PR-Kampagne bringt Nichtraucherschutz auf Sch...
 

PR-Kampagne bringt Nichtraucherschutz auf Schiene

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Die ‚Don’t Smoke‘-Initiative von asoluto im Auftrag der OeGHO könnte in neue und zeitgemäße Gesetze münden – noch vor dem Sommer

Nach einer Stunde und zwei Minuten ist das Gespräch bei asoluto mit den Köpfen der Don’t-Smoke-Initiative beendet. In dieser Zeit wurden in Österreich 2,1 Millionen Zigaretten geraucht und dafür 429.000 Euro ­ausgegeben – ein Vielfaches des Kampagnenbudgets. Und, so wie jede Stunde, starb in dieser Zeit ein Mensch im Land direkt an den Folgen des Rauchens.

Üblicherweise ist man bei asoluto public + interactive relations nicht sehr proaktiv, was die mediale Präsentation eigener Projekte betrifft – obwohl die Kommunikationsagentur mit rund 25 Mitarbeitern zu den größten des Landes zählt. Man arbeitet über alle Kanäle und in allen Feldern, meist mit Kunden aus der Wirtschaft. In den jüngsten der 30 Jahre (asoluto ging aus Menedetter PR und Verdino com hervor), hat sich ein „Gesundheitsschwerpunkt“ entwickelt, wie Managing Partner Martin Verdino erzählt. Und so saß man im Sommer 2014 mit Hellmut Samonigg am Tisch, Chef der Onkologie an der Uni-Klinik in Graz und Präsident der OeGHO, der Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie. Die OeGHO ist asoluto-Kunde.

„Samonigg trat mit dem dringlichen Anliegen an uns heran, dass wir uns dem Thema Rauchen widmen, er selbst sehe ja tagtäglich als Arzt ­Menschen an dieser häufigsten und am leichtesten vermeidbaren Todesursache sterben, an 15 verschiedenen durch Rauchen mitverursachten Arten von Krebs, sowie an chronischen Lungen- und Herz-Kreislauf-Krankheiten“, erinnert sich Brigitte Mühlbauer, ebenso Managing Partner bei asoluto. Was man nicht machen wollte: die hundertste Nichtraucher-Kampagne. ­Einige Gespräche und manche Zweifel später war man sich klar, dass man „die Challenge annehmen“ würde, nämlich, eine Initiative ins Leben zu rufen, die sich neben Aufklärung und Appellen vor allem zum Ziel setzt, den Nichtraucherschutz in Österreich gesetzlich zu verbessern, und zwar um Quantensprünge: In der Tobacco Control Scale (TCS), erstellt von der Association of European Cancer Leagues, liegt Österreich aktuell nur auf dem beschämenden Platz 34 von ebenso vielen untersuchten europäischen Ländern. „Wir wussten, dass das ein extrem umkämpftes Feld ist“, sagt Verdino, „wo viele private und politische Initiativen seit Jahren engagiert und teilweise auch sehr professionell tätig sind, aber bisweilen etwas verstörend und gegensätzlich auftreten – und wo auch Interessengruppen mit entgegenlaufenden Zielen finanziell sehr gut aufgestellt sind.“ 

Rückschläge (Gesundheitsminister Alois Stöger, mit dem Vorgespräche geführt worden waren, wurde wenige Tage vor Start von Sabine Oberhauser ersetzt) und Hindernisse (das Kampagnenbudget ist nicht einmal sechsstellig, gearbeitet wird zu einem Gutteil pro bono) wurden überwunden, bis binnen weniger Wochen am 29. September 2014 die Don’t-Smoke-Experten-Initiative von asoluto aus der Taufe gehoben wurde, mit Namen, Logo, Domain, Branding, fünf Kernbotschaften, wissenschaftlich 100 Prozent fundiert, Suchmaschinen-optimiert, mit Networking-Strategie und mehr und mit nichts weniger als dem Ziel, die Politik dazu zu bringen, einen substanziellen Nichtraucherschutz gesetzlich zu verankern. „Anfangs peilten wir noch eine Regelung in der laufenden Legislaturperiode an, also bis 2018“, erinnert sich Verdino. Doch die Initative gewann immer mehr Dynamik. 

Bisher ohne klassische Werbung 

Konkret sollen gesetzlich festgelegt werden: ein absolutes Rauchverbot in der Gastronomie, eine Anhebung der Altersgrenze für Kauf und Konsum von Tabakwaren auf 18 Jahre, eine Erhöhung der Tabaksteuer sowie einige andere Maßnahmen. Abstraktes Ziel ist es, so die asoluto-Geschäftsführer, dass Österreich „ins obere Drittel“ Europas aufrückt, was gesetzliche Regelungen und Prävention rund ums Rauchen betrifft. Wesentlich bei der Kommunikation der Initiative war es, niemanden auszugrenzen. Die Gas­tronomie habe legitime wirtschaftliche Interessen, daher müsse sie, so Verdino, mit einbezogen werden und man muss ihr etwa Unterstützung ­geben, wenn Lokale auf rauchfrei umstellt würden. Auch sollen nicht die Raucher attackiert werden: Oberstes Ziel sei klar, die Gesetzesänderung in Richtung Nichtraucherschutz auf ­gutem europäischem Niveau zu ­bewirken. 

Dass man damit eine klare Mehrheit der Österreicher hinter sich hat, belegte schon eine Gallup-Umfrage von November, wonach Rauchverbot in der Gastronomie, höhere Tabaksteuer und Anhebung des Kauf- und Konsumsalters auf bis zu 82 Prozent Zustimmung stoßen. Im Dezember und Jänner hatte die Initiative dann noch deutlich an Schwung zugelegt, so die Kampagnenmacher. 45 Organisationen sind dabei, 52 Fürsprecher aus Politik, Sport, Kultur und anderen Bereichen wurden gewonnen, Initialzünder waren etwa der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl und der Schauspieler Robert Palfrader.  

Den wohl größten Einzel-Impact hatte aber das Engagement von Kurt Kuch. Der Aufdecker, News-Chefreporter und Chefredakteur-Stellvertreter war im Frühjahr 2014 selbst an Lungenkrebs erkrankt, war Patient von Hellmut Samonigg in Graz und ging mit seiner Erkrankung vom ersten Tag an offensiv öffentlich um, via klassische und Social Media. Als Kuch, in den vorangegangenen Monaten auch vom Krankenbett aus ein unermüdlicher Don’t-Smoke-Aktivist, Anfang Jänner seiner Erkrankung erlag, hat die „ emotionale Tangente“ die Initiative beschleunigt und wirkte, wenn auch als tieftrauriger Anlass, auf die Motivation. „Wir dürfen uns jetzt nicht zurücklehnen. Die steigende Anzahl der Unterstützer oder das mediale Echo sind sehr erfreulich, aber nur ein Zwischenergebnis. Denn die Politik muss die Forderungen vor dem Sommer noch umsetzen“, definiert Mühlbauer als Etappenziel: „Das Thema wird uns aber noch länger begleiten.“

Zur formalen Unterstützung der Anliegen dienen die Petitionen, die per Mail, Facebook, Post oder Fax unterzeichnet werden. Auf der Website www.dontsmoke.at gibt es Kommentare der Unterzeichner, sie scheinen dort auf (falls sie das wollen), sie haben ein Gesicht, erzählen ihre Geschichten, erzählen von ihrer Erkrankung, vom Verlust geliebter Menschen als Folge des Rauchens.  

Die Website hat über 100.000 Zugriffe, fast jeder vierte Besucher unterzeichnet die Petition (mittlerweile über 23.000). Social Media sind der Multiplikator: Die Facebook-Seite von „Don’t Smoke“ hat über 4.100 Likes, mit Postings dort erreicht man oft die dreifache Anzahl an Nutzern, einzelne Tweets haben Reichweiten bis 150.000. Ebenso imposant ist die Resonanz in klassischen Medien: Der Pressespiegel verzeichnet über 350 Berichte on- und offline, mehrmals war man in ORF-Sendungen mit einer kumulierten Zuschauerzahl in Millionendimension. „Das Budget lässt keine Werbemaßnahmen zu. Auch keine Online-Ads, von ­Plakaten ganz zu schweigen. Daher bemühen wir uns derzeit um Gratis-­Werbeplätze in Medien“, sagt Brigitte Mühlbauer „Das Fenster für den Nichtraucherschutz ist jetzt so weit offen wie nie,“ ist Martin Verdino  überzeugt und warnt: „Aber es könnte auch wieder zugehen. Doch das wird diesmal nicht passieren. Nicht, weil wir Wunderwuzzis sind, sondern weil es in dieser Sache einfach allerhöchste Zeit ist.“
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