Jan-Eric Peters über upday: "Das ist kein Cha...
 

Jan-Eric Peters über upday: "Das ist kein Charity-Projekt"

Philip Scholl
Der frühere WeltN24-Chefredakteur Jan-Eric Peters leitet das Axel-Springer-Prestigeprojekt upday als Chief Product Officer.
Der frühere WeltN24-Chefredakteur Jan-Eric Peters leitet das Axel-Springer-Prestigeprojekt upday als Chief Product Officer.

Mit upday bestreitet der Axel-Springer-Konzern mit Samsung völlig neue Wege. Mittelfristig soll sich die Nachrichten-App über Anzeigen finanzieren, zehn Millionen User bis Jahresende sind erklärtes Ziel.

Jan-Eric Peters kommt auch zu den Österreichischen Medientagen. Zusammen mit Mathias Müller von Blumencron, Oliver Eckert und Eugen Russ wird er das Thema „Die Zukunft des Gedruckten?“ diskutieren. Die Österreichischen Medientage finden am 20. und 21. September in Wien statt. Das komplette Programm sowie Tickets für das Branchenevent des Jahres finden Sie hier.

HORIZONT: upday ist seit März in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Polen vorinstalliert auf neuen Samsung-Smartphones verfügbar. Wie viele User erreichen Sie mit der Nachrichten-App aktuell?
Jan-Eric Peters: Wir zählen im Monat mehr als drei Millionen Nutzer – und diese Zahl steigt stetig, weil wir mit ­jedem verkauften Samsung-Smartphone, auf dem wir vorinstalliert sind, einen neuen User gewinnen können. Die ersten Monate zeigen: upday wird sehr intensiv genutzt.

Können Sie diese Nutzung in Zahlen fassen?
Wir sind mit Zahlen zurückhaltend, weil wir noch frisch am Markt sind und erst einmal belastbare Daten gewinnen wollen. Aber die bisherigen Werte sind ausgesprochen gut und liegen deutlich über den Erwartungen.

Samsung hat im 1. Halbjahr 2016 über 150 Millionen Smartphones weltweit verkauft. Wie hoch ist die technische Reichweite für upday, welche Werte sind ihre Zielvorgabe?
Wir streben bis zum Ende dieses Jahres in den vier Märkten insgesamt zehn Millionen Smartphones an, auf denen wir verfügbar sein wollen.

Sie betonen diese vier Märkte. Wie wird die weitere strategische Expansionsausrichtung aussehen?
Wir haben natürlich Wünsche und Ideen. Da gibt es durchaus noch das eine oder andere große Land in Europa, das attraktiv erscheint. Wir sprechen mit Samsung gerade darüber.

Zur inhaltlichen Ebene: upday basiert auf den zwei Segmenten Top News und My News. Aus welchen Quellen werden Inhalte eingespeist?
Mittlerweile integrieren wir rund 2.500 Quellen in upday, in den vier Ländern sind es jeweils mehr als 500 Quellen. Darunter sind praktisch alle bekannten und wichtigen Medienmarken, ergänzt durch relevante Blogs. Der USP von upday ist die Kombination aus professionellem Journalismus und intelligenten Algorithmen. Die Top News bereiten eigene Journalistenteams in Berlin, London, Paris und Warschau auf. Zudem verstehen wir uns als Publisher-Plattform: Wir zwingen andere Publisher nicht in ein geschlossenes System, wie das etwa Apple oder Facebook Instant Articles tun, sondern verlinken direkt auf die Seiten der Publisher. Das kommt bei den Verlagen sehr gut an.

Haben Sie Verträge mit allen Häusern?
Nein, das wäre wegen der vielen Quellen zu aufwendig. Es ist auch gar nicht nötig. Wir bedienen uns der RSS-Feeds der Verlage, die ja genau dafür geschaffen wurden, Inhalte extern auszuspielen. Gleichwohl sprechen wir in jedem der Länder mit den großen Verlagshäusern, das ist ein Teil meiner Aufgabe. Als journalistisches Unternehmen sind wir sehr an einem partnerschaftlichen Austausch interessiert.

Teil des Konzepts ist es, dass die App im Bereich von My News das Userverhalten erfasst und basierend darauf für den User interessante Inhalte ausspielt. Lernt der Algorithmus dahinter rein auf Grund des Userverhaltens in der Applikation, oder greift dieser auch auf andere User-Interaktionen am Smartphone zurück?
Nein, das System lernt derzeit allein vom Nutzerverhalten in upday selbst. Wir denken aber natürlich darüber nach, wie wir unseren Recommendation Engine später weiter verbessern können, um individuelle Interessensgebiete zu erkennen. Das wäre beispielsweise über Facebook-Login möglich, aber selbstverständlich nur nach Zustimmung des Nutzers.

Der Algorithmus greift aber nicht auf andere Interaktionen zurück und liest beispielsweise E-Mail-Informationen oder Suchanfragen im Web aus?
Nein, wir haben gar keinen Zugriff auf solche Daten. Wie gesagt, ein Facebook-Login ist denkbar und ja durchaus aus anderen Anwendungen ­gelernt und akzeptiert, aber das Auslesen von persönlichen E-Mails kommt überhaupt nicht in Frage. Ohne Zustimmung des Nutzers läuft bei uns eh grundsätzlich nichts!

upday ist eine 100-%-Tochter von Axel Springer. Welchen Stellenwert hat das Ausspielen konzernzugehöriger Medien: Werden diese gleichberechtigt oder bevorzugt ausgespielt?
Wir wären ja schön dumm, wenn wir einzelne Medien bevorzugen würden, da würden wir uns am Ende nur selbst schaden. Wir verstehen uns als neutrale Plattform, wir bevorzugen oder benachteiligen niemanden, das widerspräche dem upday-Konzept. Das Nutzungsverhalten des Users bestimmt, welche Quellen im Bereich von My News wie häufig ausgespielt werden. Wenn es um die Top News geht, wählen unsere Journalisten die Quellen zwar selbst aus – aber nicht danach, wer der Eigentümer hinter der URL ist, sondern wo die passende Geschichte zu finden ist.

Kommen wir zur Monetarisierung: Sie vermarkten die App seit April …
… das war ursprünglich so gedacht, hat sich aus technischen Gründen aber etwas verzögert. Vor ein paar Wochen sind wir nun in Großbritannien und Frankreich gestartet, und seit vergangener Woche läuft eine große VW-Kampagne in upday in Deutschland.

Sie haben zum Start von upday gemeint, auf einfach „wegwischbare“ Werbung zu setzen. Welche Formate sind nun tatsächlich buchbar?
Wir stehen noch am Anfang und werden wie jedes neue Produkt verschiedene Formen ausprobieren. In jedem Fall wollen wir nur „nonin­trusive“ Formate anbieten, also nichts, was den Nutzer nervt. Das sind beispielsweise aktuell buchbare Full-Screen-Anzeigen, bei denen der User einfach weiter swipet, wenn sie ihn nicht interessieren, die andererseits ebenso einfach klickbar sind, um auf dahinterliegende Werbeinhalte zu gelangen. Darüber hinaus sind Videoinhalte denkbar. Auch bei Native Advertising wird ein Pilot laufen, hier achten wir selbstverständlich darauf, dass dieses Werbeformat klar als solches gekennzeichnet wird.

Kennt man den Springer-Konzern weiß man, dass hinter jedem Projekt ein klarer Businessplan steht. Wie hoch sind Ihre Umsatzvorgaben?
Ich bin für Buchstaben zuständig, über Zahlen spreche ich nicht öffentlich. Aber klar ist: Journalismus muss sich finanzieren, ist kein Charity-Projekt. Am Ende des Tages müssen wir auch mit upday Geld verdienen. Aktuell befinden wir uns allerdings voll in der Investitionsphase. An diesem Projekt arbeiten 80 Kollegen seit einem Jahr. Wir beschäftigen erstklassige Developer aus mehr als 20 Nationen in unserem Team, haben Redaktionen in vier Ländern, das kostet alles Geld. Wir sind aber optimistisch, dass sich upday schon mittelfristig über An­zeigenerlöse finanziert.

…und sie haben Investitionskosten zu decken, um auf den Samsung-Geräten überhaupt vorinstalliert zu sein.
Die Vorstellung, wir hätten uns bei Samsung eingekauft, führt in die Irre. Wie gesagt, zu Zahlen und Vertragsinhalten äußere ich mich nicht. Aber Fakt ist, dass Samsung gern mit uns als Partner und Spezialisten für journalistische ­Inhalte arbeiten wollte.

Ist das, was Sie mit upday machen – also das Ausspielen über einen Drittanbieter beziehungsweise das Device eines Drittanbieters – die Zukunft des Journalismus?
Das ist ein Weg von vielen. Mit immer neuen technischen Möglichkeiten tun sich auch neue Chancen auf, Journalismus an den Mann beziehungsweise die Frau zu bekommen. Aber es wird daneben wie bisher traditionelle Kanäle wie Fernsehen und sicher auch die gedruckte Zeitung geben. Wir greifen mit upday drei große Trends auf: Erstens den Trend zu Mobile, der nicht mehr neu, aber stärker denn je ist. Zweitens den Trend des Distributed Contents, also, Inhalte verschiedener Medienmarken in einer Applikation zu bündeln, was die Nutzer stark nachfragen. Drittens den Trend der Personalisierung: Den User interessiert besonders das, was für ihn persönlich relevant ist. Alle drei Trends und Nutzerwünsche sind optimal in upday vereint.

Sie haben kürzlich beim GEN Summit in Wien gemeint, dass Videos zwar Teil der Antwort für die Zukunftsfrage von digitalen Nachrichten seien, die Rolle von Bewegtbild aber überbewertet sei. Das ist auch aus ihrer Historie als ehemaliger Chefredakteur von WeltN24 eine durchaus spannende Aussage. Wieso denken sie das?
Bewegtbild-Inhalte sind wichtig, nachgefragt und populär. Das möchte ich gar nicht bestreiten. Aber es ist nicht so, dass Video zwingend das beste Medium ist, um Nachrichteninhalte zu transportieren. Selbst bei jungen Leuten sagt eine große Mehrheit, dass sie Nachrichten lieber liest als sie anzuschauen, weil der Nachrichtenkern viel schneller erfasst werden kann. Das wird durch eine aktuelle Studie des Reuters Instituts gerade bestätigt. Bei upday hat ein News-Teaser sechs bis sieben Zeilen Text, die der User in wenigen Sekunden erfasst. Mit einem Video benötige ich mindestens eine halbe Minute, bis die Inhalte ähnlich dargestellt wären. Mir geht es nur darum, klarzumachen, dass Bewegtbild nicht die Antwort auf alle Fragen liefert – auch nicht bei der Monetarisierung.
stats