Klicks für Clowns
 

Klicks für Clowns

Manfred Werner
Der Österreichische Kabarettpreis 2015 ging an Die Tagespresse – Fritz Jergitsch, Sebastian Huber und Jürgen Marschal.
Der Österreichische Kabarettpreis 2015 ging an Die Tagespresse – Fritz Jergitsch, Sebastian Huber und Jürgen Marschal.

In den Sozialen Medien erreicht Satire enorme Reichweiten. Aber kann man damit auch Geld verdienen, ohne den Lesern den Spaß zu verderben?

Fritz Jergitsch baut an einem Humor-Imperium. Gerade hat der Gründer des Satireportals Die Tagespresse ein Büro in bester Lage in Wien-Neubau bezogen, ein Tagespresse-Theaterstück im Rabenhof läuft seit Herbst, und über eine eigene ORF-Sendung wird laut gemunkelt. Es könnte schlechter laufen, mehr will Jergitsch nicht verraten.

„Ich kann davon leben und die Leute, die für mich arbeiten, fair bezahlen“, sagt er. Das ist ausnahmsweise kein Witz.Der 26-Jährige gibt sich bescheiden, in der österreichischen Medienlandschaft sei er „wahrscheinlich der Hofnarr“, sagt Jergitsch. „Wir stehen im selben Verhältnis zu den Mächtigen wie der Hofnarr im Mittelalter. Nur dass man uns nicht auspeitscht, wenn wir zu weit gehen.“

Vom Publikum haben Satireportale keine Peitschenhiebe zu erwarten, vielmehr Streicheleinheiten – in Form von Likes und Klicks. Jergitschs Tagespresse etwa zählt 335.000 Facebook-Likes, Der Postillon, betrieben vom medienscheuen Stefan Sichermann, der vom fränkischen Fürth aus ganz Deutschland mit Witzen versorgt, verzeichnet sogar 2,5 Millionen Likes.

Qualitätsnarren

Für Werbekunden sei Die Tagespresse mittlerweile „hochspannend“, erzählt Karina Wundsam, Verkaufsleiterin bei austria.com/plus, dem Werbevermarkter der Satireseite. 55 Prozent der Leser seien zwischen 19 und 29 Jahre alt, die Hälfte habe mindestens Matura.

„Die Tagespresse passt perfekt in unser Portfolio“, sagt Wundsam, die neben vol.at auch deutsche Qualitätsmedien wie zeit.de und sueddeutsche.de zu ihren Kunden zählt.Finanziell steht Die Tagespresse auf zwei Beinen: Bannerwerbung und Advertorials. Mittlerweile erzielt man 70 Prozent der Erlöse über Native Ads. Der erste Kunde war im April 2015 der Bierbrauer Zipfer.

„Wir haben nicht gewusst, wie die Leser auf den Sponsored Content reagieren, aber es kommt eigentlich gut an. Es gibt jetzt keine Jubelschreie, aber auch keinen Shitstorm“, sagt Jergitsch. Etwa sieben von zehn Klicks bekommt Die Tagespresse per Facebook. Advertorials würden dennoch grundsätzlich nicht auf Facebook verlinkt werden, sagt Jergitsch. Ein Advertorial verkauft austria.com/plus zum Fixpreis von 5.000 Euro.

Bei fünf bis zehn Bestellungen im Monat setzt Die Tagespresse also einen mittleren fünfstelligen Betrag um. Bei den Erlösen über Bannerwerbung, die schon einmal höher waren, spricht Jergitsch dennoch von „Umwälzungen“. Es sei schwieriger geworden, relevante Umsätze mit Premiumvermarktung zu erreichen.

Cashcow Advertorial

Auch Benjamin Doppler erzielt in Österreich bereits gute Reichweiten, steht bei der Monetarisierung aber noch am Anfang. Mit seinem Portal Sportprophet macht er sich über die Welt des Sports lustig. Obwohl er bis zu 500.000 Klicks pro Monat und 30.000 Facebook-Fans habe, liegt der Umsatz noch im dreistelligen Bereich – ein zeitaufwendiges Hobby. Im Brotberuf ist Doppler Sportjournalist. Weil die Ertragsmöglichkeiten über Google AdSense begrenzt sind, denkt auch er über Advertorials nach.

„Advertorials sind aus meiner Sicht die Königsklasse der Werbeformen“, sagt er. Die Potenziale sind groß – schon jetzt werben beim Sportpropheten Skiorte und Sportartikelfirmen auf Bannern. Wie bei der Tagespresse ist die Zielgruppe vorwiegend jung, höher gebildet und männlich. Den Preis für ein Advertorial werde Doppler wohl im mittleren dreistelligen Bereich ansetzen, gleichzeitig wolle er nicht, dass der Sportprophet „zu einem Marktplatz für Firmen verkommt“.

Jergitsch sagte einmal, er habe Die Tagespresse auch wegen seiner „Frustration über das politische System“ gegründet. Spitze Kommentare und eine gewisse Schärfe gehören zum Markenkern. Besteht durch Advertorials die Gefahr, die Marke zu verwässern? Jergitsch sieht das nicht so. „Wir haben vor zwei Jahren einen richtig argen Artikel über A1 geschrieben. Sie haben vor kurzem aber trotzdem bei uns gebucht.“

Weder er noch sein kleines Autorenteam würden sich beim Ausdenken satirischer Beiträge einschränken. Umgekehrt, sagt er, gebe es bei Werbekunden auch „keine Bestrafungsmentalität“. Karina Wundsam von austria.com/plus beschreibt das Entstehen eines Advertorials so: Zuerst schicken Jergitsch und sein Team dem Kunden unverbindlich drei Überschriften. Bei Gefallen werde dann der Text in Auftrag gegeben.

„Wichtig bei Satire-Advertorials ist: Je weniger der Kunde eine Story vorgibt, desto erfolgreicher wird es“, sagt Wundsam. Zwischen 20.000 und 50.000 Klicks würde ein bezahlter Beitrag bei der Tagespresse erreichen.

Seriöses Angebot

Eine Hürde hat Jergitsch dabei wie andere Satire-Portale zu überwinden: Oft steht der beste Witz bereits in der Überschrift – diese wird daher nicht immer angeklickt. „Darum versuchen wir, auch die Artikel möglichst lustig zu schreiben, weil ich nur dann Werbeumsätze mit einem Artikel erzielen kann, wenn die Leute draufklicken“, sagt Jergitsch.

Sportprophet-Gründer Doppler hat ähnliche Erfahrungen: „Es kommt vor, dass ein Artikel auf Facebook 1500 Likes, aber auf meiner Seite nur 600 oder 700 Klicks bekommt.“ Das bei klassischen Nachrichtenseiten grassierende Clickbaiting gebe es bei Satire nicht. Wer auf die Schlagzeile klickt, bekomme genau das, was er sich erwartet habe.

„Eigentlich sind wir seriöser als viele echte Nachrichtenseiten“, sagt Doppler.Im jungen Publikum ist der Satire-Boom ungebrochen. Laut ÖWA hat Die Tagespresse im April 598.409 Unique Users und 1.786.886 Millionen Page Impressions erreicht. Und es könnten noch mehr werden, wenn Die Tagespresse via ORF ins Radar älterer Zielgruppen gerät.

Die Entwicklung eines TV-Formats, einer „Zeit im Bild, in der nichts stimmt“, sei weit fortgeschritten, bestätigt Jergitsch. Wann die wöchentliche Sendung startet, will er nicht verraten. In ORF-Kreisen heißt es, diesen Herbst soll es so weit sein.

Genug gelacht?

In Deutschland wird angesichts der im Internet um sich greifenden Ironie bereits über Inflation und Niedergang der Satire diskutiert. Wir seien im Netz alle zu Satirikern geworden, schrieb kürzlich Die Zeit: „Doch Satire funktioniert nicht, wenn alle sie machen. Satire, so lautet das Klischee, halte den Menschen einen Spiegel vor. Ein Raum, in dem nur noch Spiegel stehen, ist aber ein Spiegelkabinett.“

Beim Zentralorgan der deutschen Satire, dem 1979 gegründeten Magazin Titanic, will man das auf Nachfrage nicht so sehen. „Ich finde nicht, dass man sagen kann, jetzt gebe es einen zu viel, der Satire macht. Denn Menschen, die politische Satire machen, und auch ihre Leser sind politisiert und dadurch informiert. Das kann keine schlechte Sache sein“, sagt Moritz Hürtgen, leitender Titanic-Redakteur. 

Unter den Satirikern selbst herrscht ein freundschaftlicher Geist. Titianic-Redakteur Hürtgen sagt, er freue sich über Neugründungen wie Die Tagespresse. Fritz Jergitsch erzählt, er tausche sich mit Postillon-Gründer Sichermann immer wieder aus. Humor verbindet eben.

Als 2015 zwei Terroristen mehrere Mitarbeiter des Satireblattes Charlie Hebdo in Paris töteten, schrieb Die Tagespresse: „Satiremagazin droht Islamisten mit Vergeltungsschlag – Bis zu null Opfer befürchtet“.

[Lukas Kapeller]
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