Ich bin meine eigenen Nachrichten
 

Ich bin meine eigenen Nachrichten

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk

Diese Woche geht´s bei Walter`s Weekly um Video-Blogger und um gefühltes Fernsehen

Die ganze Welt ein Selfie

BBC 3 brachte vor kurzem eine Doku zu einem seltsamen Medienphänomen: Eine Handvoll junger Leute filmt ihr banales Alltagsleben ab und wird damit reich und berühmt. Der Londoner „Evening Standard“ merkte dazu an: "If you want to freak out anyone who works in traditional media, there’s one word that will immediately strike fear into their heart: vloggers."

In der Tat befällt jeden herkömmlichen Journalisten der nackte Horror, wenn unstrukturierte, fade Selbstdarstellungen plötzlich als ‚Content’ gepriesen werden. Der bekannte Journalist AA Gill setzt noch eins drauf: „Mit ihren Millionen von dämlichen, welkenden Fans sind Vloggers vermutlich die deprimierendste und sozial zerstörerischste Jugendbewegung seit der Erfindung von Teenagern. Denen zuzusehen, ist wie ein Angriff von wiedergeborenen Zombies.“

Der populärste Video-Blogger, PewDiePie, kommt bei seinem YouTube-Kanal auf 42 Millionen Abonnenten – da können Schöpfer von seriösen Medieninhalten nur noch in die Suppe weinen oder von der Pension auf einer abgelegenen Insel träumen. Das Dargebotene ist inhaltsarm und konformistisch. ‚Wie sehe ich aus, wie komme ich an?’, scheinen die wichtigsten Fragen überhaupt zu sein. Die Vervielfachung der Medienkanäle hat eine geradezu manische Selbstdarstellungswelle ausgelöst.

Weder Kunst, noch Wissen oder Einsichten werden dargeboten – bloß Herausblubbern, was an Gedankenmüll in den jungen Kopf strömt. Oder hanebüchene Ratschläge geben. Oder mit simplen Worten beschreiben, was in der Umgebung vor sich geht – einfach hingehen und selber ansehen, ist offenbar altmodisch.

Es ist eine Form von Reality-TV, mit zwei wesentlichen Unterschieden: Der Fernsehkanal befindet sich auf YouTube, und die Begafften haben eine Rückleitung zu den Begaffern.

Gerade die amateurhaften, unzensurierten Auftritte scheinen die Betrachter einzukochen. Für die jungen Fans sind Vlogger-Stars echter als Hollywood-Größen. Da sie nicht so abgehoben sind wie die berühmten Helden der Leinwand, können sich die Zuseher leichter mit ihnen identifizieren. Was die Frage aufwirft, warum heute so ein großer Identitätsnotstand herrscht, dass man anderen sogar beim öden Alltagsleben zusieht?!

Wohlmeinende Beobachter merken als positiv an, dass Video-Blogger eine intime Beziehung zu ihrem Publikum hätten. Das klingt übertrieben. Nur weil einige Zuseher mit Kommentaren reagieren (und manchmal die Darsteller dirigieren) können, ist das keine Beziehung. Es ist ein Spiel, ein Videospiel, bei dem man einen echten Menschen herumschieben kann. Kein Blogger kann Millionen von Fans auf irgendeine sinnvolle Weise ‚kennen’.

Was treibt dieses Phänomen an? Narzissmus gekoppelt mit Voyeurismus? Angst vorm richtigen Leben? Die Fans bunkern sich zu Hause ein, während die von ihnen bewunderten Helden so mutig sind, auf die Straße hinauszugehen!? Dass Pubertierende unsicher und schüchtern sind, ist nicht neu; neu ist ein globales Mediengeschäft, das primär auf Hormonschwankungen beruht. Ein perfektes Beispiel einer Ökonomie, die menschliche Aufmerksamkeit als heißen Rohstoff dealt – schließlich ist es die Werbung, die all diese Gratiskanäle finanziert.

Live-Videos passen zu dem aktuellen Anspruch, authentisch zu sein. Dass deren Einkünfte von Sponsoring (oder direkter Produktauslobung) kommen, macht sie offenbar nicht weniger ‚authentisch’.

Auffallend ist, dass der Ruhm der Video-Blogger nicht das Geringste mit Können zu tun hat. Auf Instagram wird zurzeit ein vierjähriges(!) Mädchen bewundert, das als kommender Schönheits-Guru gehandelt wird. Es ist totaler Zufall, wen von den Millionen Selbstdarstellern die Glücksgöttin zulächelt. Antwortete Jim Chapman in der oben erwähnten BBC-Sendung auf die Frage, warum er berühmt ist: „Darauf kann man sich keinen Reim machen.“

Vielleicht ist die wahre Erklärung hundsbanal: Junge Mädchen (die beinahe das gesamte Publikum ausmachen) starren Burschen an, die ihnen gefallen. Sie können ihnen Botschaften schicken und erhalten sogar Antworten (wobei jede den Eindruck erhält, sie persönlich wäre adressiert).

Diese Mischung aus Technik-verursachter Pseudo-Intimität plus Hormonüberschwang ist zu einem internationalen Geschäftszweig geworden. Was das „Time“-Magazin schwer in die Irre geführt hat, als sie unter die „100 einflussreichsten Menschen“ der Welt auch einen Vlogger reihten. Vom Rauch der großen Seherzahlen und Werbeumsätze sollte man nicht auf ein globales Feuer schließen – über pubertierende Jugendliche wird dieses Phänomen nie hinausgehen.

Quellen:

http://www.radiotimes.com/news/2016-02-01/meet-the-superstar-vloggers

https://www.youtube.com/watch?v=hA3LVgIKoFY&ab_channel=BernieSanders

http://www.theguardian.com/technology/2016/feb/03/why-youtube-stars-popular-zoella

http://www.theatlantic.com/technology/archive/2015/12/the-linguistics-of-youtube-voice/418962/

Gefühltes Fernsehen

Ähnlich wie man Print als zu limitiertes Medium verdammt, traut man auch dem Fernsehen keine große Zukunft zu (etwa im Vergleich zu Virtual Reality). Die Jungen scheinen völlig von Online-Videos gefangen zu sein (siehe vorhergehende Geschichte), es gibt zudem eine ausgeprägte Verschiebung zu zeitversetztem Fernsehen auf verschiedenen Geräten. Die Inhalte sind durchaus gefragt, aber nicht unbedingt die Präsentation in Form traditionellen Fernsehens.

Es gibt technische Vorstöße, die Glotze mittels Soundsystemen und verbesserter Tiefenschärfe, die den Eindruck von Dreidimensionalität erweckt, aufzumotzen. Radikaler sind Versuche, nicht nur Hören und Sehen zu bedienen, sondern auch andere Sinne zu stimulieren. In 4DX Kinos gibt es Sitze, die sich bewegen, Wind, Nebel, diverse Lichteffekte, Gerüche und Wasser werden eingesetzt. Ein britisches Kino will selbst den Geschmacksinn bedienen, indem diverses Futter, das Figuren im Film verzehren, Besuchern vor Filmbeginn überreicht wird.

Wie könnte so etwas im Heimkino umgesetzt werden? Im Sussex Computer Human Interaction Laboratorium testet man ein neues Produkt der jungen Firma Ultrahaptics. Die Idee besteht darin, Ultraschall auf die Hand zu projizieren, um auf diese Weise Sinneseindrücke zu evozieren. Eine außerordentlich raffinierte Idee, die darauf beruht, dass verschiedene Zonen auf der Hand Gefühle auslösen, als würde ein Wind blasen oder Regentropfen auf die Hand fallen.

Ganz unserer überstimulierten Gefühlskultur entsprechend, sollen so Emotionen ausgelöst werden. Ein kurzer, scharfer Windstrahl auf die Fläche zwischen Daumen und Zeigefinger kann ein Gefühl der Aufregung erzeugen. In der Nähe des kleinen Fingers lässt sich ein Eindruck von Traurigkeit auslösen.

Die Frage ist, warum wir so etwas brauchen – sind wir gefühlsmäßig verarmt? Leiden wir unter einem Mangel an Sinneseindrücken? Oder will uns bloß die Erlebniswirtschaft noch tiefer in den Sumpf der Abhängigkeit ziehen?

Quelle:

http://theconversation.com/the-future-of-tv-how-feely-vision-could-tickle-all-our-senses-54059

http://dl.acm.org/citation.cfm?id=2702361

http://ultrahaptics.com/

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[Walter Braun]
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