Marketing Rockstars: "Hallo, ihr Marketing-Fu...
 

Marketing Rockstars: "Hallo, ihr Marketing-Fuzzis!"

Die Konferenz Marketing Rockstars brachte vor kurzem Vertreter von Google, Facebook, Twitter, The New York Times, adidas, O’Neill oder Diesel zum Digital-Talk nach Graz. Fast 2.000 Besucher kamen

Der Nachbericht von den Marketing Rockstars ist bereits am Freitag, 15. Mai, in HORIZONT-Ausgabe 20 erschienen. Hier geht es zu den Abos.

Es wurde wieder gerockt. Die Marketing Rockstars haben auch heuer ein beeindruckendes Programm in der Grazer Stadthalle auf die Bühne gebracht. Mit diesmal rund 1.950 Besuchern – im ersten Jahr der Rockstars waren es 1.200 – wurde das Event mit vielen jungenHipsters bis digitalaffinen Zusehern zu einem Highlight für die Kommunikationsbranche des Landes. Von 9 Uhr bis 20 Uhr war der Hauptsaal durchgehend dicht besetzt und voll guter Stimmung. Unter dem Hashtag #thinkahead15 war das Event auf Twitter Topic des Tages. Neben ­digitalen Propheten, Creative Evangelists und innovativen Denkern, allesamt aus dem digitalen Reich, wirkten die gesackelten Pinterest-, Google-, und Facebook/Instagram-Prediger fast unnahbar.

Work hard, party hard


Weiters brachten The New York Times und einige Kreative, darunter Österreichs Aushängeschild und Polarisierer Amir Kassaei oder Saatchi & Saatchis Jason Romeyko manches auf den Punkt. Spannend waren die vielfältigen gut besuchten Master Classes parallel zum Hauptpodium diverser hipper Nischenmarken wie gut situierten Brands. Highlight unter anderem Scott Morrison, Marketing Director Diesel, der mit Gin in der Hand über die Befreiung des „Creative Mother­fuckers in dir“ referierte. Cool, witzig, kritisch moderierte Herr Hermes von FM4. „Hallo, Marketing-Fuzzis“, begrüßte er das Publikum nonchalant.

Und am späten Abend wurde weitergefeiert mit DJ-Line-ups mit Loo & Placido, Paris und FM4 – und eine ordentliche Champagnerdusche für das Eventteam durfte auch noch sein.

Einige der heißesten Aussagen bei den Marketing Rockstars nun in Kurzform: „We think we tell the best storys on earth“, sagte Sebastian Tomich, New York Times, und weiter: „Beginn mit der Geschichte und dann such das passende Medium.“ Dass die New York Times auch längst ins Content-Marketing-Geschäft eingestiegen ist, rechtfertigte Tomich so: „Ein Publi­sher muss auch eine Agentur werden“, aber dafür zählten die bezahlten Artikel auf der Nachrichtenseite auch zu den am klarsten gekennzeich­neten der ganzen Branche.

Digitale Prophezeihungen

Über das „dritte Zeitalter der Digitalisierung“ sprach Amir Kassaei, „Likes sagen nichts über Markenerfolg – it’s all about humanity & magic“, fand er und beschwerte sich über seine beschnittene Redezeit. Außerdem empfahl er den zukünftigen jungen Talenten: „Vergesst, was euch andere sagen, was hipp ist, macht, was euch Spaß macht und wofür ihr brennt.“ David Shing, kurz Shingy, war ebenso ein Highlight und der meistbeklatschte „Prophet“ der Veranstaltung. Er zieht für AOL um den Globus und verbreitet seine Einsichten. Übrigens war seine Speech so speedy, dass alle total beeindruckt, aber die relevanten Aussagen, Twitter beweist es, kaum zu „catchen“ waren.

Der gebürtige Aus­tralier, im individuellen Schwarz-Weiß-Outfit und prominenten Haardesign, brachte aber ein großartiges kreatives Digital-Beispiel: die Kampagne des Paketdienstes DHL, der seine Konkurrenten TNT, UPS und DPD mit einem genialen „trojanischen Mailing“ an der Nase herumführte. In diesem Fall wurden Riesenpakete beklebt mit Thermofolien der Konkurrenz übergeben, natürlich mit schwer auffindbaren Adressen. Beim Zustellen stand dann auf den Paketen „DHL is faster.“ In großen Lettern. Superidee – übrigens kein Auftragswerk von DHL! Die Agentur wurde nach der Veröffentlichung vor einem Jahr nicht bekannt gegeben, das 5,5 Millionen Mal geklickte Video auf YouTube wird von Jung von Matt/Neckar gehostet.

Marken machen Content


Einen Paradigmenwechsel kündigte Marketer Doug Perkul der Brand O’Neill, Erfinder des Wetsuit und gemacht für Surf-Aficionados, an: „Be more focussed und don’t make people want things but make things people want.“ Auch bei adidas sieht man sich vor der Herausforderung, „cool zu bleiben und gleichzeitig weiterzuwachsen“, erklärte Alexander Matt, Director Global Brand Communications bei der Sport- und Lifestyle-Marke. „Es sind nicht mehr wir alleine, die die Marke bestimmen, sondern wir geben ein Stück weit die Kontrolle ab. Wir wollen den Konsumenten Tools, den Content und die Produkte geben, die ihnen erlauben, Kreativität zu leben.“ Und dieser Content, mit dem man Facebook, Twitter, YouTube oder die eigenen Webseiten befüllt, das sei eine echte Herausforderung. „Wir müssen jeden Tag Content produzieren, wir haben dazu auf der ganzen Welt Redaktionen eingerichtet. Wir müssen heute viel mehr Content produzieren, haben aber nicht mehr Budget als früher“, so Matt.


Jay Curley, Global Marketing Manager Ben & Jerry’s, sprach über seine „Mission“, Authentizität und warum er seine Social-Media-Fans mehr liebt als sie Ben & Jerry’s. „Your company fails? Be honest about it“, empfielt Jochen van Drimmelen, rasant unterwegs für KLM. Seine Strategie zeigt: im Grunde alles auf Stars fokussiert – ohne Mega-Testimonials geht gar nix, und die dürfen dann sogar Kollektionen entwerfen, wie Pharrell Williams. Ganz was Neues.
In Sachen Jungfirmen hatte das Festival natürlich auch etwas parat: Das Start-up Erdbeerwoche, das sich dem Thema nachhaltige Frauenhygiene verschrieben hat und einen Online-Shop für Slipeinlagen, Tampons und Unterwäsche betreibt, gewann den ersten Preis – Mediavolumen im Gesamtwert von 30.000 Euro auf derstandard.at sowie Coaching-Sessions bei der Grazer Start-up-Schmiede Up To Eleven.

Wenige Frauen am Podium

Englisch war übrigens die Sprache des Festivals, ohne Übersetzung, versteht sich. Wer ein Rockstar ist, spricht natürlich Englisch. Ein echtes Manko bei dieser Veranstaltung: Es gab auf fünf Podien mit 15 Keynotes und 28 Master Classes genau zwei Frauen am Podium, eine weitere hatte ihren Flieger verpasst. Auch die noch junge Welt der Marketing Rockstars scheint weiterhin von Männern besetzt.
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