Hat hier jemand iPad gesagt?
 

Hat hier jemand iPad gesagt?

Editorial von Philipp Wilhelmer (HORIZONT 19/2013)

Alles cool. Die europäischen Zeitungsmacher trafen einander dieser Tage im passenden Rahmen des historis­tischen Wiener Rathauses. Dieses wurde im 19. Jahrhundert nach dem Vorbild noch älterer Architektur errichtet und dient heute als Anschauungsort für die Unsinkbarkeit von etablierten Systemen. Hinter den dicken Mauern durfte jeder, der ein Mikro erwischte, erzählen, wie toll nicht die eigene Zeitung laufe. Und wie innovativ man nicht mit dem Leser in Kontakt trete. Dazu wurden die üblichen Awards für Editorial ­Design vergeben, bei denen letzten Endes ­eines gewürdigt wurde: Zeitungsseiten, die nicht aussehen wie aus dem vorigen Jahrhundert. Wie sich die Branche der europäischen Newspaper-Verleger auf den drohenden Strukturwandel einzustellen gedenkt, ist nicht überliefert. Hat hier jemand „iPad“ gesagt? Ach so, das war ja 2010.

Folgerichtig ist die Stimmung mies wie ­selten zuvor (Siehe Seite 9/HORIZONT 19/2013). Wie sollen die Zeitungen überleben? Wie der Journalismus ohne Zeitungen? Für knackige Bonmots taugt nichts besser als eine echte Endzeitstimmung. George ­Nimeh, der die Online-Aktivitäten des ­Kurier verantwortet, hatte die Lacher mit diesem Tweet auf seiner Seite: „Leute, das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug“, schrieb er. Und Nimeh hat wohl recht. Noch immer ist einiges zu klären, auch hierzulande, wo die Zeitungen noch selig in ihren Abonnentendatenbanken schlummern dürfen: Wie sollen künftige Fördermodelle aus­sehen? Mehrere Antwortmöglichkeiten gab der Kommunikationswissenschaftler Hannes Haas in ­einem Gutachten für das Kanzleramt, das sich ­zumindest formal kurz mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Eine Conclusio: Mehr Geld für die Zeitungen, Qualität muss gefördert werden. Einige strauchelnde Relikte am Wegesrand, die nur mehr mit Vertriebsförderungen am Leben gehalten werden, werden damit wohl oder übel dran glauben müssen. Das und ein neuer Kollektivvertrag, der es endlich erlaubt, Onliner und Printjour­nalisten unter ­einen Hut und eine Chefredaktion zu bringen, stoßen die Tür zu einer weiteren Möglichkeit auf: Warum sollte man nicht auch Online-Portale mit der Presseförderung bedenken? Und um allfällige Tricks bei den Verträgen der Berichterstatter hintanzuhalten (ein beliebtes Spiel in großen wie kleinen Verlagen), könnte die Ausschüttung von Geldern an die Zahl von korrekt beschäftigten Journalisten geknüpft werden. Wenn die dann noch Zeit, Ressourcen und einen breiten Rücken ihrer Vorgesetzten haben, könnte Online-Journalismus hierzulande endlich durchstarten. Eins noch: Das Leistungsschutzrecht, das von den ­Digital-Aficionados und Affekt-Twitterern dieser Welt als Peinlichkeit abgetan wird, muss rasch kommen. Wir arbeiten ja nicht für US-Konzerne.
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