Rückkehr des Propagandakrieges
 

Rückkehr des Propagandakrieges

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Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um die Gaming-Plattform Twitch, technische Einkaufserlebnisse und den russischen Staatsfunk

Ein neuer russischer Staatsfunk

Im östlichen Teil der Ukraine einrollendes Kriegsmaterial als „humanitäre Hilfe“ auszuloben, verlangt politisch hörige Medien. Detto die Veröffentlichung eines bizarren Kommentars, der die USA beschuldigt, „trotzkistische Politik“ zu betreiben. (Leo Trotzki war ein kommunistischer Revolutionär, der auf Stalins Anordnung 1940 im Exil in Mexiko ermordet wurde.) Um solch bodenlosen Unsinn zu verbreiten, braucht es gesteuerte Medienmacht – einen Propagandasender.

Genau den hat sich Moskau nun eingerichtet. Ein neues Medienunternehmen namens Sputnik (benannt nach dem ersten Sowjetsatelliten im All, 1957) soll via Nachrichtenagentur und Radiostationen Propaganda in 30 Sprachen in die Welt hinausfunken. Sputnik ist aus "Rossiya Segodnya" ("Russland heute") hervorgegangen.

Gefunkt wird nicht nur von Moskau aus, sondern auch von Weltstädten wie Paris, London, Washington, New Dheli, Rio de Janeiro und Berlin. Die Nachrichtenbüros sollen personell großzügig besetzt werden. Diese finanzielle Largesse ist erstaunlich, da das Rohstoff-abhängige Land vom Einbruch des Erdölpreises schwer getroffen ist und der Rubel sich im Sturzflug befindet.

Russland kann sich anscheinend nicht mehr auf die ‚nützlichen Idioten’ im Westen verlassen, die etwa den Abschuss des malaysischen Passagierflugzeuges dem ukrainischen Militär mit gefälschten Fotos in die Schuhe schieben würden. Die derzeitige russische Führung ist ideologisch flexibel; im Ausland wird unterstützt, was der eigenen Sache nützt – von linksextremen bis zu rechtsextremen Gruppen. Hauptsache, großrussische Propaganda sickert irgendwo ein.

In dieses Bild passt, dass Ex-President Gorbatschov (der übrigens die Krim-Annexion in Ordnung findet) bei einer Rede nahe der ehemaligen Berliner Mauer davor gewarnt hat, es drohe ein neuer Kalter Krieg. Die erste eingesetzte Waffe ist Propaganda.

P.S.: Das sich verschlechternde Medienklima veranlasst den Nachrichtenriesen CNN, sich mit Jahresende aus dem russischen Kabelfernsehen zurückzuziehen.

P.P.S.: Ein historischer Rhythmus? 1814 war ein entscheidendes Jahr (der napoleonische Größenwahn besiegt und Europa bei einem Kongress in Wien neu geordnet), dann 1914 und nun 2014 – das Jahr, in dem russische Expansionspolitik abermals einen Kalten Krieg einleitete…

Quellen:

http://www.washingtontimes.com/news/2014/nov/16/sputnik-launched-by-russia-to-silence-dissent-comb/

http://mashable.com/2014/11/10/cnn-pulls-out-of-russia/

http://www.thesundaytimes.co.uk/sto/news/focus/article1484299.ece (Paywall)

Technik & Einkaufserlebnis

Männer mögen bekanntlich Shopping nicht, besonders Kleidungskauf geht den meisten auf den Geist. Weshalb in Seattle ein Jeansgeschäft namens Hointer radikal neue Wege versucht: Eine eigene App erlaubt Kunden, Hosen auszuwählen, die man anprobieren möchte. Im Geschäft liefert dann ein Roboter die Ware direkt in die Umkleidekabine. Die ungewünschten Kleidungsstücke werden via Rutsche retourniert, Bezahlen kann man natürlich auch in der Kabine.

Die Verknüpfung von Web, Apps und Roboter hält Einzug im stationären Handel. Laut Marktforschungsfirma IHL wird der globale Handel im kommenden Jahr rund 190 Milliarden(!) Dollar in IT investieren. Grund: Der Onlinehandel gewinnt immer noch an Boden. Laut jüngsten Daten des British Retail Consortium ging die Kundenfrequenz in den Geschäften im September um 0,9 Prozent zurück, während die Digitalhändler um 7 Prozent zulegten. Fehlt nur noch, dass die Onlineriesen sich auch gemauerte Geschäfte zulegen (demnächst Amazon in New York?).

Dennoch ist Technik kein Allheilmittel. In Großbritannien sind die ersten Selbstbedienungskassen bereits vor zwölf Jahren eingeführt worden, und immer noch stoßen diese Dinger auf verbreitete Ablehnung (jeder dritte Einkäufer hat schon einmal ein Geschäft aufgrund Ärgers mit den Selbstbedienungskassen verlassen!). In Amerika haben EH-Ketten wie Costco begonnen, die Selbstbedienungskassen zu entfernen. Besonders von Luxusgeschäften kommt das Signal: genug der Digitalisierung. In der Tat hatte eine Umfrage bei 60 britischen Händlern ergeben, dass drei Viertel der Kunden lieber im Geschäft als Online einkaufen.

Das menschliche Element ist nach wie vor gefragt, und die Technik wird dieses Verlangen nicht so schnell zum Verschwinden bringen...

Quelle:

http://www.ft.com/cms/s/2/32731e0c-634b-11e4-8a63-00144feabdc0.html#axzz3JPZxDzMB

Ein neues Kulturphänomen: Zuschauen

Zur Hauptabendsendezeit sind im Internet in den USA die zwei begehrtesten Stationen die Videosite YouTube sowie Filme/TV von Netflix. An dritter Stelle liegt überraschend Twitch – eine ausschließlich Digitalspielen gewidmete Plattform, deren Gag darin besteht, dass man hier Profispielern zusehen kann, wie sie einander in den virtuellen Welten bekämpfen. Spielefunk statt Rundfunk. Die Monatsabogebühr beträgt 5 Dollar.

Die in San Francisco beheimatete Website zieht monatlich zwischen 45 und 50 Millionen Besucher an. Google war ganz scharf auf Twitch, Amazon schnappte aber kürzlich um fast eine Milliarde Dollar zu.

Beim unbeteiligten Betrachter könnte sich der Verdacht regen, dass dieses Phänomen Teil der ‚Pornofizierung’ unseres Lebens ist: Zusehen statt selber in die Welt hinauszugehen und um das, was man sich wünscht, zu kämpfen...

Quelle:

http://www.bbc.co.uk/programmes/p02b0xmw

Update: Die dritte industrielle Revolution frisst ihre Kinder

Im Blog-Eintrag vom 31. Oktober (hier geht's zur Nachlese) wurde eine Schätzung erwähnt, derzufolge in den USA zig Millionen von Arbeitsplätzen wegautomatisiert werden könnten. Die Universität von Oxford und Deloitte sind in Großbritannien zu einer ähnlichen Schlussfolgerung gekommen: Gut ein Drittel der Jobs könnten in nur zehn bis zwanzig Jahren dem Vormarsch von Robotern und künstlicher Intelligenz zum Opfer fallen. Besonders schlecht bezahlte Jobs wird es erwischen. Am verhältnismäßig besten sollte sich da London behaupten, und dort im speziellen die Kreativbranchen.

Selbst die Studienautoren waren überrascht vom Ausmaß der Jobzerstörung. Die Auswirkungen sind bereits sichtbar: So sind in London in den vergangenen zwölf Jahren 65 Prozent der Bibliotheksangestellten abgebaut worden und fast die Hälfte aller Sekretariatsjobs verschwunden. Künftig wird Arbeit vor allem dort nachgefragt sein, wo es um persönliche Kontakte, um wissenschaftliche Erkenntnisse, um Managementfähigkeiten geht. Interessanterweise kam die Studie zu dem Schluss, dass London weltweit die größte Zahl von hochqualifizierten Arbeitsplätzen besitzt, nämlich 1,5 Millionen, gefolgt von New York mit 1,1 Millionen. Diese Jobs dürften ziemlich roboterfest sein.

Um sich auf die neue Wirtschaft einzustellen, empfahl der Bericht digitales Know-how zu fördern, ferner Kreativität, Unternehmertum, Problemlösungs- und Managementfähigkeiten. (Siehe auch den Kommentar „Das große Augenreiben“ im aktuellen HORIZONT)

Quelle:

http://www.telegraph.co.uk/finance/newsbysector/industry/11219688/Ten-million-jobs-at-risk-from-advancing-technology.html

Update: Wearables

Das Marktpotenzial von Wearables ist vielleicht noch größer als angenommen, wenn man Geräte für Haustiere dazu zählt. So ist etwa ein GPS-Hundehalsband geplant, das den Aufenthaltsort und die Fortbewegung des Tieres registriert. Sogar für Katzen gibt es ähnliche Angebote. Demnächst im Anmarsch: Wearables, die Gesundheitsfunktionen überprüfen und sogar elektronische Geräte, die die Kommunikation Mensch-Tier beflügeln sollten ...

Quelle:

http://theconversation.com/wearable-tech-isnt-just-for-humans-dogs-cats-and-chickens-are-sporting-it-too-34020

[Walter Braun]
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