Interactive West: Mit Trial and Error zur Inn...
 

Interactive West: Mit Trial and Error zur Innovation in einer digitalen Welt

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Russmedia Digital lud am 23. Oktober mehr als 200 Teilnehmer zu seiner ersten Digital-Konferenz. Vertreter von Medien, Unternehmen und Technologie-Anbietern stellten dabei neue Entwicklungen und Zukunftsgedanken vor

„Durchwurschteln“ lautete das Motto der ersten Interactive-West-Konferenz in Dornbirn – allerdings nur inoffiziell. Die halbtägige Veranstaltung, zu der Russmedia Digital am Donnerstag, dem 23. Oktober im Spielboden lud, zog Digital-Arbeiter aus allen Branchen und Berufen an. Und mit Zeit-Online-Chef Jochen Wegners Plädoyer für „agiles Arbeiten“ konnten sich sowohl die Gäste als auch die darauffolgenden Sprecher identifizieren.   

Dynamische Redaktionsprozesse

Keynote Speaker Wegner sprach bei dem Event über die Veränderungen des Portals der "Zeit", seitdem er Anfang 2013 dort die Führung übernommen hat. „Die Zukunft passiert jetzt“, lautete eine seiner Thesen. Mit „Durchwurschteln“ meinte er das Experimentieren in Unternehmen und das Einführen von Strukturen, die dynamisches Arbeiten erlauben. Bei der Onlineredaktion der "Zeit" ist dies laut dem Chefredakteur ­bereits Praxis. So organisiert sich die Mannschaft nach dem Projektmanagement-Prinzip „Scrum“. „Einmal in der Woche trifft sich die Entwicklungsredaktion und bespricht, welche Funktionen in zwei Wochen online gehen sollen“, berichtet Wegner. Auf Basis dieser Abstimmungen entstehen große und kleine Projekte. „Lange Pflichtenhefte brauchen wir nicht“, so der Medienmanager.

Können Journalisten wie Entwickler und Projektmanager arbeiten? Wegner findet, dass Redaktionen bereits immer so gearbeitet haben. Und mit der Strategie scheint die Zeit Online auch erfolgreich zu sein. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls in Berlin veröffentlichte das Portal ein interaktives Feature. Dieses war so erfolgreich, dass das Medium im kommenden Jahr eine Veranstaltung zu dem Thema plant. Wegner holt sich sowohl von großen Mitbewerbern als auch jungen Medien-Start-ups Inspiration.

So testet der Online-Chef für die Mobile-App eine Aufbereitung der Nachrichten in einer Kartenstruktur, so wie das bereits einige US-Medien machen. Auch das Viral-Portal Upworthy hat es Wegner angetan. „Im nächsten Jahr werden wir ein Projekt launchen, dass auf dem Prinzip des Portals mit seinen anzie­henden Headlines aufbaut.“ Mehr verrät der Zeit-Online-Manager noch nicht. Die Medienzukunft sieht er jedoch nicht nur positiv: „Journalismus könnte verschwinden“, wenn Medien sich nicht mit der Digitalisierung und Innovation beschäftigen.   

Hochintelligente Computer

Noch werden uns Maschinen und Roboter nicht ganz ersetzen, beruhigte Karin Vey, Executive Briefing Manager bei IBM Zürich, das Publikum. Bei ihrem Talk mit dem Titel „Die Visionen von Star Trek werden Wirklichkeit“ stellte sie den hochintelligenten Rechner Watson vor. Der kognitive Computer hat bereits vor einigen Jahren einen Menschen in der Quiz-Show „Jeopardy!“ besiegt. IBM entwickelt Watson noch weiter, berichtet die Trendexpertin. Das System soll unter anderem im Gesundheitsbereich zur Anwendung kommen. In der Finanzbranche könnte Watson den Analysten als Unterstützung dienen. Wie intelligent der Computer ist, zeigte Vey anhand eines unterhaltsamen Beispiels: Watson kreierte sein eigenes Cocktailrezept – ein Talent, das laut der IBM-Managerin nur die besten Bartender beherrschen würden.

Welche technologischen Geräte in Zukunft den Alltag ergänzen werden, zeigte auch Gregor Almássy, Corporate Marketing Director bei Samsung Österreich. Er brachte die erste Virtual-Reality-Brille des koreanischen Konzerns mit. Die an das Smartphone gekoppelte Brille soll in Zukunft nicht mehr nur Gamer begeistern: „Virtual Reality kann uns zum Beispiel am Laufband Unterhaltung bieten. Warum sollte man gegen eine Wand starren, wenn man virtuell die schönsten Laufstrecken auswählen kann“, so Almassy. Bis es allerdings so weit ist, werde es noch einige Jahre dauern.

Lokale Firmen mit Digital-Strategie  

Interactive West bot auch Platz für „Local Heroes“, Unternehmer aus der Region. Sie sprachen in einer Diskussionsrunde darüber, wie digitale Medien ihre Branchen verändern. Edith Klinger, Inhaberin der Boutique ediths, berichtet, dass Kunden ständig fragen, wann ihre Produkte auch online erhältlich sind: „Das Thema kommt jede Woche wieder auf, aber momentan bleiben wir offline.“ Die Betreiberin setzt in ihren Filialen auf persönlichen Flair, der im E-Commerce verloren gehe.

Daniel Mutschlechner, Geschäftsführer der Messe Dornbirn, setzt sehr wohl auf digitale Kommunikation: „Besonders im Vorfeld der Messen werben wir im Netz.“ Je nischiger die Fachmesse, desto zugespitzter spricht das Unternehmen auch seine Zielgruppe im Internet an. Markus Hämmerle, Marketingleiter des Immobilienanbieters ZIMA AG, versucht wiederum, online potenzielle Kunden zu Besichtigungen zu bringen: „Ich glaube nicht, dass Menschen Immobilien übers In­ternet kaufen. Aber wir können den Erstkontakt herstellen und dann auf anderen Wegen weiterführen.“

Den europäischen Handel wird in naher Zukunft das Thema „Same Day Delivery“ beschäftigen. Michael Löhr, CEO des Dienstleisters tiramizoo.com will dafür die notwendige Infrastruktur anbieten, damit Handelskonzerne ihre Kunden innerhalb eines Tages beliefern können. „Die Nachfrage bei den Konsumenten ist da“, betonte Löhr, nur die Händler seien noch nicht so weit. Als interna­tionale Vorreiter sieht er den E-Commerce-Riesen Amazon, der mittlerweile auch Lebensmittel liefert, sowie die Supermarktkette Wal-Mart. Im deutschsprachigen Raum will sich tiramizoo als Partner von Lieferunternehmen wie DHL und der Post positionieren.

Einfach machen

Bannerwerbung ist weiterhin fixer Bestandteil im Digitalmarketing, appellierte Philipp Westermeyer, Chef der Performance-Marketing-Agentur Metrigo bei seinem Vortrag auf der Inno­vationskonferenz. Was sich am Werbemarkt ändere, sei die Form des Einkaufs: „Früher kaufte man Um­felder ein, heute kauft man Nutzer“, meinte Westermeyer im Hinblick auf die Personalisierung und Automatisierung von Digital Advertising. Technologische Lösungen wie Real Time Bidding würden dafür sorgen, dass Display-Werbung trotz des Social-Media-Trends noch weiter existieren wird. Harte Worte hatte der Metrigo-Geschäftsführer für die Ad-Blocker: „Deren Geschäftsmodell ist wie der Wilde Westen.“

Was die Onlinebranche außerdem in den nächsten Jahren bewegen wird, ist das Thema Big Data. Dazu präsentierte Jodok Batlogg sein Unternehmen Crate.IO. Die Software soll Unternehmen dabei helfen, ihre Massen an Daten aufzubereiten, in Echtzeit zu beobachten und auszuwerten. Für diese Technologie räumte das Vorarlberger Start-up vergangene Woche sogar den Start-up-Preis „TechCrunch Disrupt“ ab.

Wie Batlogg diesen Sieg mit seinem Ziel geschafft hat: „Durch Bauchgefühl und harte Arbeit.“ Organisator und Russmedia-Digital-Chef Gerold Riedmann schickte seine Gäste mit einer knappen Botschaft von der Interactive West heim: „Just do it!“

Dieser Artikel erschien bereits am 31. Oktober in der HORIZONT-Printausgabe 44/2014. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

[Elisabeth Oberndorfer]
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