‚Heute‘ launcht Tamedia-App
 

‚Heute‘ launcht Tamedia-App

David Bohmann
Im neuen Heute- Newsroom an der Heiligenstädter Lände: die Chefredakteure Christian Nusser und Maria Jelenko-Benedikt mit Geschäftsführer Wolfgang Jansky.
Im neuen Heute- Newsroom an der Heiligenstädter Lände: die Chefredakteure Christian Nusser und Maria Jelenko-Benedikt mit Geschäftsführer Wolfgang Jansky.

Die App soll den User stärker ins Zentrum rücken, Print und Online verschmelzen – gegenüber HORIZONT erläutern die Verantwortlichen ihre Digitalstrategie.

Im Juli des Vorjahrs stieg die Schweizer Mediengruppe Tamedia bei der österreichischen Tageszeitung Heute ein. Erklärtes Ziel: die Onlineagenden in Österreich voranzutreiben - im Gepäck jene News-App, die einen Gutteil der Zugriffe für das Online-Portal 20min.ch beisteuert. Im Juni durchbrach das Onlineportal der Schweizer Gratistageszeitung erstmals die Marke von einer Milliarde Page Impressions. Mit dieser neuen Power in der Eigentümerschaft wurde auch in Wien-Heiligenstadt die Devise „digital first“ ausgerufen, diese Woche erfolgte der Launch der sechs Monate lang vorbereiteten App.

„Der Launch der App ist das entscheidendste und revolutionärste Projekt, das wir seit dem Start von Heute realisiert haben“, ist Chefredakteur Christian Nusser überzeugt. „Wir leben damit das, wovon viele nur reden: digital first“, ergänzt Stellvertreterin Maria Jelenko-Benedikt. Wesentliches Merkmal der neuen App ist die Aufteilung in die vier Dimensionen „News“, „Leser“, „Timeout“ und „Meine Heute“. In der ersten Ebene sind sämtliche Nachrichten von Politik bis Sport gebündelt, ergänzt durch Bild- und Videoinhalte. „Timeout“ soll gemäß der Bezeichnung Entspannung durch Quizzes und Games sowie Eventkalender und aktuelles TV- und Kinoprogramm bieten. Die beiden anderen Bereiche als zweite und vierte Dimension sind ganz auf den User abgestimmt. „Leser“ zeigt die am häufigsten gelesenen und kommentierten Storys und User-generierte Inhalte. „Meine Heute“lässt den User das Nachrichtenangebot individuell nach Interessen zusammenstellen. So sollen die derzeit nach Eigenangaben knapp unter 100.000 aktiven App-User serviciert und deren Zahl ausgebaut werden.

Jelenko-Benedikt ortete eine Demokratisierung in der Mediennutzung, „Leser wollen ihre Interessen abgebildet wissen und auch selbst zu Wort kommen. Das wollen wir mit der App wiederspiegeln.“ Der User rücke ins Zentrum. Nusser verweist auf die partnerschaftliche Kommunikation mit dem Leser auf Augenhöhe, das bringe eine andere Kontaktqualität. „Viele Inhalte werden deswegen direkt an uns herangetragen.“ In der App sehen die Macher den User im Zentrum, wo dieser gestalten und auch selbst Inhalte beitragen kann. „Wenn Medien weiterhin von oben herab agieren und als Gatekeeper dem Leser alles vorgeben und reglementieren, haben sie meiner Ansicht nach den Zug der Zeit versäumt.“

Alle machen Alles

Einher mit dem App-Launch geht die komplette Zusammenlegung der Redaktion, zwischen Print und Online wird nicht mehr unterschieden. Dafür wurden im Newsroom im sechsten Stock Strukturen aufgebrochen, Wände abgerissen und Arbeitsweisen neu definiert. Die Strategie dahinter ist klar definiert, erläutert Geschäftsführer Wolfgang Jansky: „Wir sind der Auffassung, dass Nachrichten am Smartphone die Zukunft sind. Die Frage war, wie wir Inhalte so produzieren können, dass Print und Online aus einem Guss kommen.“ Das lebe man nun unter dem Schlagwort Konvergenz vor: Alle machen Alles.

Die Redakteure agieren unter dem ausgegebenen Motto „digital first“ - in Rotation produziert immer ein Teil der Mannschaft auch die Zeitung. „Anders bringst du diesen Change im Kopf nicht hin, nur so kann die Redaktion in ihrer Gesamtheit funktionieren“, so Jansky. 

Klare Gewinnausschüttung

Die Inhalte kommen aus Wien, die DNA mit Grundaufbau, Struktur und Technologie aus der Schweiz: „Unser Partner Tamedia ist dem österreichischen Medienmarkt in Summe ein paar Jahre voraus. Da steckt irrsinnig viel Technologie dahinter“, so Jansky. Lizenzkosten oder sonstige Gegenleistungen fallen für Heute keine an. „Sollte das Onlineportal Gewinne abwerfen, werden diese den Gesellschaftsanteilen entsprechend aufgeteilt“, erläutert der Geschäftsführer weiter. In der App will man innovative mobile Werbeformate und neue Native Advertising Möglichkeiten anbieten. Generelles Ziel sei es, dass Online für sich wirtschaftlich geführt werden könne - „da stehen wir erst am Anfang. Aus dem digitalen Geschäft kommen derzeit knapp zehn Prozent des Gesamtumsatzes“, so Jansky. Erst am Anfang steht auch die schon beim Einstieg kommunizierte Content-Partnerschaft.

„Der Austausch von Inhalten mit der Tamedia ist ein Prozess, der jetzt startet. Wir haben dafür in den letzten Monaten beispielsweise Fotorechte egalisiert, so dass wir alle aus einem Pool schöpfen können“, erklärt Jelenko-Benedikt. Geschichten mit der Schweiz auszutauschen bedeute nicht, Mitarbeiter einzusparen, betont Nusser. „Im Gegenteil: Wir haben die Redaktion aufgestockt und investieren so in die Qualität der Inhalte.“ Für den Austausch existiere aber keine „mit Bürokratie überfrachtete Struktur, was wann wo ausgetauscht werden muss.“ Nach dem Launch ist der nächste Schritt eine überarbeitete Version, in der man die technologischen Möglichkeiten weiter ausreizen wolle – vor allem was Tracking und Daten-Know-How anbelangt.

Bewegtbildplattform geplant

Pläne existieren auch in Richtung Bewegtbild: „Wir planen eine eigene Plattform für Leser und Bewegtbild mit Jahresende. Aber wir werden keinen TV-Sender kaufen“ so Jansky schmunzelnd. Auch die Erschließung neuer Bundesländer mit der gedruckten Tageszeitung ist „im Moment kein Thema. Der Fokus liegt auf den Kernmärkten und hier die Vormachtstellung zu behaupten; parallel wollen wir Online zulegen.“
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