‚Onlineinventar ist begrenzt‘
 

‚Onlineinventar ist begrenzt‘

austria.com/plus
André Eckert ist seit sechs Jahren ­Geschäftsführer des Digitalvermarkters austria.com/plus: „Die Branche ist pure Veränderung, wir überholen uns ständig selbst.“
André Eckert ist seit sechs Jahren ­Geschäftsführer des Digitalvermarkters austria.com/plus: „Die Branche ist pure Veränderung, wir überholen uns ständig selbst.“

André Eckert, Geschäftsführer austria.com/plus, über aktuelle Entwicklungen im Onlinemarkt von Mobile bis Programmatic und seine Kandidatur als IAB-Präsident

Dieses Interview ist bereits in der HORIZONT-Ausgabe 36/2015 erschienen. Hier geht's zum Abo.

Horizont: Bei austria.com/plus gibt es eine Reihe neuer Portale, welche sind das?

André Eckert:
Wir vermarkten seit letztem Jahr Die Tagespresse, seit Juni den Österreich-Traffic der iq-digital-Portale mit monatlich 800.000 Unique Clients. Darunter befinden sich Qualitätsportale wie zeit.de, handelsblatt.com, wiwo.de und ariva.de, golem.de, Deutschlands größtes Technikportal mit monatlich 120.000 Unique ­Clients. Diese Partnerschaft sorgt für einen quantitativen und vor allem qualitativen Reichweitenschub. Parallel dazu wächst austria.com/plus organisch mit einer starken noen.at, wienerzeitung.at und mit den eigenen Portalen, vol.at und vienna.at, die gerade einen Soft-Relaunch hinter sich haben. Wir gehen bei der nächsten ÖWA-Plus-Ausweisung von über zwei Millionen Unique Usern aus.

Horizont: Ein großes Thema ist Mobile – wie entwickelt sich der Markt?

Eckert:
Rund 45 Prozent unseres Traffics sind jetzt schon Mobile, Tendenz steigend, aber nur fünf Prozent unserer Werbeeinahmen werden hierdurch erwirtschaftet. Die Kluft zwischen Desktop- und Mobile-Spendings ist sehr groß und nicht logisch nachvollziehbar, wenn man ­bedenkt, dass die Zielgruppe der 16- bis 29-Jährigen zu 75 Prozent nur noch mobil surft. 1995 versuchte man, Printsujets auf digital zu übertragen, heute machen wir denselben Fehler, indem wir Desktop Werbemittel eins zu eins mobil ausspielen wollen. Das geht nicht – mobile Werbung muss interaktiv, unique und userfreundlich sein, sonst ist der User mit einem Klick weg. Als Vermarkter müssen wir die Kreativen fordern, sich ­verstärkt auf das Medium Mobile einzulassen und neue Lösungen zu entwickeln.

Horizont: Also erfindet sich Digital ständig neu?

Eckert:
Das ist so! Die einzige Konstante in unserer Branche ist die ­Veränderung. Wir setzen als Publi­sher jährlich ein bis zwei große ­Updates und wöchentlich Releases um. Es ist nicht wie bei Print, wo man einen Relaunch macht, der dann fünf Jahre unangetastet bleibt. Wir haben bei vienna.at innerhalb von acht ­Wochen einen eignen Webradio-Service mit fünf Channels und die neue App gestaltet sowie party.vienna.at komplett überarbeitet. Außerdem starten wir Vienna Mail mit dem Suffix vienna.at, unter dem Motto „Meine Stadt, Mein Mail“ Anfang September. Wir müssen uns ständig neu erfinden, um den Ansprüchen unserer User gerecht zu werden.

Horizont: Die Herausforderungen in der digitalen Welt sind neben ­Mobile auch sinkende TKPs, Adblocker, rückläufiges Inventar.

Eckert:
Unsere TKPs sind stabil, da wir uns im Premium-Segment bewegen. Adblocker, die bis zu 25 Prozent der Werbung blockieren, sind eine Bedrohung für die gesamte Online-Branche. Der Rückgang beim stationären Inventar durch die Abwanderung zu Mobile kann nur durch eine massive Erweiterung unseres Portfolios bewältigt werden. Abzüglich Auslandstraffic und der Pageimpressions von Diashows und bei Einhaltung von Visibility-Garantien bleiben nur mehr 30 bis maximal 35 Prozent buchbares Desktop-Inventar übrig. Österreichisches Online-Inventar ist begrenzt und damit sehr wertvoll!

Horizont: Sie sind gemeinsam mit Gerold Riedmann und Georg Burtscher Geschäftsführer der Russmedia Digital, wie läuft das Geschäft und wie viele Mitarbeiter sind hier tätig?

Eckert:
Von rund 80 Mitarbeitern sitzen 16 in Wien, das ist die Redaktion von vienna.at und das austria.com/plus-Team, das den nationalen Digitalverkauf betreut. In Vorarlberg ist das gesamte vol.at-Team, die Softwareentwicklung und unsere Social-Media-Agentur Implus360 beheimatet. Impuls360 unterstützt regionale KMU mit SEO- und SEM-Services. Hierbei kooperieren wir bei der Kampagnenumsetzung mit Google und Facebook. Die neu gegründete Performance Kitchen setzt auf den Premium-Bereich. Unsere Kunden schätzen unsere jahrelange Erfahrung und Beratung, welche wir früher nur für unsere eigenen Portale eingesetzt ­haben. Damit deckt Russmedia Digital die gesamte digitale Wertschöpfungskette ab und bietet Full Service aus einer Hand.

Horizont: Direktkunden sind also ein gutes Geschäft?

Eckert:
In Vorarlberg ja, aber als Vermarkter austria.com/plus laufen mehr als 80 Prozent der Buchungen über Agenturen. Allerdings bieten wir neben dem klassischen Agentur­geschäft mit Standardwerbeformen inzwischen ein breites Native-Advertising-Portfolio an. Dieser Bereich wächst stark und setzt für die erfolgreiche Umsetzung den Direktkundenkontakt voraus.

Horizont: Das heißt, Sie werden ­inhaltlich aktiv?

Eckert:
In unserer Brust schlagen zwei Herzen, wir sind Publisher und Vermarkter zugleich. Die Zielgruppenplanung wird immer spitzer und kann durch herkömmliche Targeting-Möglichkeiten nur teilweise erreicht werden. Wir bieten unseren Kunden ähnlich wie bei Print ein zielgruppenaffines Umfeld – ein Spin-off, in diesem Fall eine digitale Beilage. Den Content beziehen wir von freien Journalisten, die in dem jeweiligen Themengebiet Spezialisten sind. Es wird der Content aufbereitet und das ­Umfeld hochwertig gestaltet. Der Kunde platziert in diesem Umfeld dann seine Botschaft. In diesen ­Umfeldern sind Interaktion und Verweildauer um ein Vielfaches höher als bei einer klassischen Buchung.

Horizont: Das klingt aufwendig und kostenintensiv.

Eckert:
Die Umsetzung ist definitiv aufwendiger als bei klassischen Schaltungen, dafür ist der TKP auch deutlich höher.

Horizont: Zu etwas anderem: Programmatic Buying – wohin geht die Reise?

Eckert:
Wir haben das Thema seit drei Jahren am Radar und beobachten intensiv unter anderem den skandinavischen Markt – dort sind jetzt schon bei manchen Portalen über 50 Prozent der Spendings programmatisch. Davon sind wir in Österreich noch weit entfernt: Wir bewegen uns derzeit bei maximal fünf Prozent. Viele Buchungen werden noch über Mailverkehr, PDF-Versendung und Telefonate abgewickelt, das hat mit Programmatic wenig zu tun. Programmatic würde viele Backoffice-Stunden für alle Beteiligten einsparen und einen deutlichen Effizienzschub bewirken. In Österreich gibt es noch einiges zu tun, um an das programmatische Niveau von Deutschland oder der Schweiz aufschließen.

Horizont: Bieten Sie das bereits an?

Eckert:
Man kann bei uns einzelne Portale und Umfelder programmatisch buchen, aber die Nachfrage ist noch gering. Wenn Buchungen erfolgen, dann meist aus Deutschland oder Ungarn.

Horizont: Und all das ist auch im hochwertigen Umfeld möglich?

Eckert
: Ja. Grundsätzlich braucht es aber einen Schulterschluss. Wenn nur die Agenturen das Thema vorantreiben, ist das zu wenig. Wir Publi­sher müssen auch aktiv mitgestalten und unser Inventar zur Verfügung stellen, um den Markt weiterzuentwickeln. Natürlich braucht es Spielregeln, aber viele Standards sind bereits etabliert. Wenn man ständig nach Sonder­lösungen sucht, werden wir nicht ­vorankommen. Programmatic wird schnell und dynamisch wachsen, da sollte das aktuelle Momentum ­genutzt werden. Das ist übrigens ein Thema, für das ich mich im IAB einsetzen möchte.

Horizont: Sie wollen für die IAB-Präsidentschaft kandidieren?

Eckert:
Ja, ich sehe in Anbetracht der Printlastigkeit und dem im internationalen Vergleich geringen Anteil von Onlinewerbung am gesamten Werbekuchen, dass der ursprüngliche ­Vereinszweck wieder in den Vordergrund zu stellen ist. Das Ziel muss sein, Maßnahmen zur Förderung von Onlinewerbung zu forcieren. Der Markt braucht einheitliche Mobile-Standards, ein breiteres Schulungsspektrum und eine vereinsüber­greifende Zusammenarbeit. Der IAB muss der Branchenmotor sein, der diese Themen vorantreibt und ­dadurch mehr bewegt!

Horizont: Wie wird das Jahr für austria.com/plus heuer aussehen?

Eckert:
Unsere Umsätze entwickeln sich positiv. Ich gehe von einem Wachstum year on year im zweistelligen Bereich aus, wenn wir weiterhin auf Qualität und Technologieentwicklung achten und bei Themen wie Mobile und Programmatic am Ball bleiben. Die Branche ist eben pure Veränderung, wir überholen uns ständig selbst. Aber das macht es so spannend.
stats