„Schon mehr als 15.000 WhatsApp-Abonnenten“
 

„Schon mehr als 15.000 WhatsApp-Abonnenten“

red
fjum-Geschäftsführerin Daniela Kaus im Gespräch mit Gerlinde Hinterleitner, Gründerin und Verlagsleiterin von derStandard.at.
fjum-Geschäftsführerin Daniela Kaus im Gespräch mit Gerlinde Hinterleitner, Gründerin und Verlagsleiterin von derStandard.at.

derStandard.at-Chefin Gerlinde Hinterleitner plauderte bei „Journalism 2020“ aus dem Nähkästchen und zeigte Trends im Online-Journalismus auf

Im Rahmen der Talkreihe „Journalism 2020“, ins Leben gerufen vom Presseclub Concordia, dem Medienhaus Wien und dem Forum Journalismus und Medien Wien (fjum), fand sich am Mittwochabend Gerlinde Hinterleitner zum Gespräch im intimen Kreis im Presseclub Concordia in der Wiener Bankgasse ein. Die Gründerin und Verlagsleiterin von derStandard.at gab Einblicke ins tägliche Schaffen der Onlineredaktion, reflektierte die letzten 20 Jahre seit der Gründung des Newsportals im Jahr 1995, plauderte über die weiteren Ziele und sprach Trends im Online-Journalismus an. Durchs Gespräch führte fjum-Geschäftsführerin Daniela Kaus.

Personalisierte News & neue Erzählformen

Laut Hinterleitner gibt es Punkte, die damals wie heute ihre Gültigkeit im online-journalistischen Feld haben – etwa die Anforderung an Aktualität. In heutigen Zeiten gehen da Anbieter wie Facebook schon den nächsten Schritt und spielen den Usern in Echtzeit angepasste Inhalte aus. Die Online-Expertin dazu: „Wir haben es hier mit einer großen Veränderung zu tun, die stark datengetrieben ist und müssen uns fragen, welche Auswirkung das auf unsere journalistische Arbeit hat. Wie können wir unseren Usern ein besseres Angebot bieten als jenes, das wir manuell produzieren?“ Personalisierung aufgrund von Daten ist also das Stichwort; ein mögliches Beispiel: User, die erst vor zwei Stunden auf der Seite waren, sehen andere Inhalte als jene, bei denen der letzte Besuch bereits einen Tag her ist. Das ist aber noch Zukunftsmusik.

Ein anderer wichtiger Trend sei Liveberichterstattung. Allein in diesem Jahr gab es davon auf derStandard.at schon mehr Content als in den vergangenen zwei Jahren zusammen. Um das zu optimieren wurde sogar ein eigenes Tool kreiert. Was demnächst auch Thema bei derStandard.at sein wird: Geschichten, die weitergedreht werden. Artikel sollen für die Leser transparent weitergebaut werden und nicht mehr durchgeschriebene Stand-Alone-News sein.

Junge Leser über WhatsApp abholen

Eine weitere Änderung, mit der das Portal bereits seit einiger Zeit konfrontiert ist, ist das Aufbereiten einzelner Meldungen für unterschiedliche Ausgaben und Kanäle. Ein Artikel erscheint ja heutzutage nicht mehr einfach nur in Print und Online, sondern will auch via Facebook, Twitter und Co. angeteasert werden – und zwar immer in passender Tonalität zur Zielgruppe. Besonders spannend ist für Hinterleitner die Kommunikation via WhatsApp. derStandard.at hat vor ein paar Monaten damit begonnen, Eilmeldungen und einen News-Überblick über das beliebte Kommunikationstool zu versenden. Erfreuliches Fazit: Mittlerweile werden mehr als 15.000 Abonnenten gezählt. „Wir erhalten hier unglaublich viel positives Feedback und erreichen jene jungen Leute, die uns sonst abhandenkommen“, so Hinterleitner und weiter: „Wenn gewisse Menschen nicht mehr zu uns kommen, müssen wir eben dorthin gehen, wo sie ihre Nachrichten konsumieren.“ Überhaupt steige der mobile Traffic ja bekanntermaßen zusehends.

Kommentare, Kommentare, Kommentare

Das Portal hat auch eine äußerst rege Kommentar-Anhängerschaft – laut Hinterleitner kommen im Schnitt pro Tag 25.000 Meinungsäußerungen zusammen. Am Höhepunkt der Flüchtlingskrise wurden an einem Tag sogar mehr als 40.000 Postings gezählt, „das war nicht mehr zu managen“, kommentiert die Online-Chefin. Ziel sei stets eine gute Diskussion - das Forum soll den öffentlichen Diskurs bereichern. Das klappe auch ganz gut, denn „an manchen Tagen haben wir nur mehr eine Löschquote von 2 Prozent“, gibt sie Einblick. Auch interessant: Die Kommentare stammen von etwa 1 Prozent der Leser. Und wer sind diese Schreiberlinge? „Wir haben vor einiger Zeit ein paar eifrige Poster zu uns eingeladen, weil wir selbst neugierig waren und es sind ganz normale Menschen“, schmunzelt Hinterleitner.

Finanzierung auf zwei Standbeinen

derStandard.at verdient seit 2005 Geld, es hat also zehn Jahre gedauert, bis das Portal rentabel wurde. Hinterleitner verweist hierbei darauf, dass sich die Plattform nicht nur auf Online-Werbung stützt, sondern vor allem auf die Rubrikenmärkte für Jobs und Immobilien. Die Online-Werbeeinnahmen allein würden ihr zufolge nicht ausreichen, um schwarze Zahlen zu schreiben. Problematisch sieht sie die hohe Anzahl an Usern, die Adblocker im Einsatz haben, also Werbung ausblenden und so die Einnahmen aushebeln. Das sind laut Hinterleitner gut 25 bis 30 Prozent. Eine Bezahlschranke schließt sie dennoch aus, schließlich sei man an möglichst großer Reichweite interessiert und das würde sich widersprechen. „Nur mithilfe von Dienstleistung und Service können wir Geld verlangen, aber nicht mit General Interest News“, ist Hinterleitner überzeugt, die eine Reihe neuer Features ankündigt, aber noch keine Details preisgibt.
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