Kommunikation in Hieroglyphen!?
 

Kommunikation in Hieroglyphen!?

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk

Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um Emojis und deren Sinn und Zweck für uns Menschen.

Emojis sind von einer netten Begleitgeste in Emails zu einem eigenen Medium aufgestiegen. Einige sehen die runden Bildchen, die mittlerweile von drei Milliarden Menschen genutzt werden, als die am schnellsten wachsende Sprache der Welt. Es gab bereits eine erste Emojicon-Konferenz in San Francisco.

In Finnland glaubt man, eine „Emoji Straße“ und darüber hinaus ein ganzes Sammelsurium an Emojis zu benötigen, die dem finnischen Wesen graphischen Ausdruck verleihen.

Die Mode ist, wie immer, vorne dabei – Karl Lagerfeld, Versace und Comme des Garçons haben bereits ihre eigenen Emojis. Natürlich sind auch Markenartikler mit von der Partie, was aber bei den Jungen nicht unbedingt gut ankommt.

Das Museum of Modern Art in New York hat Emojis zur ‘Kunst’ erklärt und die originalen 176 Gesichtchen aus Japan erworben. Das um den linguistischen Zeitgeist besorgte Oxford Lexikon hatte im vergangenen November ein lachend-weinendes Gesicht zum ‚Wort des Jahres 2015‘ gewählt. Das  wird seither von Spöttern zur Verhöhnung eingesetzt…was manchen schwer aufs Gemüt schlägt.

Ich bin okay…

Emojis wurden anfänglich gelobt, weil sie Textkommunikation vereinfachen bzw. helfen könnten, Fremdsprachenbarrieren zu überwinden. Aber was! In Wirklichkeit geht es bei den bunten Bildchen nur um eines: Signale setzen. Ursprünglich als Kürzel für simple Gefühlszustände, dann eingesetzt als psychologische Streicheleinheit: Ich bin okay, Du bist okay.

Jeremy Burge, Gründer der Emojipedia, weist darauf hin, dass Emojis so tief in unsere Sprache vorgedrungen sind, dass ihre Abwesenheit als negativ gedeutet wird. Das heißt, wenn ich eine Textbotschaft erhalte, die kein aufmunterndes buntes Bildchen enthält, fühle ich mich indirekt kritisiert.

Für aufgescheuchte Gemüter gibt es eine neue App, damit sie auf aufwühlende Nachrichten gleich mit dem entsprechenden Gesichtsausdruck reagieren können – Gott bewahre, man müsse einen Moment innehalten, einen Gedanken formulieren und kohärent ausdrücken.

Emojis politisiert

In jüngster Zeit sind Emojis in die Hände der Sprach- und Denkpolizei gefallen: Apple warf im Sommer die Darstellung einer Waffe aus dem Emoji-Arsenal; was es nun gibt, ist eine Wasserpistole. Macht sicher die Welt besser.

Schematisch gezeichnete Gesichter haben plötzlich die Aufgabe, die eigene hohe Gesinnung zu demonstrieren („virtue signalling“). Der linke “Guardian” kritisiert Emojis nicht auf ihre anti-intellektuelle, nivellierende Wirkung hin, sondern dass sie nicht “offen” genug wären: Harmlose, gezeichnete ‚gelbe‘ Gesichtchen gelten in gewissen Kreisen als rassistisch, sexistisch, homophob, islamophob und sonst alles Hässliche dieser Welt. Deswegen war es das dringendste Problem, nun Hijab-Emojis einzuführen … und eines für Ufos und stillende Mütter und für Vampire und Zombies.

Jeder, wirklich jeder Umstand soll demonstrativ abgebildet werden – selbst verschiedene Schwangerschaftsstadien (angeregt vom Tamponvertreiber Bodyform).

Cui bono?

Ein selbst ernannter Vordenker wie der Rapper und Geschäftsmann Kanye West meint, wir würden in Zukunft Bildchen austauschen statt miteinander reden. Der Mann glaubt gar, das wäre eine ‚bessere Zukunft‘. Weil Grammatik lernen nicht mehr zumutbar ist? Weil Erwachsene heutzutage angeblich nur noch fähig sind, sich ein paar Sekunden zu konzentrieren?

Der intellektuelle Aufschwung der Menschheit begann mit der Schriftsprache – Denken in Hieroglyphen ist schlicht und einfach regressiv. Wissenschaft und Technik würden ohne ein hohes Maß an abstraktem Denken nicht existieren. Und Philosophie in Bildchen verfehlt auch irgendwie ihren Zweck.

Gerade weil es schwer ist, komplexe Gefühle in Sprache auszudrücken, fördert ein derartiges Bemühen die Kunst und die kognitiven Fähigkeiten. Wäre die Menschheit immer den bequemsten Weg gegangen, würden wir noch Lianen als Fortbewegungsmittel benutzen.

Wem ist eigentlich damit gedient, wenn unreflektierte Eindrücke unmittelbar in die Welt hinausgeblasen werden und ein überemotionaler Zeitgeist Fuß fast? 

[Walter Braun]
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