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"New York Times" und "Le Monde" setzen auf Internationalisierung

Reuters-Tagung: Nachrichtenkonsum immer mobiler - Thompson: Professioneller Journalismus in Twitter-Zeiten nicht obsolet - Nougayrede: Qualitätsjournalismus hat seinen Preis

Der Nachrichtenkonsum wird wegen der rasanten Verbreitung von Smartphones immer mobiler und findet zunehmend live sowie über soziale Medien statt. Zu diesen Studienergebnissen kam das Reuters Institute an der Universität Oxford in seinem jährlichen Digital News Report. Für traditionelle Medienmarken, insbesondere Tageszeitungen bringt diese Entwicklung härteren Wettbewerb und stellt deren Geschäftsmodelle auf den Prüfstand, wie der Digital-Medien-Experte Nic Newman am Wochenende anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums des Reuters Journalismus Programm erklärte.

Die "New York Times" setzt deshalb auf Internationalisierung, Ein-Marken-Strategie und die Bespielung aller digitalen Kanäle, wie "New York Times"-Präsident Mark Thompson in Oxford berichtete. So werde die "International Herald Tribune“ etwa demnächst in "International New York Times" umbenannt und die Verbreitung der Digital-Abos außerhalb der USA soll erhöht werden.

Die Konkurrenz durch und das Geschäft im Internet seien jedoch mit dem Bohren harter Bretter vergleichbar. Die Einnahmen aus Karrieren- und Jobanzeigen sind beim US-Traditionsblatt beispielsweise von 204 Millionen Dollar im Jahr 2000 auf 13 Millionen im Jahr 2012 gesunden. "Ein Fall um 94 Prozent", so Thompson. Und im Internet gehe das Geschäft zäh. "Statt analoger Dollars gibt es digitale Pennies." Das Zeitungsgeschäft werde deshalb nach Meinung des "New York Times"- Bosses noch für etliche Jahre ein Hybrid-Geschäft in Print und Digital sein. 1,2 Millionen Print-Abos und ungefähr 700.000 Digital-Abos lautet das aktuelle Verhältnis bei der "Times". Beackert würden darüber hinaus neue Geschäftsfelder wie Video, Konferenzen, digitale Spiele und E-Commerce.

Thompson zeigte sich jedenfalls überzeugt, dass die Menschen bereit sind, für hochqualitativen Journalismus auch im Web zu zahlen. Die Anschläge von Boston hätten dabei Interessantes über Gegenwart und Zukunft des Journalismus gezeigt. "Früher haben TV-Kanäle und News-Webseiten als erste über große Breaking News berichtet, nun und in Zukunft sind es Twitter und ähnliche Angebote. Für gewöhnlich schlagen sie uns alle", so der "New York Times"-Präsident. "Aber sie bekommen auf Twitter nicht nur News, sie bekommen auch alles andere: interessante, aber unbestätigte Augenzeugenberichte und Bürgerjournalismus - aber auch Gerüchte, Spekulationen, Desinformation, Propaganda, Lügen, Verrücktes."

Vor ein paar Jahren habe man noch geglaubt, dass Journalisten durch Wikipedia und eine globale Armee von öffentlichkeitsinspirierten Amateuren ersetzt werden. Die neue Medien-Kakofonie in Twitter-Zeiten habe aber gezeigt, dass professioneller Journalismus und journalistische Werte nicht obsolet geworden sind, so Thompson. "Recherchieren, Editieren, Fakten überprüfen und investigativer Journalismus sind wichtiger denn je." Die Herausforderung werde es sein, für die entsprechende Finanzierung zu sorgen.

Dramatische Veränderungen in der Zeitungsbranche konstatierte auch "Le Monde"-Chefredakteurin Natalie Nougayrede. Bei der französischen Tageszeitung gebe es daher Überlegungen, die Grenzen zu überschreiten. "Le Monde" soll ähnlich wie die "New York Times" als globale Marke positioniert werden, Pläne für eine internationale, englische Ausgabe befänden sich in der Projektphase.

Im Internet setzt "Le Monde" auf "Freemium"-Bezahlinhalte. Teile des Online-Angebots sind frei, der Großteil aber kostenpflichtig. 15 Euro pro Monat zahlen die Digital-Abonnenten bei "Le Monde". Nougayrede: "Qualitätsjournalismus hat einen Mehrwert, und das hat seinen Preis. Davon müssen wir die Menschen überzeugen."

John Stackhouse, Chefredakteur des kanadischen "The Globe and Mail", betonte, dass es in der Online-Produktion immer wichtiger werde, auf Leserinteressen einzugehen. Seine Zeitung habe dafür einen "Audience Editor" eingesetzt, der Zugriffe und Feedback auf einzelne Online-Geschichten im Auge behält. Der "Globe and Mail"-Newsroom sei laut Stackhouse heute um 20 Prozent kleiner als noch vor zehn Jahren, produziere aber zweimal so viel Inhalte für deutlich mehr Plattformen.

Auf die Notwendigkeit neuer Erzählformate für das Internet-Zeitalter wies Juan Senor von der Londoner Innovation Media Consulting Group hin. "Digitale Plattformen brauchen neue Genres. Buzzfeed hat gezeigt, wie es gehen kann", so Senor.

An der Reuters-Tagung in Oxford nahmen auch mehrere österreichische Journalisten teil, die im Rahmen des von der APA - Austria Presse Agentur gesponserten Alfred Geiringer-Stipendiums das Journalism Programm der Reuters Foundation absolviert hatten.

Der Digital News Report des Reuters Institute ist online abrufbar.

(APA)
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