Learning by surfing
 

Learning by surfing

Lernen von zu Hause aus? Nie im Klassenzimmer und trotzdem in der Schule? Seit Jahren kein Buch gelesen und dennoch hochgebildet? Telelearning macht's möglich. In den USA natürlich schon lange, aber auch Österreich zieht nach.

Der Lebenszyklus eines Handys ist mittlerweile halb so lang wie die Entwicklungszeit des Produkts. Die Wirtschafts- und Finanzwelt dreht sich immer schneller, Engpässe in der Produktion werden seltener, Engpässe gibt es, wenn überhaupt, in der Ausbildung. Wie nämlich bildet man in möglichst kurzer Zeit und ohne allzu großen finanziellen Aufwand - um beim Beispiel Handy zu bleiben - Techniker in den Servicecentern in aller Welt aus, damit sie auch in der Lage sind, ein neues Handy, sobald es am Markt ist, professionell zu reparieren? Oder wie erschließt man auch österreichischen Studenten einen Live-Vortrag eines amerikanischen Uni-Professors? Mit dem Trend zum Tempo auf allen Linien sinkt auch die Halbwertszeit des erworbenen Wissens. Flexibilisierung und Individualisierung in der Weiterbildung gewinnen an Bedeutung. Die Antwort auf den Wissenszwang des Fortschritts heißt Technology based learning, Telelearning oder E-Learning. Kurz: Wissenserwerb über elektronische Medien, die es dem Lernenden möglich machen, zeit- und ortsunabhängig möglichst rasch ein bestimmtes Thema zu erarbeiten. Große Firmen weltweit sind längst auf den Zug Telelearning aufgesprungen. Cisco soll bereits 80 Prozent des Trainings über E-Learning durchführen. IBM bietet allen Mitarbeitern über den so genannten Lotus Learning Space einen virtuellen Raum zur Online-Weiterbildung an.


Laut einer Studie von IDC-International wächst der amerikanische Markt für technologiebasiertes Lernen, wobei hier IT-Training über das Web gemeint ist, bis zum Jahr 2002 auf über 11 Milliarden Dollar. Der europäische Markt soll bis 2002 auf etwas über 3 Milliarden Dollar (45 Milliarden Schilling) steigen.


Über die Größe des österreichischen Marktes für E-Learning existieren derzeit keine Angaben. Fest steht, dass E-Learning und Telelearning nicht nur in großen Betrieben, sondern auch bei österreichischen Schulen und Weiterbildungseinrichtungen immer höher im Kurs sind. Auch die österreichische Bundesregierung widmet sich verstärkt dieser Thematik. Und das ganz im Sinne der EU. Unter dem Namen e-europe hat die EU einen Aktionsplan angedacht, der mehr Europäer mit moderner Kommunikation vetraut machen soll. Mehr E-Commerce, mehr Internet-Anschlüsse und Computer-Experten sollen Europa helfen, den Abstand zu den USA zu verringern.


Für Schulen gibt es von Seiten der europäischen Kommission die Vorgabe, bis 2001 sämtliche Schulen in Europa ans Internet zu bringen. Zweiteres wird in Österreich mit der so genannten "Computermilliarde" bewerkstelligt. Aus der Versteigerung der UMTS-Lizenz soll eine Milliarde Schilling für das Bildungssystem abgestellt und für die Ausstattung österreichischer Schulen mit Laptops aufgewendet werden. Außerdem gibt es seit Jahren Förderprogramme. Im Mai 1998 haben beispielsweise die ehemaligen Bundesministerien für Wissenschaft und Verkehr sowie Unterricht und kulturelle Angelegenheiten das zweijährige Förderprogramm "Multimediale Bildungsmaterialien" ausgeschrieben, wobei je Ministerium zehn Millionen Schilling zur Verfügung standen. Ein Teil der ausgewählten Projekte ist auf der Homepage www.bmwf.gv.at/

3uniwes/foerderprog/material.htm einzusehen. In der Abteilung Medienservice des Bildungsministeriums, deren Aufgabe es ist, Schulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung mit audiovisuellen Medien zu versorgen, ist man derzeit dabei, die Unterlagen zu digitalisieren und damit hochmoderne Unterrichtsmittel bereitzustellen. In den nächsten drei Jahren sollen laut Medienservice-Leiter Walter Heginger zwölf Millionen Schilling in die Digitalisierung investiert werden.

Neue Akzente will Gehrer mit dem IKT(Informations- und Telekommunikationstechnologie)-Lenkungsausschuss setzen. Dieses Forum ist damit beauftragt, Maßnahmen und Richtlinien für diesen Bereich auszuarbeiten. Die zentralen Aufgaben des IKT-Lenkungsauschusses sieht der Vizepräsident der Donau-Universität Krems, Prof. Ing. Dr. Johann Günther, der dieses Forum leitet, in der Aus- und Weiterbildung der Lehrer sowie in der Bereitstellung von Content. Günther: "Das Hauptproblem gilt eigentlich nicht der Entwicklung von Content. Wir müssen uns darauf konzentrieren, eine Börse zu erarbeiten, wo man herausfindet, welche Contents bereits in Europa existieren. Es ist beispielsweise nicht notwendig, dass wir in Österreich ein Mathematik-Programm entwickeln, das schon dreißigmal irgendwoanders erstellt wurde. Wir haben uns im ikt-Lenkungsausschuss darauf geeinigt, dass wir vor allem dort Fernlehre- und Multimediaprogramme entwickeln, wo es sich um österreichisches Kulturgut handelt." Die Vision sei die, dass Schüler einen Laptop wie ein Schulbuch handhaben und dass die Ausbildung mit Neuen Medien in alle Gegenstände integriert ist.





Telemachos in Krems


Mit der Donau-Universität Krems nimmt Günther, der dort die Abteilung für Telekommunikation, Information und Medien leitet, in der universitären Ausbildung im Bereich Neue Medien eine Vorreiterrolle ein. 15 Prozent der Vorlesungen werden in Krems Günther zufolge bereits über Videokonferenz gemacht. Günther: "Im Rahmen des Projekts Telemachos - das war ein griechischer Gott, der nirgends zu Hause und immer unterwegs war - tauschen wir mit 14 anderen Universitäten von Kalifornien bis

St. Petersburg über Videokonferenz Vorlesungen aus. Das ist nicht nur sehr kostengünstig. Es fallen ja praktisch nur Telefongebühren an. Es ist auch ein Vorteil, wenn man die Information direkt vor Ort kriegt." Im nächsten Studienjahr will Günther die ganze Universität und auch die Stadt Krems in einem Umkreis von vier Kilometern mit einem Wireless Lan (also einem drahtlosen Netz) versorgen. Günther: "Dann kann jeder Student, wenn er im Studentenheim oder in einem Hotel wohnt, mit dem Server der Universität über Laptop arbeiten. Bestimmte Vorlesungen, die wir über Großwandvideo gesendet haben, werden wir überhaupt speichern und eine bestimmte Zeit anbieten." Gemeinsam mit dem Bildungsministerium bietet die Donau-Universität Krems auch Postgraduale Universitätslehrgänge für Medienpädagogik sowie für "Learning and Teaching New Media" für die Zielgruppe Lehrerinnen und Lehrer an.



Die Unis ziehen langsam nach


An den staatlichen Universitäten in Österreich sind Tele- und E-Learning-Angebote erst sporadisch vorhanden. Das Institut für Wirtschaftsinformatik an der Linzer Kepler Universität hat im heurigen Frühjahr mit "Scholion" auf sich aufmerksam gemacht. Scholion steht für Scaleable Technologies for Telelearning and Teleteaching und ist eine Software-Grundlage, um Vorlesungen und andere Lehrveranstaltungen über das Internet abzuwickeln, wobei sich der Lernprozess nach eigenen Wünschen gestalten lässt.


An der Universität Innsbruck wurde von der Projektgruppe "Neue Medien/Virtuelle Universität" das so genannte "Innsbrucker Modell Flexibles Studium" (IMFS) entwickelt, das Grundsatzpositionen zum Einsatz Neuer Medien in der Lehre enthält und mittlerweile auch vom Senat verabschiedet wurde.


Dass die Donau-Universität die Nase vorne hat, ist für Clemens Hüffel, Leiter der Mediengruppe des Bildungsministeriums, "unzuständigerweise klar". Hüffel: "Die Donau-Universität ist im Gegensatz zu den anderen 12 Unis ein universitäres Fortbildungszentrum. Daher liegt es in der Geschäftspolitik, die Weiterbildung besonders zu betreiben." Hüffel sieht es auch nicht als Aufgabe des Bildungsministeriums, für die Grundausstattung in Österreich zu sorgen, sondern vor allem darin, Akzente zu setzen. Hüffel: "Wir setzen Initialzündungen im Bereich Neue Medien und sehen das als Schneeballeffekt."



Der private Sektor ist schneller


Im privaten Bildungssektor bieten das Wirtschaftsförderungsinstitut (WIFI) und bit media bereits respektable E-Learning-Lösungen an. Das WIFI hat im Vorjahr unter dem Namen TeleWIFI sein Telelearning-Angebot aus der Taufe gehoben. Das TeleWIFI basiert auf einem komplexen System, das eigens mit der Mühlener & Tavolato GmbH für das WIFI entwickelt wurde. Im Mittelpunkt für den User steht das TeleWIFI.Book, quasi ein elektronisches Skriptum auf HTML-Basis. Dieses "Skriptum" ermöglicht eine ganze Reihe von Gestaltungsmöglichkeiten wie die Einbindung multimedialer Elemente, das direkte Anspringen von Stellen im Skriptum oder sogar im Web. Für die notwendigen Übungen, die während eines Kurses zu absolvieren sind, sorgt das TeleWIFI.Exercise, mit dessen Hilfe die Kursentwickler Aufgaben und Übungen für interaktive Medien definieren können.


Der Lernende wird bei jedem Kurs von einem TeleWIFI.Coach begleitet. Dieser Coach verfolgt die Lernfortschritte jedes Einzelnen individuell und hat natürlich auch einen Überblick über den allgemeinen Kursfortschritt. In Kontakt treten kann er mit seinen "Schülern" einerseits zeitversetzt (Mitteilungen versenden, auf Fragen antworten, Übungsbeispiele korrigieren). Andererseits kann er auch ein Videokonferenzsystem oder eine Telesprechstunde einsetzen. Zusätzlich gibt es vor allem bei länger dauernden Ausbildungsgängen auch Präsenzphasen. Die Lehrinhalte des TeleWIFI sind laut Horst Krieger, Leiter der WIFI-Task-Force Telelearning, durchwegs Selbstentwicklungen. Seit Sommer letzten Jahres wurden Krieger zufolge über 300 Personen in Englisch- und Office-Kursen geschult. Ein umfangreiches Kursangebot ist derzeit in Entwicklung. Kursinformationen und Anmeldemöglichkeiten zum TeleWIFI finden sich im Internet unter www.telewifi.at. Dass das TeleWIFI ein Erfolg wird, daran besteht für Krieger kein Zweifel: "Alle Studien zum Thema Telelearning haben gemeinsam, dass der Trend nach oben zeigt. Learning just in time wird immer wichtiger, um sich am Arbeitsplatz zu erhalten." Derzeit belegen rund 350.000 Personen österreichweit WIFI-Kurse. Mittelfristig rechnet Krieger damit, "10 Prozent der Wifi-Kursteilnehmer" für Telelearning interessieren zu können.





b.i.t. media: Alles zum Thema IT und BWL


Das B.I.T.-Schulungscenter mit Sitz in Graz, der größte heimische private Schulungsanbieter, hat vor fünf Jahren begonnen, sich mit dem Thema E-Learning zu beschäftigen. Ab 1998 gab es eine Kooperation mit der Siemens AG, die die Lern-Plattformen bereitstellte. Sämtliche Contents werden von B.I.T. selbst kreiert. Im März 2000 wurde die bit media, ein 50:50-Joint-Venture von Siemens und B.I.T., aus der Taufe gehoben. Das neue Unternehmen mit Firmensitz in Wien und Niederlassungen in Graz, Hamburg, Hannover, Frankfurt und München bietet auf Basis einer Lernplattform mit dem Namen Sitos Lösungen für elektronisches Lernen, von Lernmanagementsystemen, die Offline- und Online-Lösungen kombinieren, über spezielle E-Learning-Lösungen bis hin zur virtuellen Universität. Bei Letzterem kann man online einen Teletutor in einer virtuellen Unterrichtsstunde treffen, auch Gruppenfunktionen sind möglich. Das Content-Angebot konzentriert sich laut Geschäftsführer Stephan Sticher vorwiegend auf den IT- und den BWL-Bereich. In Entwicklung seien Business Englisch und Soft Skills. Für den Europäischen Computerführerschein habe die bit media das weltweit erste zertifizierte elektronische Lernmedium entwickelt, so Sticher. Zu den Referenzkunden der bit media zählen neben Siemens beispielsweise die Oberösterreichische Landesregierung, das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kunst, Opel, Ergo Verbund, Glaxo Wellcome oder das AMS. Unter www.bitmedia.cc können sich auch Einzelpersonen zu den Kursen anmelden. Den Nutzen für den Kunden bringt Sticher klar auf den Punkt: "Wir reduzieren Aus- und Weiterbildungskosten um bis zu 60 Prozent bei gleichzeitiger Erhöhung der Lern- und Mitarbeitereffizienz."



In zwei Jahren von 8 auf 250 Kurse


Vor etwas mehr als zwei Jahren hat Badegruber & Taschil mit Sitz in Linz begonnen, Telelearning-Kurse anzubieten. Ursprünglich waren es acht Kurse im Office-Bereich, die zum Downloaden feilgeboten wurden. "Heute sind wir bei einem Umfang von zirka 130 Kursen in deutscher und 120 Kursen in englischer Sprache, die wir über Internet (www.telelernen.at) zum Download und seit neuestem auch online anbieten", berichtet Geschäftsführer Joseph Badegruber stolz. Angeboten werden fast ausschließlich EDV-Kurse, vom Europäischen Computerführerschein bis hin zu Programmiersprachen. Von Februar bis August 2000 hat Badegruber das erste Mal einen Teletrainer-Lehrgang durchgeführt. Das neue E-Learning-System, das Badegruber seit Sommer anbietet, funktioniert in Echtzeit im Internet in einem virtuellen Klassenzimmer. Badegruber: "Benötigt werden nur ein 56k-Modem, Windows 98, ein Kopfhörer und ein Mikrofon. Von der Einfachheit des technischen Equipments ist dieses Produkt meiner Meinung nach konkurrenzlos." Bezogen hat Badegruber das Live-E-Learning-System von der Firma Interwise mit Hauptsitz in Israel und Präsenz in Santa Clara. Die Contents bezieht Badegruber vom weltweit vertretenen Lernsoftware-Hersteller Netg (National Education und Trainingsgroup, www.netg.at), der auch über ein Büro in der Wiener Rahlgasse verfügt. Hauptkunde von Badegruber & Taschil ist derzeit das Arbeitsmarktservice (AMS) Oberösterreich. 300 Teilnehmer wurden dort laut Badegruber im Jahr 1999 geschult, heuer seien es bereits 200 gewesen. Weitere Kunden sind beispielsweise die Baufirma Fill oder die TGW Wels. Das ganze System steht auch frei am Markt für Einzelpersonen zur Verfügung.



Pegasys: Neu in der Steiermark


Im Bereich Sprachen bietet das Klagenfurter Unternehmen InfoConsult - Teleservices Datenhighway & Dienstleistungen GmbH unter www.ilc.at mittlerweile einige E-Learning-Kurse feil. Und auch das Berufsförderungsinstitut (bfi) Steiermark steigt in den Telelearning-Sektor ein. Die Abteilung Telelearning des bfi Steiermark hat mit Pegasys (www.pegasys.at) ein eigenes System entwickelt, das webbased Training unterstützt durch Video, Audio und Multiple-Choice-Test möglich macht. Pegasys ist seit Sommer 1999 im Einsatz und bietet Contents auf Basis des Europäischen Computerführerscheins. Bis jetzt wurde Pegasys vor allem für Lehrlingsschulungen im internen Bereich beim bfi Steiermark eingesetzt.


Von technischer Seite her dürfte Oracle mit Anfang 2001 ein spannendes Produkt auf den Markt bringen. Oracle hat sich bisher schon im Bereich E-Learning engagiert und zum Teil öffentlich zugängliche Ausbildungsseminare für Kunden im Internet (eseminar.oracle.com) veranstaltet. Das neue Produkt soll offen sein für alle Contents. Oracle-Schulungsleiter Olaf Peters: "Das neue System wird es ermöglichen, Lerninhalte strukturiert in einer Datenbank auf Lernschrittebene abzuspeichern, und es wird in der Lage sein, virtuelle Klassenzimmer zu verwalten, wo Interaktivität möglich ist." Für Selbstqualifikation dürfte es also in Zukunft in Österreich keine Ausrede mehr geben. Angebot ist da. Und das ist erst der Anfang. In diesem Sinne: Good Speed! (juju)

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