‚Ich glaube zutiefst an die Trennung‘
 

‚Ich glaube zutiefst an die Trennung‘

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Medienunternehmer Eugen A. Russ über das Phänomen vol.at, die Vorteile der Konkurrenz im eigenen Haus, was Google Penalties auslösen oder warum der integrierte Newsroom nicht funktioniert

Horizont: Herr Russ, wie entwickeln sich die Geschäfte 2014 für Russmedia?

Eugen A. Russ:
Österreich ist nach wie vor ein herausragend guter Markt für Print.

Horizont: Ein interessanter Einstieg, den wohl nicht jedes Printhaus so wählen würde …

Russ:
Im Vergleich geht es uns gut. Print ist nach wie vor ein ganz wichtiger Werbeträger. Es gibt auch fast kein Land, wo die Reichweiten der Medien so gefestigt sind wie in Österreich. Ich denke, das liegt vor allem am Wettbewerb in der Bundeshauptstadt – er nutzt der gesamten Branche. In Berlin oder Hamburg liegen die Reichweiten aller Tageszeitungen bei 15 bis 20 Prozent. In Wien sind wir eher bei 70 oder 80 Prozent aufgrund des heftigen Wettbewerbs zwischen Heute, Kronen Zeitung und Österreich. Das nutzt der Zeitungsbranche und sichert der Werbewirtschaft Ergebnisse wie in keinem anderen Medium. Sehr positiv ist auch, dass Aldi in Deutschland wieder in die Tageszeitung zurückgekehrt ist, die es über Prospekte und TV umschiffen wollte. Das scheint nicht gelungen zu sein. Die Tageszeitung ist eben ein gutes Verkaufsmedium mit einem tollen Impact.

Horizont: Bleiben wir noch ein wenig bei Print – wie geht es den VN?

Russ:
Die VN sind durch Verena Daum-Kuzmanovic deutlich weiblicher und sozialer geworden. Durch die emotionale Komponente öffnen wir uns gegenüber jungen Zielgruppen noch stärker. Wir sind einfach die Plattform der Region.

Horizont: Gibt es den typischen Vorarlberger, der hier angesprochen wird?

Russ:
Vorarlberg ist eines der wenigen Bundesländer, die wachsen. Das lässt ein Wirtschaftswachstum zu, das einzigartig ist. Es gibt eine Reihe von Hidden Champions im Land, also Firmen, die als Weltmarktführer Erfolg haben. Vorarlberg ist nicht so ländlich, wie man denkt. Für mich gibt es sozusagen die Großstadt Rheintal mit 280.000 Einwohnern, ähnlich groß wie Graz. Die Großstädte wie Zürich oder München sind nur ein, zwei Stunden entfernt. Durch diese Urbanität halten wir die Menschen. Es ist verhüttelt im Rheintal, es ist ein bisschen Klein-Los-Angeles.

Horizont: Die Kürzung der Presseförderung hätte die Neue heuer fast 750.000 Euro gekostet.

Russ:
Ja, im neuen Gesetzesentwurf war die Schwelle für uns zu hoch, aber nun, mit dem endgültigen Gesetz, wurde die Schwelle zwar vervielfacht, aber die Neue ist wieder förderungswürdig.

Horizont: Andere Medien haben es nicht geschafft.

Russ:
Das Gesetz wurde überraschend und massiv geändert und das, während des Wirtschaftsjahres. Die Salzburger Volkszeitung gibt es nun nicht mehr. Herr Aistleitner, ein guter Unternehmer, der es kaufmännisch vernünftig angelegt hat, wurde gezwungen, mit der Volkszeitung Insolvenz anzumelden. Das war schon problematisch. Gefördert werden in der Größenordung außer uns noch das Linzer Volksblatt, der Standard, die Presse oder auch das WirtschaftsBlatt. Der Neuen geht es gut. Sie steht jetzt jedoch am Wochenende vor einer Herausforderung – die Kronen Zeitung soll wieder stärker ins Land kommen. Ein neuer Versuch nach 15 Jahren. Die Krone will, wie es scheint, Reichweitenverluste von fast einer ­Million ­Leser ausgleichen, immerhin ist sie von 44 auf 32 Prozent innerhalb weniger Jahre gefallen. Aber in Vorarlberg erreichen sie vielleicht unter sehr großen Anstrengungen 70.000 Menschen am Sonntag. Ergibt für die Tageszeitung ein Plus von 10.000 Lesern. Teure Arithmetik.

Horizont: Ob das wirtschaftlich Sinn macht? Russmedia als Quasi-Monopolist wird das aber vielleicht guttun?

Russ:
Wir sind nicht Monopolist, wir haben einen hohen Marktanteil. Unser Erfolgsrezept: Wir führen einen harten Wettbewerb im eigenen Haus. Ein Medium versucht das andere zu ersetzen, bei den Lesern und in der Werbewirtschaft. Wir sind also gut trainiert, und wenn da von außen weitere Trainings-Unterstützung kommt, dann sehen wir das als Herausforderung.

Horizont: Zur digitalen Welt – vol.at ist Marktführer in Vorarlberg vor orf.at. Das ist etwas Besonderes.

Russ:
vol.at, Vorarlberg Online, ist und bleibt ein Phänomen. Vor zwei Jahren haben wir entschieden, dass keine Inhalte der VN mehr auf vol.at stattfinden werden. Die Inhalte der VN sind hinter einer harten Paywall. Vorarlberg Online hat eigene Inhalte und eine eigene Mannschaft.

Horizont: Diese totale Trennung von Print und Online – halten Sie diese nur für den kleinen Markt Vorarlberg als sinnvoll oder ist das generell ihr Credo? Bei den meisten Medien geht es eher in Richtung integrierter Newsroom.

Russ:
Wir glauben zutiefst an die Trennung. Ich kenne kein Erfolgsbeispiel ­eines integrierten Newsrooms. Ich empfehle den Eigenreport der New York Times zu lesen, hier wird ganz klar gesagt, was so schwierig daran ist, wenn man die Redaktionen zusammenlegt.

Horizont: Es ist also vor allem eine Sparmaßnahme.

Russ:
Genau – und eine, die völlig neuen Medien Tür und Tor öffnet, wie zum Beispiel einer Huffington Post in Deutschland.

Horizont: Das sind neue Medien, die finanziell mit deutlich niedrigeren Kosten starten können.

Russ:
Stimmt. In jedem Fall sind die Kriterien andere. Wenn man sich BuzzFeed oder Upworthy ansieht, funktionieren sie nach eigenen Gesetzmäßigkeiten und nutzen stark Social Media mit viralen Aspekten. Auch bei vol.at setzen wir auf Social Media und Services wie Wetter, Tankstellenpreise, Restauranttipps. Live-Streams sind auch sehr beliebt – von Sport bis Politik.

Horizont: Die Elefantenrunde der Spitzenkandidaten bei den Vorarlberger Landtagswahlen wurde live gesendet – vor dem ORF.

Russ:
Das war toll und es gab gigantische Zugriffe. vol.at ist sehr interaktiv mit extremen Live-Flächen und Real-Time-Berichterstattung. Das kann und soll eine klassische Redaktion nicht leisten. Hier sind Hintergrund, Recherche, Details gefragt. Auch bei den Plattformen austria.com und vienna.at liegt viel Potenzial. Ich vertraue Gerold Riedmann, der ein exzellenter Geschäftsführer von Russmedia Digital ist.

Horizont: Er ist sehr international unterwegs mit seinen Aktivitäten bei GEN (Global Editors Network), INMA …

Russ:
Er reist gern, ist neugierig, das schätze und fördere ich. Wir haben aber auch viele Video Calls mit internationalen Kollegen, wo wir Ideen austauschen. Riedmann schafft mit vernünftigen Mitteln großartige Reichweiten – wir wachsen jährlich um bis zu 25 Prozent. Das Schöne ist, dass die Reichweiten am Desktop stabil sind – und parallel verdreifachen wir uns mobil. Das ist eine großartige Situation. Wir kriegen immer mehr Zeit von unseren Nutzern. Das ­organische Wachstum ergänzen wir mit kleinen, in Zukunft vielleicht auch größeren Akquisitionen.

Horizont: Welche Ideen gibt es da?

Russ:
Akquisitionen wollen wir nicht kommentieren. Ein weiteres wichtiges Thema ist aber auch, dass wir uns mit einer weiteren Internetagentur vertiefen werden. Bisher gibt es die Digitalagentur impuls360, und wir werden eine neue spezialisierte Content-Marketing-Agentur aufbauen, ein Thema, das auch re­gional Sinn macht.

Horizont: Sie sind bei SpeedInvest sehr aktiv und setzen auf die Start-up-Szene.

Russ
: Mit ein Grund, mich unterneh­merisch mehr mit Wien zu beschäftigen. SpeedInvest 1 hat es geschafft, vielen Start-ups die Möglichkeit zur Internationalisierung zu geben. Oliver Holle, der ja sein eigenes Unternehmen in die USA verkauft hat und auch ein amerika­nisches Unternehmen gemanagt hat, kennt die Start-up-Szene und die Kapitallandschaft dort sehr gut.

Horizont: In dem Land, wo die Zukunft herkommt.

Russ:
Ja, leider für Europa ist das so. Wenn du im Exit das große Geld machen willst, dann musst du hinübergehen und dort erfolgreich sein – nicht nur in Österreich oder Deutschland. Das schafft ­Oliver Holle – er macht etwas aus Firmen, die Potenzial haben. Speedinvest 2 ist fünf Mal so groß angedacht. Das Team der Partner wächst und steuert den ­Beteiligungsunternehmen noch mehr Expertise bei.

Horizont: Wie laufen die internationalen digitalen Aktivitäten von erento bis Quoka?

Russ:
Fangen wir mit dem weniger Erfreulichen an. Wir haben heuer erstmals eine Durststrecke mit dem Rubrikenportal Quoka. Wir haben eine Google-Penalty bekommen – das beschert uns ein vorübergehendes Traffic-Minus von 20 Prozent.

Horizont: Das heißt, ihr wurdet bei den Suchergebnissen nach unten gereiht.

Russ:
Genau, weil wir eine SEO-Maßnahme unternommen haben, die Google nicht gefallen hat, die aber jeder in der Branche macht, aber wir wurden herausgegriffen. Wir hatten Subseiten für Themen und die haben unser Ranking verbessert.

Horizont: Unglaublich, wie abhängig man von Google ist. Wie habt ihr reagiert?

Russ:
Wir haben zwei Maßnahmen gesetzt: Wir gehen jetzt in TV-Werbung in Deutschland und auf YouTube. Und es gibt eine neue Mobile-App für Android und IOS, die 2015 auch einen weiteren massiven Traffic-Erfolg bringen wird. Quoka ist ja grundsätzlich gut unterwegs. erento läuft auch erfreulich gut. Das treibt mein Sohn in Berlin mit einem Team von gut 40 Leuten voran. Er schart High Performer um sich, mit dem Ziel der Internationalisierung. erento ist in Nord- und Südeuropa präsent und will in der Folge auch in die USA gehen. Auch hier macht das Separieren des Unternehmens Sinn.

Horizont: Wie hoch ist der Digital­anteil am Jahresergebnis?

Russ:
Gute 30 Prozent. 2014 ist ein super Jahr, Print und Digital. Der Umsatz wächst – in Ungarn und Rumänien steigt die Profitabilität wieder deutlich. Dort scheint der Boden erreicht zu sein. In Österreich ist der Umsatz stabil, die Kosten haben wir im Griff. Digital gibt es einen starken Ausbau und Wachstum. Wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Dieses Interview erschien bereits am 28. November in der HORIZONT-Printausgabe 48/2014. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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