Netflix-CEO: "Klar hab´ ich Kabel-TV"
 

Netflix-CEO: "Klar hab´ ich Kabel-TV"

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Reed Hastings, Chef des kürzlich in Österreich gestarteten Videostreaming-Dienstes Netflix, spricht im HORIZONT-Interview über Lücken im lokalen Content-Angebot, kontroverse Werbemaßnahmen, den Deal mit der Deutschen Telekom und die Mär von den "Cord Cuttern"

HORIZONT: Netflix ist seit kurzem in Österreich verfügbar. Warum gerade jetzt der Start? Ist der Markt 2014 endlich reif?

Reed Hastings: Nun, eigentlich ist der Markt schon seit einigen Jahren reif. Wenn man sich YouTube ansieht, ist dort die Nutzung bereits sehr hoch. Allerdings waren wir selbst nicht bereit, wir mussten zuerst noch größer werden.

HORIZONT: Wie lauten die Ziele, die sie für Österreich vorgeben, welche Marktanteile wollen Sie erreichen?

Hastings: Unsere Ziele sind sehr ambitioniert. In den USA sind wir nach sieben Jahren Streaming-Geschäft in jedem dritten Haushalt. Wir hoffen, dass wir in fünf bis zehn Jahren ein Drittel der österreichischen und deutschen Haushalte erobern werden.

HORIZONT: Das ist wirklich sehr ambitioniert.

Hastings: Naja, die Leute lieben es einfach, sich online Filme und Serien anzusehen, und das sehen wir als große Chance.

HORIZONT: Bei Netflix Österreich sind kaum dezidierte österreichische Inhalte zu finden. Bauen Sie eher auf die Zugkraft von US-Inhalten? Sind lokale Inhalte nicht so wichtig?

Hastings: Wir haben einige wenige österreichische Inhalte, aber der Umfang wird Sie nicht beeindrucken. Wir haben etwa Filme von Michael Haneken, Michael Glawogger oder Karl Markovics. Die meisten Inhalte stammen von ARD, ZDF, der BBC und natürlich aus Hollywood. Wir werden nie alles haben, aber wir wollen so viel bieten, dass jeder Netflix-Mitglied sein will. Denken Sie an einen typischen Dienstag Abend, an dem sie heimkommen und sich ein Bier aufmachen. Da könnten Sie Sport schauen, maxdome kucken, Videospiele spielen, TV sehen, und tausend andere Dinge. Wenn wir diesen Wettbewerb um Aufmerksamkeit ein paar Mal in der Woche gewinnen, dann bleiben Sie ein Netflix-Mitglied.

HORIZONT: Der Launch in Mitteleuropa wurde auch durch etliche Werbemaßnahmen begleitet. Einige Twitter-Nutzer fanden die gesponserten Tweets sexistisch. Wie soll das zu einer Firma passen, die eigentlich ein sehr familienfreundliches Image haben will?

Hastings: In Social Media versuchen wir sehr intensiv, die Fans von TV-Shows zu erreichen. Bei dem Tweet ging es um die Show “Archer”, und wer die Show kennt, der wird den Witz der Werbung sicher verstanden haben. Leider hatten nicht alle Sinn für Humor, und wir haben diese Leute mit einem Tweet, der sich auf unsere Serie “Orange is the new black” (Serie über den Gefängnisalltag von Frauen, Anm.) bezieht, direkt angesprochen. Das hat sie wieder beruhigt, und sie haben sich gefreut, dass wir auf sie reagieren. In Social Media versuchen wir, unsere Kommunikation so spannend wie möglich zu machen, aber manchmal schießen wir über das Ziel hinaus.

HORIZONT: Bleiben wir kurz beim Thema Werbung. Netflix ist werbefrei, aber haben Sie jemals überlegt, native Ads einzuführen? Filmemacher könnten den Nutzern so ihre Produktionen empfehlen.

Hastings: Nein, das ist ein No-Go für uns. Wir sind ein Service, der sich ausschließlich auf User fokussiert, die dafür zahlen. Werbung ist bei einem kostenlosen Service wie YouTube aufgehoben.

HORIZONT: Netflix analysiert sehr tiefgehend, welcher Content Nutzer interessieren könnte - es werden etwa Download-Portale gescreent. Was haben Sie über die österreichischen Vorlieben gelernt?

Hastings: Wir schauen uns an, welche DVDs, Blu-rays, TV-Shows oder auch welche Inhalte auf Piraterie-Seiten beliebt sind. Die Österreicher haben eigentlich einen sehr ähnlichen Geschmack wie die gesamte DACH-Region.

HORIZONT: Der Spotify-Gründer Daniel Ek hat mir einmal in einem Interview erklärt, dass es auch sein Ziel ist, mit seinem Service Musik-Piraterie zu bekämpfen. Auch Ihr Ziel?

Hastings: Unser Hauptziel ist, erfolgreich zu sein und dass uns unsere Nutzer mögen. Wenn das bedeutet, nebenbei Piraterie zu senken, ist das großartig, aber es ist nicht unser Hauptziel. In Kanada etwa haben wir gesehen, dass Bittorrent bei unserem Launch etwa 30 Prozent des Internetverkehrs ausmachte, heute, also vier Jahre später, ist der Anteil auf zehn Prozent gesunken.

HORIZONT: Wenn man über Netflix spricht, muss man auch über das Phänomen der “Cord Cutter” sprechen. Verzichten die Nutzer zugunsten von Netflix tatsächlich auf herkömmliches Satelliten- oder Kabel-TV?

Hastings: Nein, wir sind sehr klar ein komplementärer Dienst. In den USA sind wir in 35 Millionen Haushalten, aber der Markt für Satelliten- und Kabel-TV ist stabil bei etwa 100 Millionen Haushalten geblieben.

HORIZONT: Die Netzneutralität ist ein sehr wichtiges Thema für Sie. Wie ist die Situation hier in Europa, wo das EU-Parlament die Gleichbehandlung von Daten bestätigt hat, im Vergleich zu den USA, wo eine Art Zweiklassen-Internet droht?

Hastings: Derzeit ist die Situation hier sehr ähnlich. Die Menschen wollen Netzneutralität, die Unternehmen leider nicht so sehr. Aber bis dato ist Netflix noch nicht geblockt worden, es gibt noch keinen großen Fight deswegen.

HORIZONT: In den USA musste Netflix Deals mit den großen Internet-Providern abschließen, um weiter in guter Qualität empfangbar zu sein. Müssen Sie solche Deals auch in Europa machen?

Hastings: Ja, mit der Deutschen Telekom. Wir werden dort direkt auf ihren Set-Top-Boxen drauf sein und dafür sorgen, dass der Stream frei fließt.

HORIZONT: Wer bezahlt da wen?

Hastings: Die Verträge sind geheim, aber dem zufolge, was öffentlich darüber berichtet wird, müssen wir dafür zahlen, um unser Netzwerk mit dem der Telekom zu verbinden.

HORIZONT: Haben Sie auch für Österreich einen Deal geschlossen, etwa mit Telekom Austria?

Hastings: Die Telekom Austria ist bereits an das Netz der Deutschen Telekom angeschlossen, deswegen funktioniert die Verbindung hier sehr gut, und wir mussten keinen eigenen Deal machen.

HORIZONT: Netflix wurde 1997 gegründet, hat zehn Jahre danach mit dem Online-Streamen begonnen. Zu welchem Zeitpunkt haben Sie beschlossen, vom DVD-Verleih zum Streaming-Dienst zu werden?

Hastings: Als wir mit den DVD starteten, wussten wir bereits, dass Streaming sehr groß werden wird und Content über das Internet ausgeliefert werden wird. Deswegen haben wir die Firma ja auch Netflix genannt und nicht “DVD by Mail”. Wir haben jahrelang darauf gewartet, dass das Internet schnell genug wird, und 2007 hat es dann genug Leute gegeben, die die technischen Voraussetzungen zur Nutzung hatten. Wir haben also schon ganz am Anfang geplant, Streaming zu machen.

HORIZONT: Sie sind auch Mitglied des Verwaltungsrats von Facebook. Deswegen die tiefe Facebook-Integration bei Netflix?

Hastings: Nein, die haben wir gemacht, bevor ich dort anfing. Die Partnerschaft ist auch gar nicht so ein großes Ding für beide Parteien. Facebook-Login und Empfehlungen von Freunden sind optional, niemand wird dazu gezwungen, die Funktionen zu nutzen.

HORIZONT: Nichtsdestotrotz haben Sie tiefe Einblicke in das Unternehmen Facebook. Welche Rolle spielt das Social Network bei der Konsum von Inhalten?

Hastings: Die meisten Leute wollen unseren Content privat konsumieren und nicht unbedingt sharen. Deswegen haben wir strenge Privatsphäre-Kontrolle. Wir machen auch keine Werbung und sind deswegen nicht gezwungen, Nutzerdaten zu sammeln.

HORIZONT: Der Netflix-Algorithmus analysiert den Nutzer hinsichtlich seiner Sehgewohnheiten und Vorlieben aber schon sehr intensiv. Wie sind diese Daten geschützt?

Hastings: Sie werden stark verschlüsselt. Auch die Nutzungsbedingungen garantieren aus rechtlicher Sicht, dass die Daten niemand anderer verwenden darf und wir sie nicht verkaufen dürfen.

HORIZONT: In einem Interview mit “Der Spiegel” haben Sie anklingen lassen, dass Sie auch eine deutsche Serie produzieren wollen. Was können Sie uns dazu verraten?

Hastings: Wenn wir in neuen Ländern starten, versuchen wir, den Markt kennenzulernen und dann Originals zu produzieren. Das haben wir etwa in Mexiko, Kolumbien oder Norwegen gemacht. Wir haben auch eine eigene Produktion für Frankreich bekannt gegeben, wo wir in Marseille drehen. In Deutschland haben wir noch keine Location gefunden.

HORIZONT: Suchen Sie noch einen europäischen Co-Producer?

Hastings: Ja, wir arbeiten bereits mit einigen europäischen Produzenten zusammen, aber die Oberkontrolle behalten meist wir.

HORIZONT: Ganz andere Frage: Als vielbeschäftigter CEO, haben Sie da eigentlich Zeit, das zu tun, wofür Ihre Nutzer bekannt sind - Bingewatching?

Hastings: Ja, ich habe Bingewatching vor zwei Wochen gemacht und hab mir sechs Episoden unserer neuen Serie “BoJack Horseman” am Stück reingezogen. Eigentlich hätte ich ein paar Sachen im Haus erledigen sollen.

HORIZONT: Haben Sie überhaupt noch Kabel- oder Satelliten-TV zu Hause?

Hastings: Ja, klar habe ich noch Kabel-TV, damit ich mir so Dinge wie die Weltmeisterschaft, die Emmys oder die Oscars ansehen kann.

Dieses Interview war bereits in HORIZONT-Ausgabe 39, die vergangenen Freitag erschienen ist, zu lesen. Hier geht´s zu den Abonnements für HORIZONT.
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