Ist die Digitalisierung nun gut oder schlecht...
 

Ist die Digitalisierung nun gut oder schlecht? Alois Schober und George Nimeh im Streitgespräch

David Bohmann
David Bohmann
David Bohmann

Alois Schober und George Nimeh im Streitgespräch über die Digitalisierung, deren Vor- und Nachteile, den Umgang mit Technologien und Künstliche Intelligenz.

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Jeder von uns generiert pausenlos eine Unmenge an Daten mit von denen niemand weiß, wo sie landen und was genau damit geschieht. Beunruhigt sie das eigentlich, Herr Schober?

Alois Schober: (winkt lässig ab) Mich persönlich überhaupt nicht, ich hab nichts zu verbergen. Ich glaube aber, dass ein Mensch der nicht hochausgebildet ist und mit Sprache, Daten und Zahlen nicht umgehen kann, sich schon Sorgen machen muss. Das Datenvolumen ist jedenfalls so groß, dass wir alle schon gläserne Menschen sind.

George Nimeh: Eric Schmidt von Google hat gesagt: The only people, who have something to fear, have something to hide. Ich teile diese Meinung nicht so gern. Die Privatsphäre ist wichtig. Man muss da schon ernsthafter sein. Ich denke aber das ist auch eine Generationsfrage.

Apropos Generationen: Ein verblüffendes Phänomen ist unser sorgloser Umgang mit den Sozialen Medien. Gerade jüngere Menschen gehen damit besonders freizügig um. Sollte man verpflichtende Registrierungen plus Altersbegrenzungen einführen? Und den Umgang mit Technologie in der Schule lernen?

Nimeh: Naja, wir können einfach noch nicht so gut umgehen mit den sozialen Medien. In Zukunft werden wir alle intelligenter sein. Meine 7jährige Tochter fragt mich jeden Tag ob sie ein Handy haben kann. Sie wird auf die neuen Medien auch besser vorbereitet sein als wir. That’s 21. Century.

Schober: Bildung und Schulen sind wichtig, Menschen müssen aber auch selbstverantwortlich umgehen mit ihren Daten. Ich bin nicht in sozialen Medien aktiv. Ich hab ein gottloses Mundwerk und wäre dafür schon 100 Mal virtuell hingerichtet worden dafür. Wenn ich aber ein Interview gebe, hab ich die Kontrolle. You have to stay in control. Das Problem ist, dass die sozialen Medien ein enormes Ventil sind für die Menschen. Die Emotion gewinnt über den Intellekt, sagen Dinge die sie nicht öffentlich sagen würden. Und das Netz vergisst nicht.

Künstliche Intelligenz ist ja schon lange ein Mega-Trend. IBMs milliardenschweres Projekt Watson ist ein sprachfähiges, selbstlernendes, neuronal strukturiertes Computersystem. Watson, gerade mal 5 Jahre alt steuert bereits selbstständig die Sprach- und Display-Kampagne für Campell’s Soup Er hat 6.000 Kunden weltweit, ist als Call-Center-Agent, Bankberater, Shopping-Assistent, Anwalt und Arzt tätig. Der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin prophezeit, dass sich Menschen künftig nur jenen Tätigkeiten widmen werden, die sie wirklich interessieren. Sollen Maschinen nicht einfach die Jobs machen, in denen sie auch besser sind als Menschen?

Schober: Aber was machen wir dann mit den Menschen, die nicht mehr arbeiten? Schauen wir doch nur auf den Bankensektor: 50 Prozent der Retail Banker verlieren ihren Job. Wer zahlt dann ihr Leben? Keiner hat eine Antwort darauf, wo das hinführt....

Nimeh: (zeigt auf sein Smartphone) Schau. Ich habe Amy. Sie ist ein AI und checkt meine Termine. Früher hat das meine Assistentin gemacht.


Schober: George, you just killed two jobs!

Nimeh: Nein. Ich habe immer noch jemanden, der in meinem Büro sitzt, aber statt Termine bauen macht meine Assistentin zum Beispiel Marktforschung und arbeitet mit mir an Projekten. 

Schober: Noch einmal: Was machen wir mit den Menschen, die diesen Weg nicht mitgehen können? Das ist die große soziale Frage.


Nimeh: Retraining! Excuse me, das ist technologischer Wandel. Was haben wir den Leuten gesagt als die Dampfmaschine oder die Autos erfunden wurden?

Schober: Wir sind aber heute schon in einer ganz anderen beschleunigten Dimension.

Nimeh: Klar. Heißt aber auch: wir Menschen können unsere Leistung dank der Computer auf wichtigere, bedeutende Dinge fokussieren. Let’s think big. I mean, how can we ever get ot he stars when we are busy with farming the earth? Wir müssen diese Herausforderungen schaffen. Das braucht Zeit und Aufwand und Kenntnis und Technologie.


Schober: Aber George, wie finanzieren wir das Ganze?


Nimeh: Das finanziert sich selbst, weil die Arbeit der Menschen ist in der Zukunft auch wertvoller.


Schober: Das sehe ich anders. Jetzt kommt die Digitalisierung, und wir sagen denen, die jetzt schon keinen Job haben wir brauchen euch nicht mehr, denn jetzt kommt eine Maschine, die macht das 1000Mal besser als ihr. Wie schaffst du eine globale Weltwirtschaft in der Maschinen den Großteil der Leistung übernehmen, mit einer von allen akzeptierten Verteilungsgerechtigkeit, die genug Geld verdient und wo das verdiente Geld so einsetzt wird, dass die Menschen glücklich sind? Ein Prozent der Menschheit besitzt 99 Prozent des Vermögens. Das ist eine Folge des technologischen Fortschritts!

Nimeh: Wir vermischen jetzt aber viele Themen: Sicherheit, Finanzen, Arbeit und Digitalisierung.

Schober: George, diese Themen lassen nicht trennen. Die Wahrheit ist doch, dass ich heute mit meiner kleinen Charisma-Branding-Ein Mann-Firma den Job einer Werbeagentur mache, wo früher 15 Leute beschäftigt waren! It’s my brain – den Rest macht die Maschine.

Nimeh: Okay, wenn wir also vom Big Picture reden, dann muss ich aber auch sagen: Die globale Lebensqualität steigt. Ich kann besser kommunizieren, die Menschen werden immer älter, Krankheiten werden besiegt, wir haben bessere Straßen. Ich kann meine Freunde weltweit treffen. In Indien gibt es großartige Bildungsprogramme und daraus hat sich eine riesige Mittelschicht entwickelt. Auch in Afrika schafft Technologie besseres Leben.


Schober: Aber drei Milliarden Menschen haben kein Trinkwasser! The real question: How the fuck are we facing the challange to make this a world for everyone.

Nimeh: Luigi, da bin ich bei dir. That’s the real challenge.


Zurück zu Watson. Er ist so programmiert, dass er Empfehlungen abgibt, Entscheidungen aber liegen beim Menschen. Ist es naiv zu glauben, dass wir Menschen uns diese Entscheidungsgewalt bewahren können?

Schober: Psychologisch find ich es ja superklug die Menschen entscheiden zu lassen. Ich weiß nur nicht, ob das auf Dauer funktionieren wird. Aber keine Frage, AI ist komplett am Vormarsch und wird alles verändern.

Nimeh: Auf der eine Seite: Beim selbstfahrenden Auto muss das Auto die Entscheidung selbst treffen. Die andere Seite ist gefährlich: 70 Prozent der Börse ist kontrolliert von Algorithmen. 2010 hat die amerikanische Börse in einer Minute neun Prozent verloren. Niemand weiß warum. Da war irgendwo zum Glück ein roter Knopf. Und ein Mensch hat ihn gedrückt.

Der Human-Factor bleibt also erhalten?

Nimeh: Sicher. Die You-tube-Stars sind Menschen. Authentisch. Real. Das ist eine massive Änderung. Nicht so wie im Fernsehen, wo alles fake ist. Wir haben heute viel mehr real Story-Telling.

Schober: „People are not striving for perfection, they are driving for adventure“, lautet ein kluger Slogan. Und Abenteuer heißt eben auch scheitern und Fehler machen. Menschen machen Fehler. Authentizität und Emotion sind unser Asset.

Nimeh: Wir brauchen in Österreich mehr Mut, mehr Fantasie und mehr Abenteuer. Die Engstirnigkeit und diese verdammte Nostalgie hindern uns.

Schober: Das stimmt und betrifft alle Bereiche. Auch die Politik. 

[Marko Locatin]
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