Roboter texten in Berlin
 

Roboter texten in Berlin

Datenjournalismus und der Einsatz von Robotern bietet Freiraum für Journalisten und Service für Leser – die "Berliner Morgenpost" als Role Model für innovative Regionalzeitungen

Berlin. Charlottenburg, Kreuzberg oder doch Pankow - die Mietkarte der Berliner Morgenpost, die jeden Kiez erfasst, weiß, wo es mit welchem Haushaltseinkommen Sinn macht, sesshaft zu ­werden. Sie war mit Abstand die meistgeklickte interaktive Anwendung der Website der Regionalzeitung.

Datenjournalismus ist nicht nur ein Modewort, sondern bietet Lesern, wenn er richtig genutzt wird, echte Serviceleistungen. Das hat die Berliner Morgenpost, bisher bei Axel Springer und seit 1. Mai Teil der Funke Mediengruppe, erkannt.

"Vor zwei Jahren hatten wir ­einen Kollegen, der coden konnte. Er entwickelte interaktive Anwendungen für unsere Homepage. Das war anfangs ein Experiment", erinnert sich Carsten Erdmann, Chefredakteur der Zeitung. Inzwischen sitzt das sogenannte Interactive Team, der Journalist ­Julius ­Tröger, der contentinteressierte Softwareentwickler Moritz Klack und ein weiterer Journalist, mitten im Newsroom und hat eine Reihe spannender und erfolgreicher Anwendungen programmiert.

Erfolgreiche "Mietkarte"

"Mietkarte", "Straftaten in Ihrem Kiez", "So hat Ihr Kiez gestimmt" sind einige Beispiele. Das "Flugroutenradar" etwa zeigt alle Flüge der letzten drei Jahre über Berlin im Detail. Hintergrund: In Berlin ist die Lärmbelästigung durch tieffliegende Flugzeuge enorm - das Radar konnte beweisen, dass einige Fluglinien deutlich und frühzeitig von ihren Flug­routen abweichen.

"Die aufbereiteten ­Datenmappen sind Service für Leser und Recherchetool für Journalisten und haben uns schon manche ­Titelstory beschert. Power und Möglichkeiten des Datenjournalismus werden noch nicht annähernd ­erkannt", findet Erdmann. Umso mehr macht es Sinn, dass das Trio inmitten der rund einhundert Journalisten der Zeitung sitzt.

"Wir haben Strukturen aufgebrochen", erinnert er sich, "der Technologiebereich ist selten in der ­Redaktion angesiedelt. Die digitale Welt erfordert es aber, dass Barrieren aufgehoben und Wände eingerissen werden."

Roboter für Erdbeben und Feinstaub


Die Berliner Morgenpost ist inzwischen schon beim nächsten Projekt angelangt: Roboterjournalismus hat in die Redaktion Einzug gehalten. "Vor ein paar Monaten gab es in Los Angeles ein Erdbeben, da konnte man erstmals Quakebot beobachten, der auf der Homepage der Los Angeles Times automatisch Artikel veröffentlichte, während die Journalisten vermutlich noch unter den Sesseln Schutz suchten", erinnert sich Erdmann.

Auch Börsenberichte werden inzwischen von Robotern verfasst. Das Team der Berliner Morgenpost fand ein neues Anwendungsgebiet, das einen Versuch für den Einsatz künstlicher Intelligenz wert war: die Feinstaubmessung in Berlin. Erdacht, gesagt, getan.

Die Datenbank der Messstation wurde eingelesen, Algorithmen für interessante Daten, wie Höchstwerte oder Überschreitung von EU-Richtlinien wurden erarbeitet und inzwischen tippt die neue Roboter-Software täglich um 14 Uhr einen Artikel.

Nischenthemen als Test für die Zukunft


"Das ist ein Test in einem Nischenthema. Reichweite generierten wir mit unserer interaktiven Anwendung zur Fußball-WM", so der Chefredakteur. Aber funktioniert der ­Pilot ohne gröbere Fehler, dann werde man nach weiteren Anwendungsfeldern suchen. Ideen gibt es genug. So kann sich Erdmann vorstellen, den ­Radiostationen die ­Vormacht im Hinblick auf Verkehrsberichterstattung ein wenig abzugraben - Moderatoren, die Listen von Verkehrsmeldungen verlesen, machen eben Fehler, und ein Roboter nicht.

Er könnte sogar per­sonalisierte Verkehrsberichte superschnell erstellen. "Roboter helfen komplexe spannende Daten zu entschlüsseln und schaffen Freiraum für Journalisten", meint Erdmann, "wo der Mensch unschlagbar ist, ist die Deutung von Zusammenhängen und das Sprachgefühl. Es geht nicht darum, Arbeitskräfte einzusparen, sondern uns für die Zukunft zu positionieren. Das muss jeder Verlag auf seine Weise tun."

Dieser Artikel erschien bereits am 5. September in der HORIZONT-Printausgabe 36/2014. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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