Handwerk gegen Fake
 

Handwerk gegen Fake

Werner Siess / HMKW
Hektor Haarkötter ist nicht nur Journalismusprofessor in Köln, Journalist, Blogger, Publizist, sondern Recherche- und Social-Media-Spezialist. Er wirkt auch als Geschäftsführer der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA), die heuer ihr 20-jähriges Jubiläum feiert. Dazu erschien gerade das Buch „Nachrichten und Aufklärung“.
Hektor Haarkötter ist nicht nur Journalismusprofessor in Köln, Journalist, Blogger, Publizist, sondern Recherche- und Social-Media-Spezialist. Er wirkt auch als Geschäftsführer der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA), die heuer ihr 20-jähriges Jubiläum feiert. Dazu erschien gerade das Buch „Nachrichten und Aufklärung“.

Wie Medien das Vertrauen in ihre Inhalte wieder herstellen und Bewusstseinsschaffung sowie Medienkompetenz Fake News eindämmen können.

HORIZONT: Im September sind Bundestagswahlen in Deutschland, im Oktober Nationalratswahlen in Österreich: Wie können in solch aufgeheizten Zeiten Medien sich und das Publikum gegen Nachrichtenmanipulation wappnen und selbst mit größtmöglicher Glaubwürdigkeit punkten?

Hektor Haarkötter: Das ist einfach. Schließlich gibt es journalistische Tugenden, es herrscht ein Berufsethos und es bestehen professionelle Richtlinien. Als Basis gilt, dass Journalisten zumindest zwei unabhängige Quellen nutzen. Der Spiegel beispielsweise verlangt bei investigativen Geschichten bis zu vier unabhängige Quellen. Auch bei scheinbar verlässlichen Quellen, wie Presseagenturen oder staatliche Quellen, sind Rückfragen probat und das Bemühen um eine zweite unabhängige Stimme empfehlenswert. Mehr können Journalisten nicht leisten, das aber sollten sie leisten. Und wenn das geleistet wird, werden Leser und Zuschauer einem Medium auch in Zukunft glauben und vertrauen.

Stimmt das Handwerk, passt die Glaubwürdigkeit?

Davon bin ich überzeugt. Zum Teil sind Angriffe auf die Glaubwürdigkeit der Journalisten ja politisch motiviert. Das sieht man bei Donald Trump und auch bei anderen Populisten. Dieser Vorwurf der Fake News richtet sich ja gegen News, die alles andere als fake sind. Diese News entsprechen nur nicht der politischen Linie jener Leute, die behaupten, dass es sich um Fake News handelt. Der Vorwurf der Fake News ist eigentlich die Fake News.

Politisch motiviert – wie behaupten sich klassische Medien gegen den Social-Media-Druck der Parteien oder gegen rechtspopulistische Meinungskanäle wie beispielsweise unzensuriert.at oder Deutschlandkurier?

Hier muss man sich genau ansehen, wer so etwas liest und darauf reinfällt. Wer ohnehin stark zu rechtspopulistischem Denken neigt, je nach Umfrage sind das etwa 5 bis 20 Prozent der Bevölkerung, der will ja auf diese Sachen reinfallen. So jemand liest diese Angebote, weil er dort findet, was ihm entspricht. Diese Kanäle, Portale und Blätter füttern die Rechtsextremen in Österreich, in Deutschland, in der Schweiz oder auch in Frankreich und in Polen. Letztlich ist es eine Frage der Medienkompetenz, ob ich ein Qualitätsmedium als solches identifizieren kann und ob ich selber merke, ob es eine glaubwürdige Quelle ist, ob handwerklich gut gearbeitet wird und ob ein Medium mir verlässliche Informationen gibt. Oder ob mir das schlichtweg egal ist, weil ich nur eine Echokammer will, die mein Denken bestätigt und dabei nicht von anderen Meinungen belästigt werden möchte. Solche Leute sind schwer zu erreichen für einen guten und der Wahrheit verpflichteten Journalismus. Das war aber immer schon so.

Das ist alt, aber Social Media nicht.

Das Problem ist vielleicht, dass sich diese Leute via Social Media viel schneller organisieren können, aber: Deswegen werden sie nicht unbedingt mehr. Außerdem gibt es inzwischen auch einige gute Initiativen, wie beispielsweise die Grimme-Online-Preisträger #ichbinhier, die auf Facebook mobil machen und kontra geben. Wann immer Fake News als echte News ins Netz gestellt werden, widersprechen solche Initiativen dem, indem sie die Fakten checken und zeigen, was in Wahrheit dahinter steckt. Vielleicht braucht es davon noch mehr. Vielleicht brauchen auch gedruckte Tageszeitungen eine Factchecking-Rubrik. Und vielleicht braucht es mehr aufklärenden Medienjournalismus.

Sie haben die Medienkompetenz angesprochen, sollte diese bereits in der Schule als eigenes Fach vermittelt werden?

Das ist eine zweischneidige Angelegenheit. Zweischneidig deshalb, weil Schüler ohnehin über die technische Kompetenz verfügen. Wichtig wäre jedoch die Stärkung des politischen und gesellschaftlichen Bewusstseins. Diese sollte man innerhalb bestehender Fächer stärken und Schülern beibringen, dass es auch Interaktions- und Partizipationsformen jenseits der Medien gibt. Denn Partizipation ist mehr als eine Facebook-App. Partizipation ist überall: im eigenen Dorf, in einer NGO oder in einer Partei. Wir sollten jungen Leuten gesellschaftliche Teilhabe beibringen. Wenn Medien dabei helfen, umso besser, dann bedeutet politische Kompetenz auch Medienkompetenz, aber diese geht natürlich weit über Medien hinaus.

[Bericht von Antje Plaikner]
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