Sind wir bereit, unsere Privatsphäre zu opfer...
 

Sind wir bereit, unsere Privatsphäre zu opfern?

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Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um Heizungsthermostate in Verbindung mit Sozialen Medien, Mangas und Neo-Luddites

Google hat durchblicken lassen, dass sie über ein Heizungsthermostat in der Lage wären, den Schlaf der Hausbewohner zu verfolgen. Wenn man dazu emotionsbetonte Stichworte in den Sozialen Medien auswertet (wie Facebook & Co es tun), dann kann Big Brother mit großer Treffergenauigkeit eruieren, in welchen Haushalten beispielsweise eine depressive Verstimmung herrscht.

Willkommen im Zeitalter der totalen Transparenz. Vielleicht sollten wir einen Moment inne halten und überlegen, ob diese Tendenz zur Abschaffung der Privatsphäre wirklich so nützlich ist, wie sie von den Technologieaposteln dargestellt wird?

Das Pew Research Center hat sich bei 2.500 Fachleuchten aus den verschiedensten Bereichen umgehört, ob unser Konzept von Intimsphäre noch eine Zukunft hat. Sowohl Regierungen als auch private Unternehmen hamstern Daten zu privatem Verhalten mit einer Gier, die eine Horde ausgehungerter Eichhörnchen verblüffen würde. Derweilen werden die Bürger mit Versprechungen auf mehr Bequemlichkeit eingekocht. Einige Vorausdenker sind daher zu der Überzeugung gekommen, dass in nur zehn Jahren viele Menschen die Idee von ‚privat’ gar nicht mehr recht verstehen werden.

Massenüberwachung wird über kurz oder lang als normal akzeptiert sein. Doch die erzwungene Durchsichtigkeit mag nicht für alle gleich gelten; es ist denkbar, dass künftig Privatsphäre käuflich erworben werden kann – der Privatbereich wäre dann von einem ‚Recht’ zu einem ‚Luxus’ mutiert.

Diese Entwicklung hat nicht bloß damit zu tun, dass wir im Internet digitale Schleimspuren hinterlassen. Marketer unternehmen seit Jahren gewaltige Anstrengungen, um Datenprofile der Kunden zu erstellen. Wer Treuekarten einlösen will, muss Name und Anschrift bekannt geben. Wer online eine Meinung abstellen will, muss sich bei den meisten Medien-Sites zu erkennen geben. Die Anhäufung solcher Daten führt dazu, dass uns der Mantel der Anonymität Faden um Faden entzogen wird.

Dazu kommt, dass wir für die Digitalwelt kein rechtes Sensorium haben. Wenn uns jemand schief anblickt, spüren wir ein Unbehagen. Wenn wir hinter geschlossenen Gardinen von Angesicht zu Angesicht plaudern, wähnen wir uns unbeobachtet. Im Internet gibt es aber keine Vorhänge, und wir spüren auch nicht, wenn uns jemand über die Schulter blickt.

Das Geschäftsmodell von Facebook beruht letztlich darauf, bei sozialen Kontakten ‚anwesend’ zu sein, was die Trennung zwischen ‚öffentlich’ und ‚privat’ verschwimmen lässt. Das führt gelegentlich zu peinlichen Situationen, etwa, wenn FB zur Erhöhung der Verweildauer den Nutzern ungefragt die „besten Momente“ des abgelaufenen Jahres unter die Nase reibt ... und dann befinden sich darunter Bilder von verstorbenen Kindern.

Die Frage ist, wie weit diese Durchleuchtung gehen soll. Eifrige Sozialaktivisten wollen auch vor den Gehirnen nicht Halt machen. Gerade findet in Japan eine Diskussion statt, warum Mangas, die kindlich aussehende Figuren in sexuellen Situationen darstellen, noch nicht verboten sind. Die Manga-Fans argumentieren, es wären ja bloß Zeichnungen und niemand käme dabei zu Schaden. Die Kritiker dagegen meinen, dass selbst gezeichnete Pornographie die Benutzer auf ‚falsche Gedanken’ bringen könnten.

Unter solchen Auspizien kann alles überwacht und jeder Mensch einer potenziellen Überschreitung beschuldigt werden. Die Gefahr besteht hier, dass rein ästhetische Urteile („grässliche Comics“) plötzlich zu moralischen Anklagen und dann in der Folge zu gesetzlichen Verurteilungen aufgeblasen werden. Wer möchte in so einer Welt leben?

Quellen:

http://www.telegraph.co.uk/technology/google/11325220/Nest-thermostat-now-knows-when-youre-sleeping.html

http://www.theatlantic.com/technology/archive/2014/12/by-2025-the-definition-of-privacy-will-have-changed/383869/

http://theconversation.com/your-life-is-facebooks-business-model-like-it-or-not-35841

http://www.bbc.co.uk/news/magazine-30698640

http://www.theatlantic.com/national/archive/2015/01/to-entrap-an-innocent/384273/

Kommt eine Welle der Technikmüdigkeit?

Die Londoner Agentur Hotwire gelangt in ihrem sechsten jährlichen „Digital Trends Report“ zu dem Schluss, dass ein Teil der jungen Generation sich unabhängiger von den Moden der Konsumelektronik machen möchte. Ein Anlass dafür ist die allgegenwärtige digitale Werbung. Im Großen und Ganzen wird der stille Vertrag – hie Gratiskonsum von Inhalten, da Werbung – akzeptiert. Es könnte aber die Bereitschaft zunehmen, sich von kommerzieller Einflussnahme freizukaufen. Bemerkenswert an dieser Entwicklung ist die Altersgruppe: Es beklagen sich nicht Oldies über den Werbeschwall, sondern Junge.

Der englische Sammelbegriff für Technikverweigerer ist „Luddites“; entsprechend wird die jüngste Ausgabe als „Neo-Luddites“ bezeichnet. Ein Ansatzpunkt für die Prognose zunehmender Technikmüdigkeit ist die nachlassende Zugkraft sozialer Netzwerke – die wöchentlichen Nutzerzahlen sind in Großbritannien binnen eines Jahres von 65 auf 56 Prozent gefallen.

Zudem scheint unter Handybenutzern weltweit eine Hysterie ausgebrochen zu sein: Mehr als die Hälfte(!) gab bei Befragungen an, Angstgefühle zu erleben, wenn sie ihr Mobiltelefon nicht benutzen können. Für die Süchtigen gibt es eine simple Lösung: das noPhone – sieht aus wie ein Handy, hat aber kein Innenleben. Eine Konsumelektronik-Entwöhnungsphase wäre wohl förderlich für die seelische Gesundung...

Quelle:

http://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-2875997/Next-year-s-big-trend-ANTI-TECH-2015-set-year-people-forsake-gadgets-social-networks-simpler-life.html

http://www.digitaltrendsreport.com/7-tech-darling/

Tipp der Woche:

Werbung für die Werbung

Thinkbox hat eine herzerwärmende Serie von Kurzfilmen fabriziert, in denen Harvey, der schlaueste Hund der Welt, Fernsehwerbung benutzt, um zu bekommen, was er sich wünscht. Ursprünglich war es ein Heim, jüngst ging er Speed-Dating. Köstlich! (Kommt auf einem großen Fernsehbildschirm allerdings wesentlich besser rüber als auf dem YouTube-Winzformat!)

Quelle:

https://www.youtube.com/watch?v=Ga7eVrqTrAw
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