Offen wie ein Buch... (2)
 

Offen wie ein Buch... (2)

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk

Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um den zeitgenössischen Techno-Wahn und den Untergang der Plattform "Friends Reunited"

Big Brother braucht keine Diktatur

Der unmenschliche Megatrend sieht so aus: Stimmungen und Gefühle (damit indirekt auch Gedanken!) sollen der Welt transparent gemacht werden. Nicht nur äußere Fortbewegung wird verfolgt, auch unsere inneren Erregungen sollen erhoben werden. Im öffentlichen Raum angebrachte Bildschirme eruieren das Gefühlspotenzial der Vorbeieilenden und zeigen das Ergebnis an. Die Menschen werden sich dann jeder Gefühlsregung, die nicht politisch korrekt ist, schämen.

Offensichtlich sollen wir auf eine Zukunft vorbereitet werden, in der Kameraaugen und intelligente Software Tag und Nacht an unserer Seite sind. Die App Foursquare, verpflichtend auf einem Chip unter der Haut getragen, wird jede unserer Bewegungen verfolgen. Auf diese Weise lassen sich Vorlieben und Abneigungen indirekt ausforschen.

Widerstand ist nicht zu erwarten von Leuten, die digitale Abbilder von sich erschaffen (Bitmoji), damit sie in der Fantasiewelt all die Rollen spielen können, für die sie in der Realwelt nicht mutig genug sind. Gestand die 30-jährige Amanda Hess im Online-Magazin „Slate“:

Es ist schwer, unerschrockene Aufregung, echte Zuneigung oder Verletzlichkeit in der Gegenwart eines anderen Menschen auszudrücken. Warum sollte man das nicht seinem Cartoon übertragen?

Warum ist die Generation Y so mutlos? Sie pflegen Schwäche geradezu, suhlen sich darin – kein Wunder, dass die Oberherren im Silicon Valley das massiv ausnutzen.

Technologien, die uns durchsichtig machen wie Glasflaschen, öffnen Tür und Tor für unterschwellige Manipulationen (in der Politwelt bekannt als „nudging“ – Anstupsen zum Wohle des Manipulierten). Alles natürlich im Namen von Bequemlichkeit und Volksgesundheit. Demnächst werden wir Zahnbürsten haben, die ihre Borsten runzeln, wenn wir nur 1 Minuten Zähne putzen – uns aber ein strahlendes Lächeln schenken, wenn wir sie zwei Minuten einsetzen.

Neue Fitness-Tracker wissen, wenn wir schummeln. Versicherungen werden ganz scharf auf verhaltenssteuernde Software sein, die mit sich herumtragen muss, wer eine Gesundheitsversicherung erhalten möchte. Verweigerer werden mit unleistbaren Prämienzahlungen bestraft. In Japan ist vor Jahren ein Smile-Scan eingeführt worden, mit dem Angestellte im Kundenkontakt überwacht werden (wehe, jemand lächelt zu wenig!).

Die schlauen Telefone der nächsten Generation werden mit Gefühle-lesenden Chips ausgestattet sein, die uns ununterbrochen beobachten, damit sie hilfreich eingreifen können: „Sag’ doch das nächste Meeting ab, du siehst müde aus und wirkst unkonzentriert.“ Oder: „Fahr langsamer, du bist heute gestresst.“

Erschöpft wieder zu Hause angekommen, wird der Kühlschrank uns symbolisch auf die Finger klopfen, wenn wir zum Tiramisu greifen und stattdessen fröhlich zwitschern. „Wir wär’s mit Kamillentee?“

Noch ehe selbstfahrende Vehikel die Straßen durchpflügen, werden Autos auf den Markt kommen, die den Gefühlszustand des Fahrers registrieren (und dann von sich aus den Notruf bzw. ein Familienmitglied alarmieren, sobald sie Anzeichen von Ermüdung feststellen).

Cynthia Breazeal vom MIT Media Lab hat einen Familienroboter namens Jibo gebaut, der Gesichter registrieren und simple Gespräche führen kann. Der japanische Roboter Pepper ist nicht nur in der Lage, Freude, Ärger und Trauer zu erkennen, sondern auch befähigt, entsprechend zu reagieren.

Opportunistische Winkeladvokaten kommen bereits gekrochen und verlangen Menschenrechte für Roboter – einem Blechtrottel einen Tritt zu geben, wäre dann strafbar. John Frank Weaver, seines Zeichens Anwalt in Boston und Autor des unsäglichen Buches “Robots Are People Too”, hat angeregt, Robotern einen begrenzten Persönlichkeitsschutz gesetzlich zuzusprechen.

Nur logisch, dass jetzt auch die Forderung erhoben worden ist, Roboter sollten sich ihren Besitzern verweigern können. Dass Maschinen Gefühle und Bewusstsein angedichtet werden können, hat mit dem reduktiven Materialismus zu tun, der heute auf den Unis gelehrt wird und quasi zur Staatsreligion aufgestiegen ist. Demzufolge ist „Bewusstsein“ keine originäre Fähigkeit sondern ein illusionäres Nebenprodukt von Gehirnen. Diese Ideologie im Gewand der Naturwissenschaft hat dazu geführt, dass Roboterfanatiker inbrünstig daran glauben, Blechtrottel mit Bewusstsein ausstatten zu können. Pure Schimäre. Äußerlich imitierte Gefühlsregungen werden nie die originale Qualität erreichen, da das subjektive Innenerleben fehlt.

So also sieht Big Brother aus:

Technik wird zunehmend um ihrer selbst willen verfolgt; was machbar ist, wird gemacht. Mensch passt sich an, andernfalls fürchtend, als rückständig gebrandmarkt zu werden. Das führt längerfristig zum Verlust nicht nur grundlegender Fähigkeiten und Instinkte, sondern auch unseres rebellischen Geistes, der in den virtuellen Welten austrocknet.

Big Brother will uns nicht bloß überwachen, sondern in einer Gefühlssoße baden und den kritischen Verstand stilllegen. Big Brother ist nicht eine böse Regierung, die man bekämpfen könnte – BB ist der High-tech-Marktplatz, freundlich und hilfreich (und kommerziell); BB ist Political Correctness in Gesetze gegossen und in Dauerüberwachung verpackt.

Am Ende dieser Entwicklung steht der Mensch, das überflüssige Wesen. Der zeitgenössische Techno-Wahn ist langfristig ein Programm zur Reduzierung der Menschheit.

P.S. Ein Backlash kommt garantiert! Der Mensch ist kein unterwürfiges Haustier, sondern im Grunde seines Herzens ein rebellisches Wesen. Unsere Geschichte begann, als wir uns trauten, von den Göttern das Feuer zu stehlen...

Quellen:

http://www.slate.com/blogs/future_tense/2016/01/19/ugly_robots_deserve_legal_protections_too.html

http://www.newyorker.com/magazine/2015/11/23/doomsday-invention-artificial-intelligence-nick-bostrom

http://www.slate.com/articles/technology/users/2016/01/bitmoji_the_silly_cartoon_avatars_that_say_everything_you_can_t.html

http://www.slate.com/articles/technology/future_tense/2016/01/when_should_a_robot_say_no_to_its_human_owner.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-digital-debatte/das-internet-der-dinge-passt-den-menschen-an-maschinen-an-14022991.html

Der zerstörerische Winner-takes-it-all-Effekt

Als eine Gruppe von Freunden in London im Jahr 2000 Friends Reunited gründeten, waren sie in mehrfacher Hinsicht Pioniere. Nicht nur gab es damals den Begriff Sozialnetzwerk noch nicht, es gab auch keine großen Partnersuchplattformen. Die Verlockung, alte Schulfreunde wiederzutreffen (und alte Flammen wieder zu entzünden!), erwies sich als unwiderstehlich. Binnen eines Jahres hatten sich 2,5 Millionen angemeldet, in der Hoffnung, mit der Vergangenheit Kontakt aufnehmen zu können.

Am Höhepunkt des Erfolgs hatte F.R. circa 23 Millionen Mitglieder, was im Jahr 2007 dem TV-Sender ITV über 200 Millionen Euro wert war. Der Niedergang war aber unaufhaltbar – Facebook ist der Schwanengesang für jedes ambitionierte Sozialnetzwerk (wer spricht heute noch von MySpace oder Bebo?). 2009 wurde Friends Reunited an das schottische Medienhaus DC Thomson für nur mehr 30 Millionen Euro weiterverkauft.

Selbst Gründer Steve Pankhurst, der 2014 als letzter Rettungsversuch zurückgeholt wurde, musste das Handtuch werfen; vergangene Woche ist Friends Reunited endgültig eingestellt worden. Wie es scheint, gilt im Internet die eiserne Regel: Je größer das Web, umso weniger Platz...

Quelle:

http://www.ft.com/cms/s/0/d77acd20-be01-11e5-846f-79b0e3d20eaf.html

[Walter Braun]
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