Können Maschinen wirklich kreativ sein?
 

Können Maschinen wirklich kreativ sein?

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk

Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um menschliches Bewusstsein, Kreativität, Maschinen und wie diese unser Leben verändern könnten.

Wilde Ankündigungen von super-intelligenten, bewussten und sogar einfühlsamen Maschinen kommen regelmäßig aus einer bestimmten Ecke. Menschliches Bewusstsein wird einfach auf einem Datenstrom reduziert und Intelligenz sowie Kreativität als Rechenproblem dargestellt. Die Verbreiter solcher Visionen, etwa die Singularier, sollte man weniger als Wissenschaftler und eher als Gläubige sehen.

Selbstlernende neuronale Netzwerke wurden heuer wiederholt eingesetzt, um ‚Kunst‘ zu produzieren. Programme existieren, die eine bekannte Malweise oder einen literarischen Stil verblüffend gut imitieren. Was zu dem Anspruch geführt hat, der bequeme Käufer einer App könnte ‚kreative Werke‘ herbeizaubern. Ein Angebot entblödet sich nicht, den Käufern zu versprechen, auf Knopfdruck ‚originell‘ sein und den ‚inneren Künstler‘ herauszulassen.

Echte Kunst geht allerdings weit über Imitation hinaus und verlangt ein Verständnis der Welt sowie die Fähigkeit, einen bisher unbeachteten Aspekt der Wirklichkeit herauszustreichen. Eine Lösung von vordefinierten Problemen ist nicht Kreativität. Ein mathematisches Modell – selbst wenn es programmiert worden ist, beliebige Daten in einen Prozess einzubauen –, ist kein bewusster Schöpfer einer tiefen Einsicht oder eines ästhetischen Erlebens.

Imitation verlangt ein Original…

Kreativität ist nicht bloß willkürliche Aneinanderreihung von Dingen. Ein Tischtuch gehört auf den Tisch, und es ist nicht kreativ, wenn ich umgekehrt den Tisch auf das Tuch stelle. Andererseits könnte ein Künstler eine typische Essenszene auf ein Tischtuch malen, wobei der ästhetische Genuss des Betrachters von der Parodie eines alltäglichen Vorganges herrührt. Eine derartige Anspielung ist aber nur beim ersten Mal originell. Also kann es nicht als ‚Kunst‘ zählen, wenn der Beatles-Sound mechanisch nachgeäfft wird, ebenso wenig wie es Kunst ist, Formen beliebig zu verbiegen.

Programme bewältigen mittlerweile schwierige strategische Spiele wie Go und Schach dank brutaler Rechenkapazität – aber niemand kann behaupten, die Schaltkreise wüssten, was sie da tun. Logische Regeln, mechanisch angewandt, erfüllen nicht das Kriterium menschlicher Kreativität.

Um wirklich schöpferisch zu sein, braucht es die Fähigkeit, eine bisherige Denkweise bewusst hinter sich zu lassen. Aus dieser Sicht sind Maschinen nicht nur nicht kreativ, sie sind nicht einmal intelligent.

Wovor wir uns tatsächlich fürchten sollten

Die wirkliche Gefahr für die Menschheit besteht nicht in superschlauen, potenziell herrschsüchtigen Maschinen, sondern dass wir eine Welt konstruieren, in der Rechner alles dominieren und der Mensch sich als kleines, impotentes Mitglied der Infosphäre betrachtet und still einfügt. Unsere vielfältige Welt auf ein eindimensionales Datenreich einzuplätten und versuchen, uns dort wiederzufinden, wäre eine Art Selbstaufgabe.

Was uns Sorge machen sollte, sind nicht intelligente Maschinen, sondern unsere innere Haltung. Wenn wir total passiv werden, als Hedonisten dahinvegetieren, die vor jeder Schwierigkeit davonlaufen und anstrengende Tätigkeiten prinzipiell an Roboter auslagern, werden die kognitiven Fähigkeiten der Menschheit nach und nach verkümmern. Erste Anfänge sind zu sichten, etwa im Falle einer wachsenden Ablehnung von differenzierter und daher mühsamer Kommunikation, ersetzt durch Stammeltexte und bunte Bildchen (typischerweise kaschiert durch den falschen Anspruch, auf diese Weise ‚kreativer‘ zu sein).

Wer sich tagtäglich vom echten Leben abwendet, um in technisch gestützte Ersatzwirklichkeiten abzutauchen, wird eines Tages das banale Dasein als unzumutbar empfinden. Unter solchen Auspizien kann es nicht überraschen, wenn die Besitzerin eines Avatars sich beschwert, ihre digitale Figur sei ‘unsittlich’ berührt worden. Oder wenn verlangt wird, ‘Mord’ im Cyberspace sollte gerichtlich geahndet werden.

Fazit: Dass die Kreativbranche in absehbarer Zeit Blechgehirnen zum Opfer fällt, ist reichlich unwahrscheinlich.

[Walter Braun]
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