SIM CITY
 

SIM CITY

Die SIM-Karte als Ausweis für Bibliotheken, Ämter und Ärzte. Wie die Chipkarten in den nächsten Jahren Ihr Leben verändern werden.

Ihre Kreditkarte hat eine, Ihre Bankomatkarte hat eine und Ihr Handy auch. Bald wird Ihr Auto nur noch mit ihr fahren wollen, Ihre Wohnungstür beim Öffnen und Ihr Computer beim Hochstarten nach ihr rufen. Die Rede ist von der SIM Card, dem fingernagelgroßen, gold glänzenden Rechteck, das immer öfter zum Einsatz kommt, wenn es darum geht, Ihre Identität sicherzustellen.



Seit Anfang der achtziger Jahre, als die SIMs erstmals auf Bankomatkarten verwendet wurden, um die Konten ihrer Besitzer vor unbefugtem Zugriff zu schützen, sind sie als Speichermedium für heikle Daten immer wichtiger geworden. Besondere Bedeutung haben sie mit dem Handyboom erlangt, denn nur mit Hilfe der SIM-Karten können die Netzbetreiber feststellen, von welchem Handy aus telefoniert wird, und das Telefonat entsprechend abrechnen. Nun tritt die SIM-Karte endgültig ihren Siegeszug an - als Geldbörse, Schlüssel und digitale Unterschrift.

Demnächst werden Sie sich jedenfalls mit dem Computerchip bereits amtlich ausweisen können. Seit September läuft die Ausschreibung zur Herstellung einer österreichischen Sozialversicherungskarte mit integriertem Chip, die schon ab 2002 die Krankenscheine ersetzen soll. Für das kommende Frühjahr wird im Burgenland in den Bezirken Eisenstadt, Rust und Neusiedl ein Pilotversuch gestartet, im Zuge dessen 80 Ärzte von ihren Patienten keine Behandlungsscheine mehr erhalten werden.

Adolf Mandl, stellvertretender Generaldirektor beim Hauptverband der Sozialversicherungen und Projektleiter für die Einführung der Chipkarten: "Wir werden die dafür notwendigen Geräte in ausgesuchten Referenzpraxen installieren. Bei zwanzig Ärzten werden wir mit Stoppuhren genau messen, wie viel Zeit sie sich damit ersparen." Mandl geht davon aus, dass sich die geschätzten Gesamtkosten von einer Milliarde Schilling für die bundesweite Einführung der neuen Sozialversicherungskarte ab Jänner 2002 alleine durch die Arbeits- und Zeitersparnis binnen der nächsten fünf Jahre rentieren werden.



Digitale Rezepte


In der Folge ist bereits angedacht, dass die Sozialversicherungskarte auch die handgeschriebenen Rezepte ersetzen soll und als medizinische Notfallkarte verwendet werden kann, auf der zum Bespiel Informationen über Krankheiten oder Allergien ihrer Inhaber gespeichert werden. Im nächsten Jahrzehnt könnten dann sogar amtliche Ausweise wie Führerscheine oder Reisepässe mit einem Computerchip kombiniert werden.

Wozu die SIM-Karten im Alltag noch verwendet werden können, wird derzeit in Southampton im Süden Englands ausgelotet. In der Stadt mit 215.000 Einwohnern läuft seit Anfang Juni ein groß angelegter Pilotversuch mit Smart Cards, jenen scheckkartengroßen Plastikkarten mit integriertem SIM-Chip. Southampton nennt sich seither stolz SmartCity (www.smartcities.co.uk). In der Stadt öffnet die SmartCity Card ihren Inhabern auch Tür und Tor in vielen städtischen Einrichtungen.

Wenn die Southamptoner ins Schwimmbad gehen, benötigen sie kein Bargeld, sondern müssen nur ihre Karte zücken, wenn sie mit Bus oder Straßenbahn fahren, genügt es, sie kurz in den Fahrkartenautomat zu schieben, wenn sie ein Buch aus der Bücherei entlehnen oder ein Museum besuchen, muss die Karte nur kurz in ein entsprechendes Terminal geschoben werden - schon ist die Sache erledigt. 30 Monate lang werden die Einwohner der Stadt kaum Bargeld benötigen, wenn sie öffentliche Einrichtungen benutzen, und selbst einige Supermärkte haben sich dem Versuch angeschlossen.





Sichere Transaktionen


Ziel dieses Pilotversuchs ist es vor allem, bessere Sicherheitsstandards und eindeutigere User-Identifikationen für SIM-Transaktionen zu entwickeln. Die Eingabe eines vierstelligen Zifferncodes scheint für die vielen Einsatzzwecke der Zukunft kaum ausreichend zu sein. Es ist eben ein Unterschied, ob Sie mit Hilfe einer SIM-Karte Ihr Tageshoroskop abrufen oder ob Sie sich damit ausweisen und so den Zugriff auf persönliche Daten gestatten.

"Wir müssen sichere Transaktionen gewährleisten können", sagt Russell Perry, Daten-Product-Manager beim österreichischen Mobilfunkbetreiber One. Er ist überzeugt, dass die Karten in Zukunft mit einer Art digitalen Signatur versehen sein werden. Dafür ist allerdings noch einiges an Forschungsarbeit notwendig. "Derzeit laufen die Transaktionen zum Großteil noch unverschlüsselt ab. Beim Kauf von ÖBB-Fahrscheinen oder Kinokarten ist das kein großes Problem. Sobald es aber um größere Geldbeträge geht, muss es neben dem vierstelligen PIN-Code zumindest noch ein weiteres Sicherheitsmerkmal geben", meint Perry.

Die Smart Card ist nämlich auch der Schlüssel zum so genannten M-Commerce, dem mobilen Handel per Handy. Sie soll sicherstellen, dass Sie schon in zwei Jahren mit dem Handy an der Supermarktkassa bezahlen können, ohne dabei an der Sicherheit der Transaktion zweifeln zu müssen.

"Im Moment haben wir eine skurrile Situation", sagt Joseph Walkner, Geschäftsführer des heimischen Chipkartenherstellers Austria Card. "Wir gehen zum Bankomat und holen uns mit der Chipkarte Geld. Dabei wäre es mit der Karte genauso gut möglich, gleich zu bezahlen." Skurril ist das auch, weil Österreich bereits 1995 als erstes Land der Welt mit der Quick-Karte eine elektronische Geldbörse eingeführt hat, die jedoch immer noch sehr selten eingesetzt wird. Walkner: "Damals waren die Banken sehr innovativ, haben aber darauf vergessen, den Handel einzubinden. Mit Quick konnte man lange Zeit nirgendwo bezahlen."



Chips mit Zukunft


Auch aus dem Entertainment-Sektor und dem Internet werden die Chipkarten in Zukunft nicht mehr wegzudenken sein. So hat Sega Ende Juni angekündigt, in Japan ein Glasfasernetz mit dem Namen "Entertainment Stage net@" und einer Kapazität von einem Gigabyte pro Sekunde - dem 8.000fachen von ISDN - zu errichten. Wer ein Spielchen riskieren möchte, wird sich mit einer Smart Card in dieses Netz einloggen können und beinahe in Echtzeit online spielen können.

Derzeit arbeiten die SIM-Karten-Hersteller an der Standardisierung der SIMs für die nächste Generation der Mobilfunknetze. Der USIM (Universal SIM), der in den UMTS-Handys der Zukunft stecken und die Kommunikation zwischen dem Handy und Terminals ermöglichen wird, wird wesentlich leistungsfähiger sein und daher wesentlich mehr Sicherheitsmerkmale haben als die heutigen Chips.

Herbert Schwach, SIM-Manager bei der Mobilkom Austria: "Die SIM-Karte wird für die Netzbetreiber mit den Möglichkeiten, die UMTS eröffnet, in den nächsten Jahren eine besonders wichtige Rolle spielen. Nur sie kann als Sicherheitselement die Teilnehmeridentität feststellen und die Zugriffe prüfen und signieren." (ps)

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