„Nicht alles auf einmal machen“
 

„Nicht alles auf einmal machen“

New York Times, Red Bull und jetzt Kurier. Geschäftsführer Thomas Kralinger holt den New Yorker, George Nimeh, für die Zukunft von Kurier.at. Das Doppel-Interview.

HORIZONT: Herr Nimeh, Sie kommen aus der internationalen digitalen Welt. Was treibt Sie nach Wien?

 George Nimeh: Eine der einfachsten Erklärungen ist - Ich war schon einmal hier. Damals bei Red Bull. Ich konnte Wien kennen lernen, die Menschen und das lokale Geschäftsfeld. Die damalige Herausforderung war der große digitale Unterschied zwischen England, den USA und Zentraleuropa. Es gibt zwar immer einen Unterschied, aber für mich ist die Entwicklung hier ganz klar ersichtlich. Es hat sich viel verändert und somit auch die Möglichkeiten. Hinzu kommt die Lebensqualität. Das machte die Entscheidung schon sehr leicht.

HORIZONT: Wie beurteilen Sie die Marktsituation heute?

Nimeh: Möglicherweise härter als in anderen Märkten. Es gibt in Wien beinahe gleich viele Tageszeitungen wie in gesamt London - allerdings leben dort zehn Mal mehr Menschen. Der Wettbewerb in Österreich ist also intensiv. Was mir an der Marktsituation gefällt, ist, dass die Zahlen zwar ein Bild zeigen, wer gerade am Gewinnen oder Verlieren ist, tatsächlich jedoch - glaube ich - gewinnt gerade niemand. Daher schätze ich die Arbeit mit einer starken Marke, mit einem starken Team und mit einer Kombination aus Print und Online. Wir können jetzt damit etwas schaffen, was Österreich in dieser Form noch nicht hat. Das ist die wirkliche Herausforderung, die mich reizt.

HORIZONT: Das klingt nach Aufbruchsstimmung. Wie kann dies innerhalb einer Traditionsmarke wie dem Kurier umgesetzt werden?

Nimeh: Wir alle wissen, dass sich die Welt verändert. Sie verändert sich bei der Mediennutzung, bei gelernten Mustern und in unserem Geschäft. Wir brauchen gemeinsame Stärke anstelle von einer gegen den anderen. Gemeinsam, statt Print gegen Online. Die besten Erfolge hatte ich immer wenn Dinge zusammen arbeiteten. Lassen Sie es mich so ausdrücken - Menschen sehen Medien nicht in der Art, wie Medien die Menschen sehen. Medien denken oft abgegrenzt. Sie arbeiten mit Businessmodellen. Mit einer Online Division, einer Print Division und so weiter. Das entspricht aber nicht dem, wie Menschen ihre Leben organisieren. Wir wollen nun ein Angebot formulieren, das zum Leben der Leser passt.

Thomas Kralinger: Immerhin übernimmt der Kurier am heimischen, digitalen Tageszeitungsmarkt eine klare Vorreiterrolle: Wir waren die erste Tageszeitung, die auf dem Kindle vertreten war und neben dem Wirtschaftsblatt - auch als erste Tageszeitung, die auf dem iPad zu konsumieren war.  Wir haben mittlerweile sieben Apps und bieten einen stark konvergenten Auftritt. Vielleicht kommunizieren wir das manchmal zu wenig - aber wir zählen sicherlich zu den innovativsten Tageszeitungen Österreichs - und damit meine ich nicht nur die digitalen Aktivitäten sondern auch unseren Zugang bei den Printprodukten. Sicherlich gibt es noch Verbesserungspotenzial - aber das sehen wir auch gleichzeitig als spannende Aufgabe und nicht umsonst haben wir einen internationalen Top-Online Experten zu uns ins Haus geholt.

HORIZONT: Vor einigen Jahren hatte bereits eine Tageszeitung verlautbart, sie wolle Print und Online stärker kombinieren...

Kralinger: Wir arbeiten derzeit an einem Projekt, mit dem wir die Zeitung interaktiv machen werden. Es handelt sich dabei um eine Bilderkennungssoftware, mit der wir digitale Inhalte mit der Printausgabe verbinden. Das System arbeitet mit Mustererkennung. Das heißt wir können bei jeder Seite Text, Bild und Videolinks hinterlegen. Die Frage ist, ob das eine Antwort darauf ist, wie Menschen mit der Zeitung interagieren möchten.

Nimeh: Wie die Konsumenten darauf reagieren werden, wissen wir nicht, aber alleine das Experimentieren verschafft uns großartige Möglichkeiten zu lernen.

Kralinger: Genau das trifft es, was George Nimeh vorher erklärte. Für mich ist besonders die zunehmende Fragmentierung aller Lebensbereiche entscheidend. Es gibt keine gelernte und tradierte Form des Medienkonsums mehr bei jungen Lesern. Der Markt splittet sich in die unterschiedlichsten Gewohnheiten und Lebenssituationen auf. Manche werden unsere neue Software perfekt finden, andere werden sie ablehnen. Unsere Herausforderung ist es, unser Produkt an die unterschiedlichen Gewohnheiten anzupassen. Dazu müssen wir beginnen, unser Schaffen aus der Nutzer- und Leserperspektive zu sehen. Denn bei Medienprodukten ist man gerade erst dabei, all diese Anpassungen zu entwickeln.

Nimeh: Es geht also insgesamt darum, wie wir die Erfahrung mit uns einfacher machen und mehr Spaß bei der Nutzung generieren. Es geht um intelligente Personalisierung.

HORIZONT: ...intelligente Personalisierung?

Nimeh: Am Anfang war der „heilige Gral" das One-to-One Marketing. Man versuchte das mit aktiver Personalisierung umzusetzen. Personen wurden gefragt, was sie wollten und aufgefordert, die Homepage individuell zu konfigurieren. Mach es zu Deinem - wie auch immer du willst. Zum Beispiel hat Yahoo immer versucht das so umzusetzen. Wirklich genützt wurde das nie. In manchen Situationen wollen Menschen aber simpel eine besondere Sichtweise der Welt konsumieren. Eine Interpretation. Darin waren Zeitungen immer gut. Die Frage ist - Wann, wie und vor allem bei welchem Thema.

HORIZONT: Gibt es denn ein Thema, dass Sie besonders pushen möchten? Oder ein Ressort?

Nimeh: Das Geschäftsfeld der Marke Kurier ist bereits etabliert. Das Team und das Produkt. Das bedeutet nicht, dass es nicht veränderbar ist. Aber für jemand, der oft mit Start-Ups gearbeitet hat, erscheint gerade das als Herausforderung. Wir werden daher nicht alles auf einmal machen. Sicherlich ist aber die Futurezone ein Highlight. Es war eine kluge Entscheidung dieses Format dem Portfolio hinzuzufügen. Futurezone funktioniert als einzigartiger Teil des Angebotes: Die Futurezone wächst dynamisch und durch dieses Wachstum gestaltet sie gleichzeitig die Marktposition.

Kralinger: Die Idee an der Futurezone war, dass wir auch einen sehr speziellen Teil des Marktes mit einem besonderen Produkt abdecken wollen. Dadurch wird eine wesentliche Funktion erfüllt - die Filterfunktion, die ich glaube auch erwartet wird. Man muss sich dabei vorstellen, dass pro Tag unzählige Lesejahre an Online-Inhalt produziert wird. Das kann logischerweise nie konsumiert werden. In einer immer komplexer werdenden Welt, ist es die Aufgabe von Medien - die im Netz erfolgreich sein wollen - dass sie entweder selbst filtern, oder die Filterfunktion ihren Usern ermöglichen. Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, dann möchte ich schließlich immer die interessantesten Nachrichten haben. Da müssen wir gefunden werden. Das befreit uns natürlich nicht davon, dass der Inhalt entscheidend ist. Es ist also auf der einen Seite die Content-Schaffung und auf der anderen Seite der richtige Marketingzugang.

HORIZONT: Herr Kralinger, wie stehen Sie zu Herrn Nimehs´ Umbruchideen?

Kralinger: Genau deswegen habe ich ihn ja zum Kurier geholt. Ich sehe uns wie ein Start-up, erst am Anfang einer Reise, die wir gehen. Wir wollen uns nicht mehr mit der Vergangenheit auseinandersetzen als mit der Zukunft. Hier kommt jemand von außen, von einem anderen Markt, aber mit Verständnis des lokalen Marktes. Er sieht, dass wir vieles erreicht haben, aber sieht noch viel Potential. Das ist genau das, was uns gefehlt hat. Wenn man sich die digitale Entwicklung der letzten Jahre ansieht - niemand konnte sich signifikant weiterentwickeln. Natürlich, alle sind gewachsen. Klar. Aber hat es entscheidende Veränderungen gegeben? Wir werden andere Zugänge suchen und finden müssen.

Nimeh: Sie müssen wissen, ich hätte hier auch niemals angefangen, wenn das nicht möglich wäre. Es macht keinen Spaß - zumindest mir nicht - bei einem Geschäft einzusteigen, dass sich nicht verändern wird. Und es gibt keinen besseren Platz, als in Medienunternehmen, um zu sehen wie drastisch Veränderungen sein können. Als ich Thomas Kralinger traf, wusste ich sofort, das ist jemand, der bemerkt hat, dass die Marktsituation und das kompetitive Umfeld jetzt die ideale Zeit für Veränderung ist. Ich freue mich sehr hier dabei sein zu können - und es wird sich viel verändern.

HORIZONT: Sicher?

Nimeh: Ja ganz sicher. Wir werden uns in Zukunft in der „perpetual beta" befinden. Also ständig in einer Beta-Testphase. Das heißt an einem Tag probieren wir etwas, und schauen, ob es klappt. Wenn nicht, nicht. Wenn ja, behalten wir das, was funktioniert und machen etwas Neues. Manche Leute sprechen über den Re-launch von Kurier. Vielleicht wird auch einmal ein spezieller Punkt ein neuer Startplatz sein, aber tatsächlich wird es jeden Monat einen kleinen Re-launch geben. Etwas, was uns auf Trab hält.

HORIZONT: Könnte das heißen, dass sich Kurier.at eine spezielle Nische sucht?

Nimeh: Nein, eigentlich nicht. Das heißt natürlich nicht, dass wir nicht die Themen forcieren möchten, die unsere Leser interessieren. Aber das ist ja das Beste daran - wir haben alles. Wir können entscheiden, wo wir mehr in die Tiefe gehen wollen.

Kralinger: Wir müssen ganz einfach beides machen. Auf der einen Seite haben wir die Marke Kurier, die für Qualität, Unabhängigkeit und Verlässlichkeit in der Informationsaufbereitung steht und das muss seine Fortsetzung im digitalen Bereich finden. Auf der anderen Seite bieten wir ja jetzt schon eine Reihe Special-Interest-Themen an. Wir sind der Marktführer bei Immobilien Classified. Wir sind Marktführer bei den Personalanzeigen. Wir haben eine grandiose Motorbeilage, die Freizeit - wir bedienen also schon eine Menge Special-Interest-Themen und alle sind auch digital verfügbar. Natürlich wollen wir weitere Themen ausbauen. Aber zuerst wollen wir uns auf das konzentrieren, bei dem wir gut sind.

Nimeh: Vor allem ist uns hier die Qualität wichtig. Natürlich haben wir auch leichtere Themen. Aber das heißt nicht, dass sie nicht mit absoluter Qualität und Ernsthaftigkeit bearbeitet werden. Das ist eine unglaublich gute Basis mit der wir arbeiten können.

HORIZONT: Gutes Stichwort. Was ist denn für Sie beide Qualitätsjournalismus?

Kralinger: Eine gute Frage. Mehrheitlich wird Qualitätsjournalismus definiert als wesentlicher Anteil an harten Themen wie Politik, Innen-, Außenpolitik, Kultur, Wirtschaft am Gesamtanteil des redaktionellen Auftritts. Es hängt natürlich auch damit zusammen, wie die Themen aufgearbeitet werden, wie viel Eigenleistung und seriöse Recherche damit verbunden ist.

Nimeh: Online, denke ich, gibt es vor allem ein Wort, das mit Qualität verbunden ist - Vertrauen. Vertrauen kann online ganz unterschiedlich gesehen werden wie in traditionellen Medien.  Wenn Sie den Fernseher einschalten, wissen Sie welchen Sender Sie sehen möchten. Wenn Sie eine Tageszeitung kaufen, wissen Sie welche Sie kaufen werden. Weil sie ihr vertrauen. Im Netz ist diese Idee von Vertrauen verändert. Dort vertrauen Sie auch den Menschen dahinter. Und nicht nur der Marke. Online schickt Ihnen jemand einen Link und sagt, lesen sie das, diese Leute sind gut - ihnen kann man vertrauen. Dieses Vertrauen hat mit den Menschen zu tun, die das Medium verwenden aber auch mit den Menschen, die es produzieren. Die Onlinemarke besteht also auch aus Individuen.

HORIZONT: Liegt die Zukunft für kurier.at daher im Teilen der Inhalte?

Nimeh: Das Ganze ist ein wenig größer. Blicken wir auf Social, Local und Mobile. Diese drei Dinge spielen zusammen. Sie haben einen dramatischen Einfluss auf das Medienbusiness im allgemeinem. Es gibt zwar eine Basis für Content Produktion. Aber man muss beobachten wie Inhalte in der sozialen Perspektive distribuiert werden, wie sie ihren Weg in die lokale Ebene finden - also in ein Geschäft oder eine Stadt - und natürlich wie man Inhalte mobil mitnimmt.

HORIZONT: Was heißt das für das neue Zusammenspiel Online und Print?

Nimeh: Das Ziel ist natürlich eine Kombination aus der Geschwindigkeit des digitalen Journalismus und der Autorität und Tiefe von den traditionellen Journalisten zu schaffen. Es geht darum, weniger oft dasselbe zu produzieren. Sondern Dinge die sich nicht überschneiden. Etwas, das wertvoller wird, wenn man es zusammenfügt. Also vielleicht sieht das aus wie ein tiefer Lead-Artikel, der dann aufgegriffen wird für soziale Distribution mit Bildergalerien, oder Livereportagen und so weiter - natürlich funktioniert das in beide Richtungen.

HORIZONT: Wird also einfach wild ausprobiert? Und wie können sich diese Investitionen rentieren?

Kralinger: Wir wären natürlich gerne in der glücklichen Lage ohne entsprechendes Businessmodell Dinge einfach ausprobieren zu können. In Wahrheit gibt es im digitalen Geschäft viel zu wenig Anhaltspunkte um Erfolgsaussichten beurteilen zu können. Wir werden und müssen auch in Zukunft experimentieren. Wir haben bei uns Entwickler und eine Infrastruktur, die wir nutzen können.

Nimeh: Rentieren kann sich das nur, indem man im digitalen Bereich die traditionellen Businessmodelle hinter sich lässt. Die sahen etwa so aus. Ein Produkt bekommt eine Verpackung, wird auf ein Regal gestellt und für einen Preis verkauft. Digitales hat jedoch die Fähigkeit zu fragmentieren und daher existieren verschiedene Businessmodelle. Zum Beispiel Erträge aus Kleinstbeträgen, Abonnements, Werbegeldern... einfach viele verschiedene Modelle auf einer Seite. Diese zu verstehen und zu kombinieren ist eine Kunst und eine Wissenschaft. Ich denke, niemand auf der Welt hat das momentan richtig. Wir haben uns dieselben Fragen bei der New York Times vor 15 Jahren gestellt. Dazu gibt es aber nicht nur eine Antwort. Außerdem bin ich ein wenig zu alt um einfach zu spielen. Es ist ein ernsthaftes Geschäft. Ich denke aber, es führt keinen Weg daran vorbei, zu Experimentieren. Anders findet man nie den richtigen Weg. Wichtig ist jedoch schlaues Experimentieren. Das heißt, man kann nicht alles gegen ein Projekt stellen. Es wird kleine Investitionen geben. Viele reden immer von dem einem oder dem anderem. Aber für mich gibt es beides. Es wird Dinge geben die sich weiterentwickeln. Es wird aber auch Dinge geben die revolutionär sind. Vielleicht nicht gleich etwas extrem Dramatisches aber es wird Neues geben. Die Zukunft liegt nämlich in der Evolution und der Revolution.

Interview: Martin Unger
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