Soziale Medien: Das Ende der Demokratie?
 

Soziale Medien: Das Ende der Demokratie?

4gamechangers
Panel „Democracy 0.0: How Social Media endangers journalism and hacks democracy“
Panel „Democracy 0.0: How Social Media endangers journalism and hacks democracy“

Was bedeutet Social Media für die Politik? Ist Journalismus gefährdet? Wie können die Probleme gelöst werden? Auf dem 4gamechangers Festival 2018 wurde diesen Fragen nachgegangen.

Wie wirkt sich Social Media auf Journalismus, Demokratie und Politik aus? Dieser Frage wurde auf dem 4gamechangers Festival 2018 in der Session „Democracy 0.0: How Social Media endangers journalism and hacks democracy“ unter der Moderation von Marlene Auer, Herausgeberin und Chefredakteurin des HORIZONT, nachgegangen. Mit ihr diskutierten Steve Rogers (Chief Product Officer Trinity Mirror Digital), Carl Miller (Author), Antonio Garcia Martinez (Author & Tech-Entrepreneur), Corinna Milborn (Political Scientist & Journalist PULS 4) und Conrad Albert (CEO ProSieben Sat.1 Media).

Martinez hatte als Mitarbeiter von Facebook von 2011 bis 2013 die Aufgabe, deren Daten zu Geld zu machen. Was kann er aus dieser Zeit berichten? „Viele Daten sind nichts wert, zum Beispiel eure Partyfotos“, sagt Martinez: Außerdem betonte er, dass Facebook keine Daten verkaufe. Überrascht war er von den aktuellen Entwicklungen des Datenskandals: Früher sei man sehr vorsichtig gewesen in Hinblick auf die Frage, welche Daten Facebook verlassen – das langsame Reagieren sei dementsprechend verwunderlich. Zugleich betonte er, dass nicht nur Cambridge Analytica Zugriff auf die Daten habe: Jede App, der man entsprechenden Zugriff gewähre, könne ebenfalls auf die Informationen zugreifen.

Milborn betonte die positive Entwicklung, dass Social Media vielen Menschen eine Plattform gebe – zugleich ergebe sich aber das Problem, dass der Algorithmus, quasi der „Chefredakteur“ von Facebook, bestimmt Inhalte und Tonalitäten belohne: „Dadurch kommunizieren Politik und auch Medien viel aggressiver als früher“, sagt Milborn. Albert ergänzte, dass man Social Media nicht nur als Problem, sondern auch als „Frenemy“ sehe.


Social Media: Feind des Journalismus?

Miller wiederum zeichnet ein düsteres Bild, wenn es um die Gefährdung von Journalismus und Demokratie durch Social Media geht. „Wir könnten uns im goldenen Zeitalter des Journalismus befinden, aber tatsächlich tötet Social Media den Journalismus“, sagt er. Denn zwar könnten Journalisten mit den neuen Tools besser recherchieren und ihre Inhalte schneller verbreiten, doch die Geschäftsmodelle der Medien sind durch den Aufstieg von Programmatic Advertising in Gefahr – daher verlieren tausende Journalisten weltweit ihre Jobs, die restlichen müssen unter dem ökonomischen Druck heute zehn Mal so viele Artikel schreiben wie früher. Hier sieht Rogers wiederum das Geschäftsmodell der Onlinemedien in der Kritik: Der Erfolg von Display Advertising hänge von der Menge der Zugriffe ab, und das verleite zu reißerischen Headlines und Clickbaiting.

„Es stimmt aber nicht, dass alles den Bach runtergeht“, sagt Milborn. Professionelle Redaktionen seien nach wie vor wichtig für eine Demokratie – und die Maximimierung von Aufmerksamkeit sei mit Social Media kein neues Phänomen: Der Druck von Flugblättern ging früher Hand in Hand mit Hexenverbrennungen, und die Faschisten haben sich das Radio als Massenmedium zunutze gemacht. Wichtig seien hier klare Regeln, in denen jene zur Verantwortung gezogen werden, die die Informationen verbreiten. Die entsprechende Notwendigkeit eines „Level-playing-field“ sieht auch Albert – und verweist auf die Auswirkungen, die Social Media beim Brexit-Referendum und der US-Wahl hatten. Die Politik sei hier gefragt, schnell und richtig zu handeln – hier sieht Miller Potenzial, dass es künftig mehr Regulierung geben wird, und dass es vor allem zwischen den EU-Staaten und den US-Konzernen in den kommenden Monaten noch Konflikte geben wird.

Martinez hält dem entgegen, dass Mark Zuckerberg im Rahmen der Anhörung sehr wohl eingestand, als Tech-Unternehmer auch für den Inhalt auf seiner Plattform verantwortlich zu sein: „Aber wollen wir wirklich, dass Zuckerberg Chefredakteur der Welt ist?“

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