Lasst uns tanzen - und die digitalen Tentakel...
 

Lasst uns tanzen - und die digitalen Tentakel, an denen wir hängen, vergessen!

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Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um Autoritarismus, schlechte Zeiten für Gratiszeitungen und überzeugende Markennamen

Alles PR, alles bloß Show: Willkommen in der neuen Wirklichkeit

Es gibt weltweit einen massiven Trend in Richtung Autoritarismus. Und niemand begehrt auf. Warum? George Orwell warnte in seiner Science Fiction-Satire „1984“, dass künftig Regierungen mit subtilen Mitteln wie „newsspeak“ und “double think” arbeiten und damit die Bürger verwirren würden. Das ist leider nicht länger Fiktion.

Bestes Beispiel ist das neue Russland. Künftige Geschichtsverfasser werden sich die Finger wundschreiben, wie es dem Putin-Regime gelingen konnte, die Demokratie dermaßen zu unterminieren. So ein Coup findet heutzutage unter raffinierter Nutzung der Medien statt: Wer den Diskurs bestimmt, gewinnt. Aber das ist erst der Anfang; es kommt noch viel schlimmer.

Früher stand Diktatoren kein so großes Arsenal zur Verfügung: Entweder sie versuchten, die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu halten oder sie mit dem altrömischen Rezept "Brot und Spiele" abzulenken. Dennoch bleibt das Urproblem aller Herrscher bestehen: Was denken die Beherrschten wirklich?

Hier kommen die Online-Medien ins Spiel. Man braucht bloß Twitter, Facebook und Google auf politische Reizwörter hin abzuklopfen. Voila! Dann werden ganz spezifisch Spektakel inszeniert, um alle auffälligen Gruppen zu bedienen. Der strategische Fundus ist groß: Man gründet neue politische Parteien (so, als wären sie spontan in der Bevölkerung entstanden), man organisiert Demonstrationen oder Buchverbrennungen. Und lässt die TV-Chefs regelmäßig im Kreml antanzen, wo ihnen gesagt wird, welche Tonalität die Nachrichten haben sollen – wer gefördert und wer kritisiert wird. Zur Unterstützung des Regimes werden bestimmte Schlüsselworte regelmäßig wiederholt, etwa „Stabilität“ oder „wirksame Manager“.

Ziel der vielen dirigierten Aktionen ist es, die Leute zu bezaubern und gleichzeitig zu verwirren. Nur eines ist wichtig: Alle Erzählfäden des nationalen Narrativs sind in den Händen der Regierung.

Wie schon erwähnt: Die Stimmungslage der Volksseele genau zu kennen, ist entscheidend. Daran sind alle Diktaturen in der Geschichte gescheitert – sie begannen irgendwann, die eigenen Lügen zu glauben und die sich ändernde Stimmung im Volk zu übersehen. Heutigen Herrschern hilft die jüngste Technik. Eine Regierung braucht bloß jeden Samstag in Einkaufszentren die Stimmungslage der Nation messen. Zu Marketingzwecken entwickelte Software ist mittlerweile in der Lage, Gesichtsmimik ungemein verlässlich abzulesen. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt, die Seelenlage zu deuten.

Das klingt wie Science Fiction – aber Gedankenlesen ist technisch bereits machbar. Die Missbrauchsmöglichkeiten sind enorm. Sehen die Gesichter in den Moskauer Einkaufshallen mehrheitlich angefressen drein, könnte der Staatsfunk abends Komödien ausstrahlen. Oder mit ernster Miene davon berichten, dass die böse NATO einen Überfall auf Mütterchen Russland plane (und anschließend einen russischen Rambo-Film zur Aufheizung der Gemüter ausstrahlen). Gezielte Wortwahl und Timing ist alles, was es braucht, um Stimmungen zu erzeugen und zu manipulieren.

Wie lange wird es dauern, bis auch unsere Regierungen zum Wohle der Bürger ‚stupsend’ eingreifen? Wie wäre es mit einer massiven staatlichen Fitnesskampagne, die Mitte Jänner startet? Warum Mitte Jänner? Weil Facebook weiß, dass wir exakt in der dritten Jännerwoche unsere guten Vorhaben für das neue Jahr sausen lassen...

Eines Tages werden unsere politischen Anschauungen völlig irrelevant sein, so irrelevant wie eine Wahlurne alle vier Jahre. Die Demokratie wird nicht abgeschafft – sie wird nicht länger gebraucht, weil wir mit unseren Emotionen abstimmen, die fortwährend bedient werden. Willkommen in der neuen Wirklichkeit!

Quellen:

In seinem Buch Nothing Is True and Everything Is Possible liefert Peter Pomerantsev (ein britischer Produzent, der im russischen Fernsehen gearbeitet hat) einen Insiderbericht zur neuen, Medien-basierenden Diktatur

Ferner:

http://www.theatlantic.com/international/archive/2014/11/hidden-author-putinism-russia-vladislav-surkov/382489/

http://www.newyorker.com/magazine/2015/01/19/know-feel (fantastischer Artikel, unbedingt lesen!)

http://www.wsj.com/articles/the-week-your-new-years-resolution-to-exercise-dies-1421703411

Die große Hoffnung...

... dass Gratiszeitungen das Loch bei den bezahlten Tagesblättern wettmachen könnten, ist leider gestorben. Metro & Co. hat nicht bloß der Werbeeinbruch im Gefolge der Wirtschaftskrise von 2008 zu schaffen gemacht. Sie leiden zusätzlich am Trend zu Mini-Bildschirmen. Vor 30 Jahren sah man U-Bahnbenutzer in Taschenbücher vertieft, vor acht Jahren las jeder Gratisblätter. Heute dominieren intelligente Telefone, E-Reader und Tablet Computer die Aufmerksamkeit.

Quellen:

http://www.niemanlab.org/2015/01/the-future-still-looks-pretty-grim-for-free-print-daily-newspapers/

http://www.newspaperinnovation.com/index.php/about-the-author/

Lesetipp der Woche: Markennamen

Die „New York Times“ hatte kürzlich einen langen und interessanten Artikel zu dem mysteriösen Thema: Wie finden komplexe Produkte einen überzeugenden Markennamen? Allen Versuchen einer Verwissenschaftlichung des Prozesses zum Trotz, scheint nach wie vor individuelles Genie zu dominieren. Bloß geht es heute nicht mehr ohne Computer (und eine Anwendung namens „Universal Text Combination Generator”).

Andererseits ist die Zahl der natürlichen Namen begrenzt und ziemlich ausgereizt – weshalb nun wieder Kreativität gefragt ist, um beispielsweise gut klingende Buchstabenkombinationen zu entdecken.

http://www.nytimes.com/2015/01/18/magazine/the-weird-science-of-naming-new-products.html

[Walter Braun]
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