Kreativität aus der Büchse
 

Kreativität aus der Büchse

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk

Diese Woche geht´s bei Walter`s Weekly um Digitalkultur vs. Kunst

Digitalkultur versus Kunst

Wer nicht für Kopfweh anfällig ist, der könnte sich die Ausstellung „Electronic Superhighway“ in der Londoner Whitechapel Art Gallery zu Gemüte führen. Der Ausstellungstitel geht auf den Künstler Nam June Paik zurück, der 1974 den Zweig „Videokunst“ erfunden hat. Dargestellt werden soll, welchen Einfluss Computer und Digitaltechnik auf die Kunst der letzten 50 Jahre hatten.

Da lassen sich zwei Stränge herausfiltern. Beginnen wir mit dem interessanteren. 2013 hatte ein aufstrebender Künstler eine Ausstellung in der Pariser Galerie Oberkampf. Besucher tauschten ihre Meinung aus, es gab Presseberichte, ein ganz normales Kunstereignis. Bloß stammten die dargebotenen Produkte von einem Computerprogramm namens „The Painting Fool“.

Seither gibt es konzentrierte Versuche, Aspekte menschlicher Kreativität mittels Software nachzuahmen. Die Ergebnisse, die Google im vergangenen Sommer präsentierte, waren teilweise verblüffend. Eine unserer grundlegenden Fähigkeiten besteht darin, disparate Dinge zu kombinieren (z.B. einer Giraffe einen Hut aufzusetzen) bzw. in unstrukturierten Erscheinungen wie Wolkenformationen oder Wasserflecken an der Wand bekannte Formen (z.B. Menschengestalten) auszumachen.

Computerprogramme können das nun bemerkenswert gut imitieren. Vorläufig wird man Kunstexperten damit nicht täuschen, da die Bilder offensichtlich auf Fotos beruhen und manche reichlich kitschig wirken (ob Software jemals erfassen kann, was wir als ‚Kitsch’ empfinden?).

Nun zum zweiten, lausigeren Aspekt. Im Volksmund kommt ‚Kunst’ von ‚Können’. Ob dieses Urteil berechtigt ist, sei dahingestellt; auf alle Fälle drückt es eine Erwartungshaltung aus: Der Betrachter eines Kunstwerks möchte von der Kunstfertigkeit des Schöpfers in Erstaunen versetzt werden. Diese Erwartung wird seit Marcel Duchamp und seinen geistlosen Nachahmern unterlaufen. Die Digitaltechnik hilft enorm, wenn man unstrukturierten Launen den Mantel der Kunst umhängen möchte.

Bei der erwähnten Londoner Ausstellung werden die Besucher von einem riesigen Frauenhintern empfangen. Das Werk, betitelt mit „Text Butt“, ist keine Installation des Postboten, sondern eines Künstlers namens Olaf Breuning. Auf der einen Backe steht „Did you had fun last night?“ Auf der anderen „Whaterver you think“. Natürlich sind die Tippfehler bewusst gesetzt, um das typische Twitter-Gestammel zu imitieren.

Für Sokrates war ein Dialog das bevorzugte Instrument, um gemeinsam einer wichtigen Wahrheit auf die Spur zu kommen. Im Vergleich dazu sind Text Messages, die heute den Äther füllen, zusammenhangloses Gelalle, ein Hin und Her von willkürlichen Gedanken, die nur eines bekräftigen sollen: „Ich blubbere, daher bin ich.“

Fragile postmoderne Identitäten auf der Suche nach Kommunikationskitt. Und die zeitgenössische Kunst bewegt sich auf demselben Niveau!?

Der Autor Andrew Keen gelangt in seinem jüngsten Buch zu dem Schluss, wir wären einem gigantischem Wunschdenken aufgesessen – das Net sei kein globales Kommunikationsnetz, das Menschen zusammenbringe, sondern ein Spiegelkabinett voller schamloser Selbstdarsteller. Dialoge reduziert auf Selbstbestätigung. Das Ego als Zentrum des Universums.

Die Ausstellung „Electronic Superhighway“ versucht zu suggerieren, im Bereich „Kunst und Kommunikation“ wären aufregende Entwicklungen zu erwarten. Die ausgestellten Objekte hinterlassen beim Betrachter eher den Eindruck von Einsamkeit und Isoliertheit (wohl kein Zufall, dass heute Autismus so oft diagnostiziert wird). Der Video-Blogger, der den ganzen Tag inkohärent über sich selbst redet, mag Sinnbild unserer Zeit sein. Mit Kunst (und Können) hat dieser endlos brütende Brei nichts zu tun. Höchste Zeit, dass der deprimierende Abstieg in eine Zombiewelt von halbtoten Gedanken zu Ende geht.

P.S. Es gibt Anzeichen, dass Analog zurückschlägt. Alte Schallplatten, Print (z.B. Fanzines, die Vorläufer von Blogs), 35mm Kodakfilm, handgemalte Werbetafeln usw. erleben in kleinen Kreisen eine Wiedergeburt. Nicht bloß bei Oldies, Teenager scheinen ebenfalls die handfeste Welt neu zu entdecken. Widerstand gegen die totale Digitalisierung ist zwar weiter als ein Klick, dennoch bloß einen Ausritt entfernt...

Quellen:

http://www.whitechapelgallery.org/about/blog/top-10-electronic-superhighway/

http://www.thepaintingfool.com/

http://googleresearch.blogspot.co.uk/2015/06/inceptionism-going-deeper-into-neural.html

https://www.technologyreview.com/s/600762/apprentice-work/#/set/id/600803/

http://www.thesundaytimes.co.uk/sto/culture/arts/article1666576.ece (Paywall)

http://www.bbc.co.uk/programmes/articles/4DqSzKdyx6x8CP6v6lGzp77/your-blog-is-futile-how-analogue-is-fighting-back

„The Internet is Not the Answer”, von Andrew Keen, Verlag Atlantic Books (November 2015)

Google vor Höchstgericht

Nicht nur EU-Wettbewerbshüter zeigen sich besorgt über die Marktdominanz der allgegenwärtigen Suchmaschine. In den USA hat vor kurzem eine Gruppe Kläger Beschwerde beim Obersten Gerichtshof eingereicht: Google soll für benutzte Inhalte zahlen, in Form direkter Geldzahlungen. Unter den Klageführern befinden sich Vertreter einschlägiger Interessensgemeinschaften (Schreiber, Musiker, Fotografen etc. – im Grunde all jene, die unter Urheberrechtsschutzverletzungen am meisten zu leiden haben).

Die erste Runde beim Berufungsgericht ist bereits an Google gegangen. Nun soll das Höchstgericht endgültig darüber entscheiden, ob das bestehende Prinzip der „fairen Nutzung“ für das Digitalzeitalter modernisiert werden müsse (es gilt zu klären, wieviel von einer Kreativarbeit benutzt oder reproduziert werden kann, ohne um Genehmigung fragen zu müssen).

Der Anlassfall geht ins Jahr 2005 zurück, als die amerikanische Vereinigung Authors Guild sich darüber zu beschweren begann, dass Google systematisch Bücher kopiert und frei zugänglich macht. In der Online-Bibliothek befinden sich mittlerweile über 20 Millionen(!) Titel. Warum das reichste Unternehmen der Welt (an der Börse mit fast 500 Millionen Dollar bewertet), das zudem systematisch Steuerabgaben vermeidet, nicht in der Lage sein sollte, Copyrights abzugelten, ist nicht ganz einsichtig. Dass international aufgestellte Unternehmen sich teilweise über das Gesetz erheben (wie es zurzeit de facto der Fall ist), müsste dringend aufgeklärt werden. Warum das Aufkommen von Oligarchen Regierungen rund um den Globus kalt lässt, sollte ebenfalls geklärt werden.

Quelle:

http://blogs.wsj.com/law/2016/02/08/high-court-last-hope-for-copyright-lawsuit-over-google-book-scanning/

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[Walter Braun]
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