Politik-News: Die Wunderwaffe Witz
 

Politik-News: Die Wunderwaffe Witz

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Satire entwickelt sich für TV- und Online-Medien zum wichtigen Vehikel für politische Inhalte. Puls 4 startet die Show "Bist Du deppert!", der ORF überlegt ein neues Format. Derweil erobern satirische Inhalte die sozialen Medien

Lachen über harsche politische Realitäten, das tun Medienkonsumenten sehr gerne und immer öfter. In den USA amüsieren sich Millionen über politische Satire-Shows wie „The Daily Show“ oder „Last Week Tonight“, in Deutschland landete Jan Böhmermanns ZDF-Show „Neo Magazin Royale“ einen Medien-Coup mit dem vermeintlich gefälschten Mittelfinger des griechischen Finanzministers Varoufakis, und auch in ­Österreich könnte sich 2015 im TV einiges punkto Satire tun.

Am 30. April wird Puls 4 im Hauptabendprogramm die Comedy-Infotainment-Show „Bist Du deppert!“ starten, in der Kabarettisten sechs Folgen lang über „Steuerverschwendungen und andere Frechheiten“ herziehen werden. Comedian Gerald Fleischhacker, der mit seiner Kreativwerkstatt „Tafelrunde“ bereits humoristische Texte für „Willkommen Österreich“ oder „Wir sind Kaiser“ verfasste, wird die Folgen moderieren und Gäste wie Monica Weinzettl, Rudi Roubinek, Gerold Rudle, Wolfgang „Fifi“ Pissecker, die Gebrüder Moped oder „Jedermann“-Darsteller Cornelius Obonya Steuersünden (Fälle von Tirol über Kärnten bis Burgenland) präsentieren lassen. Diese werden anschließend in launiger Satiriker-Runde diskutiert.

Infotainment 2.0

Puls 4-Programmdirektor Oliver Svec erwartet, damit jüngere wie ­ältere Zielgruppen ansprechen und eine Quote „deutlich über Senderschnitt“ erreichen zu können. „Systemkritik ist mittlerweile ein sehr breites Thema und der humoristische Zugang macht es noch breiter“, so Svec zu HORIZONT. „Wir haben mehrere Konzepte in diese Richtung verfolgt, und die Marktforschung hat uns in dieser Idee bestärkt.“

Ein politisch desinteres­siertes und vor allem junges Publikum wieder über die Humor-Schiene mit politischen Inhalten zu erreichen – solche Ideen werden auch am Küniglberg gewälzt. Bereits seit geraumer Zeit kursieren Gerüchte, dass der ORF ein eigenes Format, ähnlich der ZDF-Satiresendung „heute-show“, plant. „Überlegungen und Entwicklungen zu einem Format in diesem Genre gibt es. Über Details zu sprechen, ist in diesem Stadium zu früh“, bestätigt ein ORF-Sprecher. Eine Umsetzung hänge auch von „finanziellen und programmatischen Überlegungen auf ORF eins und ORF 2“ ab. Derzeit sei politische Satire fixer Bestandteil unterschiedlichster Formate der ORF-eins-Schiene „Die.Nacht“ (aktuell in „Willkommen Österreich mit Grissemann und Stermann“ im Stand-up-Teil zu Beginn der Sendung und im Sendungsteil „maschek“) oder bei „Wir sind Kaiser“ (abhängig von den jeweiligen Gästen beziehungsweise Rubriken). Ende 2015 soll es auch wieder einen Jahresrückblick der „Staatskünstler“ geben, für deren regelmäßige Sendung es dieses Jahr kein Budget gab.

Am Küniglberg wird überlegt

„Laut Medien­forschung gibt es kein wichtigeres Kriterium für den TV-Konsum von jungen Zusehern als: Ist es unterhaltsam? Da ist es nur logisch, dass auch Politikvermittlung bei Jungen auf unterhaltsame Weise besser ankommt als in herkömmlichen ‚seriösen‘ Nachrichtensendungen“, sagt ORF-Nachrichtenmoderator Armin Wolf, der sich für seine Masterarbeit intensiv mit dem Informationsverhalten Jugend­licher befasst hat. Wolf weiter: „Und Formate wie ,Daily Show‘, ,Last Week Tonight‘ oder ,Die Anstalt‘ sind ja auch toll und professionell gemacht. Ich bin sicher, es wird in den nächsten Jahren noch zahllose ähnliche Ver­suche geben.“

Auch beim Privatsender ATV wird der Trend zur Politsatire wahrgenommen, wenn es auch keine konkreten Pläne zu einer entsprechenden Sendung gibt. „Politik mithilfe von Satire zu vermitteln, kann ohne Zweifel funktionieren, das zeigen internationale Beispiele wie John Olivers ‚Last Week Tonight‘ oder Jon Stewarts ‚The Daily Show‘“ sagt ATV-Infochef Ale­xander Millecker. „In Österreich hat es aber bisher niemand erfolgreich ­geschafft, diesen schmalen Grat zu beschreiten.“ Politik an den Mann und die Frau zu bringen, sei „eine große Herausforderung“, so Millecker. Mit der Nachrichtensendung „ATV Aktuell“ würde man mit niederschwelligen News Top-Quoten erreichen, der Politik-Talk „Klartext“ punkte durch „kurzweilige Interviews und moderne Sendungsgestaltung“. Ob sich zu diesen Sendungen eine ­eigene ATV-Satire-Show gesellen wird, bleibt abzuwarten.

Journalismus als Kernelement

Die neue Puls 4-Show „Bist Du deppert!“ jedenfalls will die Zuseher aufrütteln. „Steuerverschwendung ist ein Thema, das die Menschen am direktesten betrifft, weil es ja um ihre Kohle geht“, sagt Comedian Fleischhacker, der die Show wesentlich mitkonzipiert hat. „Es ist nicht das Ziel, Personen anzugreifen oder jemanden bloßzustellen, sondern Missstände aufzuzeigen. Aber wenn niemand beleidigt ist, dann haben wir definitiv etwas falsch gemacht.“ Auch wenn Satire zuspitzt und übertreibt, die Fälle, die von den Comedians der Show präsentiert werden, wurden journalistisch aufbereitet und hart recherchiert. Puls 4 kooperiert dazu mit dem auf investigative Recherchen spezialisierten Team von Dossier, die sich bereits mit datenjournalistischen Arbeiten zu Themen wie Asyl oder Glücksspiel einen Namen gemacht haben.

Die Zusammenarbeit zwischen Satirikern und Journalisten hält auch „Staatskünstler“-Kabarettist Florian Scheuba für sehr wichtig. „Satire kann und soll auch nicht Journalismus ersetzen. Im Idealfall ergänzen Journalismus und Satire einander“, so Scheuba. „Satire kann komplexe Sachverhalte auf den Punkt bringen. Nach Möglichkeit sollte sie das mit Intelligenz und ohne Abdriften auf Mario-Barth-Niveau schaffen.“


Wer politische Satire richtig umsetzt, dem winkt große Publikumsaufmerksamkeit. Der neue Star der politischen Satire in den USA, John Oliver, und seine „Last Week Tonight“-Show, zeigen vor, dass es auch mit sperrigen Themen wie NSA-Überwachung, der Tabakindustrie oder Kampfdrohnen funktionieren kann. Allein auf YouTube, wo die Beiträge der HBO-Sendung ebenfalls veröffentlicht werden, wird Oliver regelmäßig von Millionen Nutzern angesehen – und das mit monothematischen 20-Minütern, die ohne große Show-Effekte daherkommen. Puls 4-Programmchef Svec: „Natürlich verwenden wir alle internationale Trends als Inspirationsquelle, die Kunst ist jedoch, dass man diese Beispiele in einen österreichischen Kontext übersetzt.“

Witze wollen geteilt werden

Ein wichtiger Aspekt bei der Generierung von Reichweite durch satirische Inhalte, besonders bei jüngeren Konsumenten, sind Social Media – und zwar nicht nur YouTube, sondern vor allem Facebook. „Humor eignet sich sensationell für die Verbreitung im Social-Media-Bereich – was früher der weitererzählte Witz war, ist heute der geteilte Clip. Dieses virale Potenzial werden wir mit diesem Format konsequent nutzen“, sagt Puls 4-Programmchef Svec. Inspiration dafür dürfte das österreichische Online-Satiremagazin dietagespresse.com sein, das 2013 vom Wiener Studenten Fritz Jergitsch gegründet wurde und laut aktueller ÖWA-Auswertung im österreichischen Internet bereits eine Reichweite von 6,7 Prozent schafft.

Besondere Verbreitung finden dietagespresse.com-Beiträge (zum Beispiel „HC Strache warnt im Exklusiv-Interview: ‚Ausländeranteil in UNO-City schon fast 100 Prozent‘“) auf Facebook: Einer Analyse des oberösterreichischen Start-ups Storyclash in ­Kooperation mit HORIZONT zeigte etwa, dass im März fünf der zehn am meisten auf Facebook geteilten Artikel von dietagespresse.com stammen. Im Ranking der am meisten geteilten Onlinemedien Österreichs landete die Satireseite auf Platz drei hinter derstandard.at, oe24.at und vor großen Portalen wie krone.at oder ­heute.at. „Humor dient als sehr effektive Wunderwaffe, wenn es darum geht, trockene Inhalte in die Köpfe der Menschen zu befördern“, so dietagespresse.com-Gründer Jergitsch. „Durch Humor werden komplexe Situationen zugänglicher und leichter verständlich. Medienmacher wären blöd, würden sie sich das in der oft spröden Politikberichterstattung nicht zunutze machen.“
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