte und unserer Geschwindigkeit. Man muss heute schon daran denken, was morgen passiert.

In Teil 1 ging es um ‚Omnis‘ - ein Brettspiel, das abseits des digitalen Wandels für ein integratives Spielerlebnis sorgt.

[Claudia Tschabuschnig]
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