Mahlzeit!
 

Mahlzeit!

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk
Food hat mittlerweile eine moralische, geradezu ‚spirituelle’ Dimension bekommen.
Food hat mittlerweile eine moralische, geradezu ‚spirituelle’ Dimension bekommen.

Diese Woche geht´s bei Walter`s Weekly um Food als Religion und Nachrichten über Facebook

Food, die neue Religion

Dass Religionen gewisse Nahrungsmittel mit Tabus belegten, hatte oft gute Gründe. So war in dem heißen Arabien leicht verderbliches Schweinefleisch ein großes Gesundheitsrisiko in einer Zeit ohne Kühlschränke oder Konservierung. Als Zucker im späten 18. Jahrhundert eingeführt worden war, wurde er rasch als „schlecht“ klassifiziert. Nicht der Gesundheit wegen, sondern weil Zucker gut schmeckt, ergo Vergnügen bereitet und daher als „Sünde“ zu klassifizieren war.

Nicht so offensichtlich ist, warum heute, wo asketisch-religiöse Werte keinen Platz mehr finden und wo saubere Essware in Hülle und Fülle zur Verfügung steht, Food für viele zu einem lebensbestimmenden Problem geworden ist. Dieses Phänomen konnte sich nur über persönliche Kommunikationsmedien ausbreiten.

Grüppchen mit ausgefallenen Vorlieben hat es immer gegeben. Heute suchen sie über das Internet Gleichgesinnte, organisieren sich und wirbeln publizistischen Staub auf. Schätzungen zufolge gibt es über 2 Millionen Blogs zum Thema Food. Foodies100.co.uk, das größte Ess- und Trinknetzwerk in Großbritannien, hat rund 5.000 bloggende Mitlieder und erreicht pro Jahr eine Leserschaft von 8 Millionen.

In den USA rangiert unter den 100 einflussreichsten Ratgebern in Frage Gesundheit und Fitness ganz oben ein „Food Babe“. Sie versorgt eine Heerschar von Anhängern mit Schreckensmeldungen, obwohl sie keine Ausbildung in Medizin, Biologie, Chemie, Toxikologie oder Umweltwissenschaften hat. Das Food Babe war ursprünglich Finanzberaterin.

Food hat mittlerweile eine moralische, geradezu ‚spirituelle’ Dimension bekommen. Während der Bio-Fimmel in Österreich eher Status-begründet ist, segeln diverse Varianten aus Kalifornien unter schwerem ideologischen Gepäck. Das kristallisiert sich bis zur Weltanschauung. Neuester Renner ist Reinheit. Was einst seelische Reinigung durch Gebet und Ritual war, ist heute Aufgabe der Ernährung. Von steinzeitlicher Diät über Alles-Bio bis zur Rohkost sind Essensfragen auf die Ebene religiöser Ideen vorgestoßen. Ob das mit dem allgemeinen Glaubensverlust zu tun hat?

Der Gluten-Fimmel fällt in diese Kategorie. „Glutenfreie“ Produkte offeriert mittlerweile jede Supermarktkette – global ein Milliarden-schwerer Markt. Da an echter Glutenunverträglichkeit nur 1 Prozent der Bevölkerung leidet, kommt die große Nachfrage nach glutenfreien Produkten von Verbrauchern, die ein Problem mit ihrem Gewicht oder Aussehen haben (aber nicht mit einem Bestandteil von Getreide).

Essgewohnheiten dieser Art machen sich sogar in den Märkten bemerkbar. Einer Erhebung der Investmentbank Jefferies zufolge verlieren die großen Marken in 42 von 54 Nahrungsmittelkategorien seit fünf Jahren Anteile. An deren Stelle tritt eine große, wachsende Zahl von kleinen, oft nur lokal erhältlichen Marken. Ironischerweise können sich die Mini-Marken, die natürlich keinen Zugang zu Supermarktregalen erhalten, mit Hilfe eines ganz Großen ausdehnen: Ihr Vertrieb läuft häufig über Amazon. Auf jeden Fall hat es noch nie ein so gutes Umfeld für Food-Unternehmer gegeben.

Alles harmlose Modeerscheinungen? Nicht ganz. Extremdiäten sind oft gesundheitlich schädlich (ohne Nahrungsergänzungsmittel weisen Veganer früher oder später Anzeichen von Mangelernährung auf). Stellt eine auf Essstörungen spezialisierte Londoner Ärztin fest: „Apps und Sozialmedien verursachen nicht unbedingt zwanghaftes Verhalten, können aber Essstörungen verstärken.“

Zig Millionen leiden plötzlich an Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Als Schuldiger wird gerne eine ‚vergiftete Umwelt’ ausgemacht. Mit wissenschaftlichen Fakten darf man diesen seelisch angespannten Menschen nicht kommen – dann wittern sie schnell einmal eine Verschwörung zwischen der Wissenschaft, dem Agrarbusiness und der pharmazeutischen Industrie.

Kein guter Geisteszustand. In diesen Zirkeln brüten Selbstgerechtigkeit und Intoleranz (Vegetarier, die mit Fleischessern nicht einmal konversieren, ähnlich Gläubigen, die Ungläubigen meiden). Was ein Randbereich des Lebens sein sollte, wird zur zentralen Identitätsfrage; anstatt zu sagen, „Ich esse bevorzugt vegetarisch“, sagen sie: „Ich bin Vegetarier“, was die ganze Person definiert.

Die Priesterinnen dieser neuen Religion sind häufig junge, auffallend gut aussehende Frauen, die sich online eine große Gefolgschaft anzüchten. Zuerst haben sie nur Rezepte empfohlen, jetzt verkaufen sie sich als Fachfrauen in Ernährungs-, Umwelt- und Gesundheitsfragen und offerieren ganz ungeniert Seelenführung.

Dass „Reinheit“ von einem ursprünglichen spirituellen Wert (z.B. frei werden von bösen Gedanken) auf die Ebene von Essen heruntergezogen wurde, passt irgendwie zum Konsummenschen, der sich einbildet, Erleuchtung und Unsterblichkeit kaufen zu können...

Lesetipp: The Gluten Lie and Other Myths About What You Eat, von Alan Levinovitz

Quellen:

http://www.spectator.co.uk/features/9612872/why-clean-eating-is-worse-than-just-a-silly-fad/

http://www.nytimes.com/2015/08/26/dining/start-up-food-business-changing-appetites.html

http://www.theatlantic.com/health/archive/2015/05/the-puritanical-approach-to-food/392030/

http://news.nationalpost.com/life/food-drink/the-new-religion-how-the-emphasis-on-clean-eating-has-created-a-moral-hierarchy-for-food

http://www.huffingtonpost.com/ellen-frankel/health-food-diets-the-new_b_3581071.html

http://gawker.com/the-food-babe-blogger-is-full-of-shit-1694902226

Nachrichten werden bevorzugt über Facebook abgerufen

Eine aktuelle Erhebung der New Yorker Web-Analytics-Firma Parse.ly zeigt: Der Nachrichtenverkehr im Web fließt nun stärker via Facebook als über Google. Ein Grund für Googles Rückfall mag darin liegen, dass die Suchmaschine Verlegern nicht länger mitteilt, welche Stichworte hauptsächlich dafür verantwortlich waren, Besuchsverkehr zum Medium zu leiten. Nur, in dieser Hinsicht werden Medienunternehmer von Facebook auch nicht verwöhnt, wenn es darum geht, herauszufinden, warum manche Artikel besonders begehrt waren. In dieser Hinsicht wäre Twitter nützlicher.

Ganz generell nimmt der Konsum digitaler Nachrichtenquellen stark zu, was in der Praxis heißt, dass sie über mobile Geräte rezipiert werden. Allerdings entlarvt eine aktuelle Erhebung von comScore eine populäre Meinung als Irrtum: Handys würgen keineswegs den Nachrichtenkonsum via Desktop-Computer ab. Die Zeit, die mit digitalen Medien am PC verbracht wird, nimmt immer noch zu.

Quellen:

http://fortune.com/2015/08/18/facebook-google/

http://blogs.wsj.com/cmo/2015/08/19/digital-media-consumption-is-booming-as-investment-floods-in/

http://www.pewresearch.org/fact-tank/2015/08/19/how-do-americans-use-twitter-for-news/

[Walter Braun]
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