Lassen Sie es krachen. Bitte.
 

Lassen Sie es krachen. Bitte.

Editorial von Philipp Wilhelmer (HORIZONT 18/2013)

Mehr Kühnheit braucht die Welt! Wer ­immer mit seinen Botschaften oder Medienerzeugnissen Relevanz erzielen will, tut gut daran, den Tabubruch zu wagen. Ein schwules Paar in einer Familienshow wäre so ein Beispiel. Ein Politiker, der sich vom bisherigen Frage-Antwort-Schema verabschiedet und einfach fünf Sätze in unterschiedlichen Variationen vor sich herbetet. Ein Interviewer, der einen ­Populisten an der Eitelkeit packt, ihn dort aufs Eis führt und einbrechen lässt. Oder die Satire, mit Witzen auf die Spitze getrieben, die das Lächeln gefrieren lässt.

Der Einheitsbrei war immer schon fad, nur konnten die Beschwichtiger an den Schlüsselstellen der Medienlandschaft bisher darauf bauen, dass das Publikum im Zweifelsfall dran blieb, wenn wieder einmal die Beliebigkeit ­regierte. Aber: Warum ist wohl der Opernball so ein Publikumsevent? Wegen der braven Frack- und Ordensträger und ihrer brilliantenbehan­genen Begleitungen? Oder wegen der wenigen ­Besucher, die es darauf anlegen, das Schema zu brechen, und die schmerz- und schambefreit ­einen an sich staubigen Event zu einer Bühne für die Massen machen? Im Zweifelsfall regiert wohl eher Lugner mitsamt allen Nachahmern als der Bundespräsident mit salbungsvollen Worten (wobei dieser auch gern für den zwanglosen ­Umgang mit der Etikette zu haben ist).

Der Tabubruch oder die kühne Denke sind zwar bei ihren ersten Rezipienten immer unbedankt, lohnen sich aber auf lange Sicht tausendmal mehr, als immer wieder den gleichen Strich zu bürsten. Dies hat umso mehr Relevanz, als die klassischen Medienmarken immer stärker um ihre Aufmerksamkeit ringen müssen. Auf jede fade Zeitungsseite kommen 100 lustige Facebook-Pages. Auf jede langweilige Fernsehminute, die den Seher nicht in seiner Lebensrealität abholt, kommen Tausende Stunden YouTube-Material und Gra­tis-Streams. Sie zweifeln? Warum funktionieren Soziale Netzwerke wohl so gut? Warum haben Memes eine derartige Relevanz bei der Jugend? Warum trat Rap als Musik der ­Armen mit dem teils brutalen Jargon der Unterschicht in den vergangenen 30 Jahren einen Siegeszug in die Kinder- und Jugendzimmer an und wird sogar vom US-Präsidenten stilecht als Klischeeschablone benutzt, wenn er seine „Realness“ beweisen will?

Wer immer seine Journalisten, Gestalter, Sendungsverantwortlichen davon abhält, den ­radikalsten, kühnsten und vom bisher Dagewesenen unbeeindruckten Weg zu gehen, schneidet dem eigenen Medium ein klein wenig mehr die Luft ab. Das geht aber nur so lange gut, bis der letzte Fernseher abgedreht und die letzte Sonntagszeitung gestohlen wurde. Also: Lassen Sie es bitte krachen. Sonst lästert Ihr Publikum bald nicht mal mehr auf Twitter über Sie ab.
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