Offen wie ein Buch...
 

Offen wie ein Buch...

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk

Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um Vermenschlichung der Technik und um Bitcoins als Währung

Sollen wir die Welt wirklich in unsere Seelen starren lassen? (1)

Die nächste Welle zur Vermenschlichung der Technik hat eingesetzt: Maschinen sollen Gefühle nicht nur entziffern, sondern auch imitieren können. Daran wird heftig geforscht. Der Zweig ist bekannt unter dem Begriff „affective computing“ (affective = gefühlsbedingt), ein Begriff der auf die MIT-Wissenschafterin Rosalind Picard zurückgeht.

An der Speerspitze der Forschung werken auffällig viele Frauen, etwa die in Ägypten geborene Wissenschafterin Rana el Kaliouby, die sich seit zwei Jahrzehnten auf die Interaktion Computer-Mensch spezialisiert hat. Ihre Start-up-Firma Affecta hat eine App entwickelt, die intelligenten Maschinen scheinbar emotionale Intelligenz vermittelt.

Die Grundidee ist folgende: Kameras zerlegen menschliche Gefühlsreaktion – ablesbar an winzigen Muskelbewegungen im Gesicht – in messbare Variablen. Das erlaubt einem Computerprogramm, wechselnde Stimmungen anhand von 3,4 Millionen gespeicherten Gesichtsregungen zu orten. Diese Technik ist in der Lage, selbst die flüchtigsten Zuckungen zu vermessen.

Marketer sind ganz scharf auf dieses Programm, weil sich damit neue Produkte besser denn je testen lassen. Wird z.B. zurzeit von TV-Stationen eingesetzt, um Publikumsreaktionen zu neuen Serien zu bewerten. Sony beurteilt auf diese Weise Reaktionen auf ihre Kinowerbung, die Marktforscher von Millward Brown setzen sie für eine Reihe von Marken ein. Übrigens sind Frauen bevorzugte Testobjekte, da sie in der Regel Gefühlen stärkeren Ausdruck verleihen. Auch ältere Menschen sind eher bereit als Junge, ihre Maske fallen zu lassen.

Emotionen sind unsere ureigenste Stärke; von Tests her ist bekannt, dass wir Stimmungen in Gesichtern unheimlich gut in Bruchteilen einer Sekunde ablesen können. Aber nur, wenn wir oft mit Menschen in Kontakt kommen und Feedback zu unseren Eindrücken erhalten. Leben in einer Bildschirmwelt wird langfristig Fähigkeiten dieser Art verkümmern lassen.

Ist hier die Ursache zu suchen, warum ständig neue Apps angeboten werden, die uns die Aufgabe des Gefühleentzifferns abnehmen wollen? Wozu sonst hat Facebook Schaltflächen eingeführt, mit denen sich per simplen Klicks ‚Mitgefühl’ ausdrücken lässt? Wenn wir künftig bevorzugt mit Emojis miteinander verkehren, wird unsere Kreativität massiv Schaden erleiden, da Ausdruck von Gefühlen die Basis jeder Kunst ist. (Es gibt sicher demnächst viele billige Computerprogramme, die uns auch das Kunstschaffen abnehmen werden.)

Nur logisch die nächste Forderung: Emotional anstrengende Arbeit an Roboter auszulagern – bis eines Tages gestresste junge Mütter nicht länger in der Lage sind, ihre Babys anzulächeln und diese Aufgabe Maschinen überlassen. Für diesen Zweck gibt es bereits eine mechanische Baby-Robbe namens Paro, detto ‚therapeutische Roboter’ für traurige Alleinstehende.

Ist das nicht ein rapider Weg in die menschliche Obsolenz?

Ohne dass Digitalbarone oder autoritäre Regierungen sie dazu zwingen müssen, lassen brave Bürger zu, auf bloße Emotionen reduziert zu werden. Für die Wirtschaft ist es eine Bonanza, wenn der kritische Verstand den evolutionären Bach hinuntergeht.

Zur Erweckung von Gefühlen werden ständig neue Hilfen und Anreize angeboten. So vermarktet beispielsweise die auf Yoga spezialisierte Modefirma Lululemon eine ‘Empfindungsinnovation’.... Kleidung soll nun bevorzugte Gefühlseindrücke vermitteln. Kommt billiger als – mittlerweile ebenfalls käuflich erhältliche – Aufmunterung durch professionelle Umarmer.

Gilt emotionale Bedürftigkeit bereits als der menschliche Grundzustand? Geht es nach den politisch Korrekten, sind haltlose Sentimentalisten, die beim leisesten Widerspruch zerfallen, die gesetzlich vorgeschriebene Menschennorm.

Ständiges Baden in Gefühlssoße hat einen rapiden Verlust an seelischer Widerstandsfähigkeit zur Folge: Junge Menschen auf den US-Unis greinen nach Rundumschutz. Fernsehprogramme werden mit Vorwarnungen ausgestrahlt, da Erwachsenen nicht länger zugemutet werden kann, mit Unerwartetem oder aufregenden Inhalten konfrontiert zu werden. Es gibt ein Rechtschreibprogramm namens ToneCheck, das verborgene emotionale Inhalte in unserer Kommunikation überprüft – damit wir nur ja nicht versehentlich die pathologisch Überempfindlichen beleidigen.

Mit der neuen Live-Streaming App „Chubble“ lassen sich Gefühle, die man gerade durchlebt, in Echtzeit vermitteln. Die chinesische Firma Cloudwalk arbeitet an einer App, die ermöglichen soll, Gesichter auf subtile Anzeichen von Lügen hin abzuscannen. Und eine neue Dating-App namens Once (getragen im Rahmen eines Fitbit-Armbandes) macht uns aufmerksam, falls wir von dem Gegenüber erregt sind. Selber wissen wir das alles ja nicht mehr, total entfremdet von unseren Körpern nach langem Aufenthalt im Cyberspace...

(Fortsetzung nächste Woche)

Quellen:

http://www.telegraph.co.uk/technology/news/12100629/Affective-computing-how-emotional-machines-are-about-to-take-over-our-lives.html

http://techcrunch.com/2016/01/14/dating-app-once-uses-your-heart-rate-to-help-you-find-love/?ncid=rss

http://www.slate.com/articles/technology/future_tense/2016/01/the_dangers_of_outsourcing_emotional_labor_to_robots.single.html

Hat Bitcoin als Währung versagt?

Mike Hearn arbeitet seit zwei Jahren als leitender Programmierer für Bitcoin; in einem Artikel im Online-Magazin „Medium“ hat er nun das Währungsexperiment für gescheitert erklärt. Da er keine Zukunft für die Kryptowährung sieht, hat er gekündigt und seine eigenen Bitcoins bereits verkauft. Hearn gibt technische Gründe an, deren mögliche Lösung bisher an innerer Unstimmigkeit in der Bitcoin-Gemeinschaft gescheitert ist. Wesentlicher Punkt der Kritik: Das derzeitige System erlaubt nur drei Transaktionen pro Sekunde, doch die Nachfrage wäre viel größer, weshalb es zu Staus und Problemen kommt.

Nach Hearns Verlautbarung stürzte der Bitcoin-Kurs (in Dollar) um rund 10 Prozent ab – keine echte Währung verhält sich so.

Schlussfolgerung: Bitcoin ist eine geniale Technik (die Blockchain), aber keine richtige Währung. Die Vorstellung libertärer Geister – eine Währung ohne Zentralbankaufsicht – war und ist Utopie. Realistischer scheinen spezifische Anwendungen im Finanzsektor, wo direkte, schnelle Überweisungen ohne Mittelsmann denkbar sind.

Quelle:

https://medium.com/@octskyward/the-resolution-of-the-bitcoin-experiment-dabb30201f7#.vzyuzb932

http://www.computerwoche.de/a/blockchain-geschaeftsmodelle-ohne-mittelsmann,3221813

[Walter Braun]
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