Hansmann: 'Europa hat viel verschlafen'
 

Hansmann: 'Europa hat viel verschlafen'

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Hans Hansmann, Österreichs wichtigster Business Angel, hat bereits in 25 Start-ups investiert. Im HORIZONT-Interview spricht er über seine Suche nach den richtigen Leuten, das schwierige Verhältnis zu österreichischen Medien und den Rückstand Europas gegenüber den USA

HORIZONT: Sie haben 2010 in Ihre ersten Start-ups Busuu und Renesim investiert. Wie hat sich das Geschäft für Sie bis dato entwickelt.

Hans Hansmann: Ich habe bis heute in 25 Start-ups investiert. Wie immer in meinem Leben habe ich, wenn mir etwas besonders gut gefällt, übertrieben. ich bin von einem Virus infiziert, es macht mir unheimlich viel Spaß, mit jungen Leuten zusammen zu arbeiten und ihnen zu helfen, etwas aufzubauen. ich versuche, sie daran zu hindern, grobe Fehler zu machen und für sie da zu sein. Bis Beginn dieses Jahres habe ich alle fünfeinhalb Wochen ein Start-up-Investment gemacht.

HORIZONT: Sie haben bei nahezu jedem bekannterem Start-up die Finger im Spiel - sei es Runtastic, Shpock oder Whatchado. Wie erkennen Sie die, die sich durchsetzen werden?

Hansmann: ich habe ein gutes Gefühl dafür, die richtigen Leute zu finden. Bei mir sind die Leute wichtiger als die Projekte, ich entscheide ausschließlich nach den Leuten, meine Beziehung zu ihnen, ob sie motiviert, leidenschaftlich sind. Und einer der Gründer muss das Unternehmer-Gen in sich tragen, der das durchzieht und sich von Krisen nicht unterkriegen lässt. Wenn dann dazu das Projekt halbwegs OK ist, dann wird es funktionieren. Umgekehrt nicht. Ein Super-Projekt, bei dem die Leute nur gut, aber nicht super sind, geht normalerweise schief. Die richtig guten Leute können aus einem nur halbwegs guten Projekt ein richtig gutes Produkt machen.

HORIZONT: Florian Gschwandtner von Runtastic, Armin Strbac von Shpock, Ali Mahlodji von Whatchado - sind das die Unternehmer-Typen, die sie suchen?

Hansmann: Ja, die habe ich eigentlich in all meinen Companys - ohne die Leistung der anderen Gründer schmälern zu wollen. Jeder bei Runtastic hat seinen Verantwortungsbereich und arbeitet hervorragend im Team. Die Figur nach außen ist der Florian Gschwandtner, der ist das Produkt und der reißt alles mit. Bei Finderly (Macher der Flohmarkt-App-Shpock, Anm.) war es so, dass ich vom Produkt nicht so überzeugt war, aber unbedingt mit den Gründern ein Start-up machen wollte, weil die mich als Team so begeistert haben. Das hat sich als richtig herausgestellt. Sie haben als Team erkannt, dass das alte Produkt in eine Sackgasse führt und sie etwas Neues machen müssen.

HORIZONT: Runtastic hat den vorläufigen Start-up-Deal des Jahres mit dem Millioneninvestment durch Axel Springer geschafft. Warum sind Sie an Bord geblieben, anstatt Ihre Firmenanteile teuer zu verkaufen?

Hansmann: Ich sehe mich nicht als Investor, der in einer bestimmten Phase eines Start-ups dabei ist, sondern als Teil des Teams. Ich führe Verhandlungen, kümmere mich um die Finanzierung, mache Mentoring - das hört nicht auf, wenn man einen Teil-Exit macht. Wenn Springer es nicht akzeptiert hätte, hätte ich aussteigen müssen, aber denen hat das gefallen, wie wir als Team aufgetreten sind. Auch die Runtastic-Gründer wollten, dass ich dabei bleibe.

HORIZONT: Axel Springer hat bei Runtastic investiert, der norwegische Medienkonzern Schibsted bei Shpock, Burda kaufte sich Kununu. Sind heimische Mediengruppen nicht interessant für Start-ups?

Hansmann: Heimische Medien sind in erster Linie am österreichischen Markt tätig. Runtastic ist eine “Worldwide Company”, und Springer hat neben Deutschland entsprechende Beteiligungen und Netzwerke auf der ganzen Welt. Sie können uns Kontakte herstellen, die wir brauchen. Da ist die Styria oder die News-Gruppe meilenweit davon entfernt. Die meisten meiner Start-ups haben einen internationalen Horizont, und da ist ein österreichischer Verlag als Partner von vornherein ausgeschlossen. Wenn ich die Wahl habe, nehme ich mir nicht einen kleinen Player, der mich strategisch limitiert.

HORIZONT: Sie sind einer der Investoren, die bei der Start-up-Show von Puls 4 mitmachen. Was erwarten Sie sich davon?

Hansmann: Ich erwarte mir ausschließlich Impulse für eine breitere Wahrnehmung des Start-up-Themas. Es wird der Szene gut tun, wenn mehr Leute sehen, was es bedeutet, ein Unternehmer zu sein. Und es wird natürlich den Start-ups, die in der Show sind, helfen, Publicity zu bekommen, egal ob sie ein Investment bekommen oder nicht. Es wird uns einen Schritt weiterbringen.

HORIZONT: Und was ist mit Investitionen in neue Ideen?

Hansmann: Nun, alle halbwegs attraktiven Ideen am österreichischen Markt kommen ohnehin zu mir, ob mit oder ohne Start-up-Show. Aber es ist in Ordnung, dass ich dort dabei bin. Da ich in den letzten Jahren keine unwesentliche Rolle als Angel Investor gespielt habe, gibt das der Show mehr Glaubwürdigkeit.

HORIZONT: Auf welche Trends setzen Sie bei Ihrem Investments generell?

Hansmann: Ich investiere vor allem in Fitness- und Gesundheits-Start-ups, was aus meiner Pharma-Vergangenheit und meinem Interesse an Sport entspricht. Gesundheit und Self-Tracking ist ein Megatrend, und meine Investments in Runtastic, MySugr, Diagnosia oder iJoule sind in diesem Bereich anzusiedeln. Dann gibt es natürlich den Mobile-Trend, der ein Mega-Trend ist. Jeder, der ein Smartphone hat, ist potenzieller Nutzer von diesen Self-Tracking-Apps. Weiters gibt es den Big-Data-Trend. Runtastic erfasst Daten wie die Herzfrequenz, die wichtig für die gesundheitsvorsorge sein können. Und schließlich habe ich für mich einen Trend definiert, der Logistik heißt. E-Commerce wird einen Großteil der heutigen, konservativen Art des Einkaufens ersetzen. Dafür braucht man Liefer-Systeme, und da zu investieren, da ist nichts verhaut.

HORIZONT: Ohne die technischen Plattformen US-Riesen Google, Amazon, Apple oder Facebook gäbe es kaum österreichische Start-ups. Was bedeutet das für Europa?

Hansmann: Natürlich, ohne Apps und Smartphones gäbe es kein Runtastic, kein Shpock, kein MySugr. Europa hat unheimlich viel verschlafen, und ich bin fassungslos, dass Europa und Österreich nicht auf 180 sind und sagen: Dann fördern wir Innovation bis zum Gehtnichtmehr. Nur so können wir unabhängiger von den USA werden. Die Amerikaner sind ja nicht gescheiter als wir, sie können sich nur besser verkaufen und risikoaffiner. Wir haben in Europa nichts davon, wenn wir auf zig Milliarden sitzen. Wie wir ja aus der Finanzkrise gelernt haben, kann das schnell weg sein.

HORIZONT: Was erwarten Sie sich von der nächsten Bundesregierung in Sachen Start-up-Förderung?

Hansmann: Die werden typisch österreichisch nur ein bissl machen, aber es wird zu langsam und zu wenig sein, um durchschlagenden Erfolg zu haben. Mein Ansatz ist: Wir können international nur kompetitiv sein, wenn wir unglaublich viel in Innovation investieren. In Asien oder Südamerika gibt es viel mehr Menschen, die für viel weniger Geld viel mehr arbeiten und genauso gut ausgebildet sind. Da haben wir keine Chance mehr, wir können das nur mehr ausgleichen durch Innovation. Und diese revolutionäre Innovation findet zu einem Großteil in Start-ups statt. Das ist Hochrisiko, und das muss der Staat fördern - so, wie es bereits in England, Skandinavien oder auch Deutschland bereits gemacht wird.

HORIZONT: Kann Österreich das schaffen?

Hansmann: Österreich ist als Markt zu klein. Aber wir haben immer noch die Chance, als Drehscheibe zwischen Ost und West zu agieren, weil historisch gesehen für viele osteuropäische Ländern Wien immer noch als Tor zum Westen gesehen wird. Außerdem passiert viel mehr Innovation dort als bei uns. Warum? Innovation ist eine Frage der mangelnden Alternativen. Wenn du auf einer Insel bist und nichts hast, kommst du auf einmal auf die kreativsten Ideen. In Österreich sind alle gesättigt und haben eh alles, also sind wir nicht innovativ. Die innovativen Leute aus dem Osten sollten wir nach Wien bringen und wirklich Geld in Bewegung setzen, um Österreich zu einem Hub zu machen.

HORIZONT: Wie kann dieses Geld herkommen?


Hansmann: Es gibt viel Geld in Österreich, leider meistens geparkt in irgendwelchen Stiftungen, wo es dem Wirtschaftskreislauf entzogen ist. Das kann man nur durch brutale steuerliche Gesetzänderung ändern, und dazu werden unsere Politiker nicht in der Lage sein, befürchte ich. In England wird privates Geld steuerlich so gefördert, dass du nicht daran vorbei kommst, es in Start-ups zu investieren. Deshalb wollen ja alle Gründer und Investoren nach London.

HORIZONT: Viele Österreicher spüren wahrscheinlich noch nicht den Leidensdruck, um Geld für Innovationen locker zu machen.

Hansmann: Das ist so eine Sache. Leute, die Geld haben, spüren diesen Leidensdruck natürlich nicht, deswegen muss man sie in diese Richtung motivieren. Deswegen haben wir die Austrian Angels Investors Association gegründet, wo wir reichen Österreichern - ehemalige Manager, Unternehmer - zeigen, wie man Investments macht. Wir haben in einem Jahr schon mehr als eine Million Euro für Start-ups aufgestellt. Leider sind die steuerlichen Bedingungen für Business Angels in Österreich grottenschlecht. Verluste sind Privatvergnügen, und Gewinne muss man versteuern.

HORIZONT: Also kann man Business Angel tatsächlich lernen?

Hansmann: Bis zu einem gewissen Grad schon. Es werden aber nur solche Leute lernen können, die eine Freude haben, mit jungen Menschen zu arbeiten, und die über Menschen- und Hausverstand verfügen.

HORIZONT: Wo werden Sie Ihre nächsten Investments tätigen?

Hansmann: In Spanien. Die haben eine Jugendarbeitslosigkeit von 50, 60 Prozent, und aus diesem Mangel an Alternativen entsteht plötzlich viel Kreativität. In Österreich gibt es diese Saturiertheit, in der alle das Gefühl haben, dass es uns eh gut geht. Aber irgendwann werden wir aufwachen und sehen, dass das ganz schnell ganz anders wird.

HORIZONT: Bitte seien Sie zum Abschluss visionär: Wo steht Europa in zehn Jahren?

Hansmann: Europa hat mit seiner geschichtlichen, kulturellen und sprachlichen Vielfalt einen unheimlichen Vorteil, den wir zu selten nutzen. Da können die Amerikaner, die Südamerikaner und die Asiaten nicht mit. Wenn wir versuchen, diese Eigenschaften zusammen mit dem vorhandenen Geld einzusetzen, die besten Köpfe Europas zusammenbringen, dann werden ganz sicher tolle Sachen entstehen, die nirgendwo sonst auf der Welt entstehen können. In der Technologie kann es schnell umschwenken, die USA übersehen einen Trend und Europa ist plötzlich wieder voll da. Aber es ist wahnsinnig spät dafür.
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