Kalt brennt das virtuelle Feuer
 

Kalt brennt das virtuelle Feuer

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Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um "NetBrain", "Moodies" und um die Macht physischer Dinge

Handfeste Wirklichkeit weiterhin gefragt

Sowohl der Trend zu Wearables als auch das angekündigte ‚Internet der Dinge’ werden uns mit einer Fülle von Produkten überfluten, deren Nutzen nicht ganz klar ist. All diese Dinge produzieren Daten, die für Vermarkter nützlich sind. Aber was haben wir davon? Machen Daten unser Leben besser?

Es macht sich eine Gegenbewegung bemerkbar. Als Wesen aus Fleisch & Blut werden wir weiterhin physische Dinge begehren. Einige junge Leute mögen der virtuellen Welt mit Haut & Haar verfallen sein; im Großen und Ganzen behält aber die handfeste Welt ihren Reiz. Es wird also nicht jedes menschliche Erleben digitalisiert werden. Für dieses Nebeneinander von digitaler und physischer Welt gibt es schon ein neues, grässliches Kunstwort: „phygital“.

Dieses parallele Verlangen macht sich in neuen Produkten bemerkbar. So hat vor kurzem Polaroid eine Digitalkamera vorgestellt, die Bilder ausdrucken kann. Auch die Digitalspieler haben ein ähnliches Verlangen, ihre Fantasiewelten greifbar zu machen, also die virtuelle mit der realen Welt zu verzahnen. (Wäre sonst Merchandising ein so gutes Geschäft?) Handfeste Dinge haben eine höhere Anmutung, weshalb Digitalbücher niemals gedruckte Bücher vollständig verdrängen werden.

Ein anderes Beispiel: Nachdem Apple erfolgreich in die Welt der gemauerten Geschäfte vorgedrungen ist, sehen sich Online-Händler gezwungen, den potenziellen Käufern mehr sinnliche Eindrücke zukommen zu lassen. So hat etwa in den USA der Schmuckhersteller Ritani sich auf eine Zusammenarbeit mit Juwelieren eingelassen, weil die Kundschaft die Klunker gerne sieht und anfasst, bevor sie gutes Geld dafür ausgibt. Die Juweliere, die hier praktisch zu Lieferanten degradiert sind, erhalten nicht nur eine kleine Umsatzbeteiligung, sie können auch darauf hoffen, auf diesem Weg neue Kunden für ihre eigenen Produkte zu gewinnen. Für die Käufer wiederum ist es ein erhebenderes Erlebnis, ein elegantes Schmuckgeschäft zu betreten, als ein schnödes Paket im Postkasten vorzufinden.

Fazit: Artefakte zum Angreifen und menschliche Begegnungen von Angesicht zu Angesicht werden wieder mehr Aufmerksamkeit erhalten...

Quellen:

http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/11343797/Rise-of-smart-phones-and-social-media-makes-people-crave-real-books-British-Library-report-finds.html

http://theconversation.com/the-enduring-appeal-of-analogue-in-a-digital-world-35790

http://theconversation.com/why-does-analogue-still-feel-good-in-a-digital-world-25609

http://www.idownloadblog.com/2015/01/06/ces2015-polaroid/

http://www.nytimes.com/2015/01/08/business/smallbusiness/online-jeweler-forges-links-with-independent-shops-.html

Internet-gestählte Hirne verändern sich

Psychologen analysierten die Web- und Telefoniergewohnheiten von 1.000 Briten und kamen zu dem Schluss, dass rund 11 Prozent eine gewisse psychologische Beeinträchtigung aufwiesen (die Forscher nannten es „NetBrain“). Am auffälligsten waren Konzentrationsmangel, erhöhter Narzissmus sowie eine ganz spezifische Furcht, nämlich die Angst, etwas zu verpassen. Rund um die Welt zeigen geschätzte 180 Millionen Menschen derartige Verhaltensauffälligkeiten.

Eine Folge von Internetsucht ist wachsender Schlafmangel, der massive gesundheitliche Folgen haben kann. Selbst bei Schülern ist dieses Problem diagnostiziert worden. Asoziales Verhalten, erhöhte Krankenstände, unkonzentriertes Autofahren sind naheliegend. Auffällig ist laut Studie auch eine erhöhte Spannung zwischen Beruf und Privatleben. Es gibt wachsende Klagen, wie auffällig geistesabwesend junge Mütter sind, deren Aufmerksamkeit permanent auf ihr Handy gerichtet ist. Dass deren Kinder bereits im Schulalter von sechs Jahren um ein, zwei Jahre in der kognitiven Entwicklung zurück sind, ist mittlerweile in Studien nachgewiesen worden.

Menschen, deren Persönlichkeit als ‚ungeniert’ und ‚leidenschaftlich’ eingestuft worden war, zeigten drei Mal so häufig Internet-Suchttendenzen. Einige Neuro-wissenschaftler spekulieren, dass lange währender, intensiver Mobiltelefongebrauch Auswirkungen auf die neuronale Gehirnstruktur haben könnte.

Quelle:

http://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-2902137/Do-suffer-NETBRAIN-Psychologists-claim-tech-makes-one-10-anti-social-distracted-narcissists.html

Einblick der Woche: Wie viel Geld geben die Jungen für Medien aus?

Die Beratungsfirma Deloitte erhob kürzlich, wieviel Geld die Mitglieder der Generation Y (oder Millenials) für Medieninhalte ausgeben. Satte 62 Milliarden Dollar sollten es heuer in den USA und Kanada zusammengenommen sein. Pro Individuum macht das 750 Dollar im Jahr aus. Eine nette Summe – leider hat Print herzlich wenig davon.

Weit voran liegt Bezahlfernsehen (316 Dollar pro Kopf und Jahr), gefolgt von Musik (125 Dollar), Computerspielen (100 Dollar) und Kino (75 Dollar). Erst auf Platz 5 mit mickrigen 60 Dollar liegen die Ausgaben für Bücher, für Tageszeitungen bleiben gerade einmal 19 Dollar über. Für ein ganzes Jahr! Seufz.

Quelle:

http://qz.com/326569/the-uberization-of-the-economy-is-really-about-building-a-better-trap-for-ideas/

Update: Privatsphäre

Eine Studie der Universitäten Cambridge und Stanford arbeitete mit 86.000 Freiwilligen auf Facebook, um zu testen, inwieweit computergenerierte Profile der Wirklichkeit entsprechen. Die Probanden füllten einen umfangreichen Selbstbeurteilungs-Fragebogen aus und gewährten den Forschern Zugang zu ihren „Likes“. Das Ergebnis wurde dann mit Einschätzungen von Angehörigen der Befragten verglichen.

Ehegatten kannten einander am besten – aber an zweiter Stelle folgte schon das Computer-Persönlichkeitsmodell. Je mehr „Likes“ der Computer zur Auswertung zur Verfügung hatte, umso treffender die Einschätzung, oft besser als die Beurteilungen von Freunden. Und hier kommt der wirkliche Knaller: Ging es um künftiges Verhalten, sagte dies der Computer oft besser vorher als die Betroffenen selbst.

Für diesen auffallenden Mangel an Selbsterkenntnis gibt es natürlich ... eine App. „Moodies“ wird von der jungen israelischen Firma Beyond Verbal produziert, eine Software, die Stimmungen lesen kann – weil heutzutage Viele nicht mehr wissen, was sie selber fühlen?

Quelle:

http://www.telegraph.co.uk/news/science/science-news/11340166/Facebook-knows-you-better-than-your-members-of-your-own-family.html

http://www.beyondverbal.com/

[Walter Braun]
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