Google's Charmeoffensive für die digitale Zuk...
 

Google's Charmeoffensive für die digitale Zukunft

Google-Europachef Philipp Schindler diskutiert mit Zeit Online-Chefredakteur Wolfgang Blau über Datensicherheit, Kulturwandel und Apps

Hamburg. Es gibt vermutlich kaum eine charmantere und smartere Gallionsfigur für ein so misstrauisch beäugtes Unternehmen wie Google als dessen Europachef Philipp Schindler. Letzte Woche stellt er sich den kritischen Fragen von Zeit Online-Chefredakteur Wolfgang Blau im Rahmen des Hamburger „Zeit Online Dialogs“. Und wie so oft hat man als Zuhörer danach fast ein schlechtes Gewissen für sein Misstrauen, das man dem Suchmaschinenriesen vor dem Auftritt vielleicht entgegengebracht hat. Diskutiert wurde über Datenschutz und Kulturwandel, über das mobile Internet und Konkurrenz Facebook.

In Sachen Datenschutz gibt sich Schindler gewohnt verständnisvoll „für die Sorgen der Unternehmen“, wenngleich er sie – wen wundert’s – nur begrenzt teile: „Mit Google Analytics wollen wir lediglich die Muster der anonymisierten Benutzerströme analysieren, damit Unternehmen für ihr Onlinegeschäft die richtigen Ableitungen treffen können. Es wird aber nie unser Interesse sein, uns mit diesen Daten individualisiert auseinanderzusetzen“.  Private Fotos und Infos „in die Cloud“ hoch zuladen betrachtet Schindler als weit weniger problematisch als sie zu Hause auf einem lokalen Datenträger wie Digitalkamera oder Laptop zu speichern, denn: „Bei einem Einbruch, haben Sie ein echtes Datenschutzproblem, dann sind die Daten nämlich in der Welt“. Da sei „das eine Bild“ unter den Milliarden verpixelter Bilder auf Google weitaus sicherer.

Wem gehört Google in 30 Jahren?

Das mag stimmen, wenn man heute den Personen hinter Google und ihrem „Don’t be evil“-Motto vertraue, schiebt Wolfgang Blau ein, doch wem gehöre  Google aber in 30 Jahren? Schindler dazu: „Es wäre verheerend für Google, wenn es das Vertrauen der Nutzer verlieren würde, deshalb ist davon auszugehen, dass es einen solchen Schritt nicht machen würde“. Viel gefährlicher bezeichnet er staatliche Übergriffe oder Hackangriffe wie die jüngst aus China. Zwar gehörten Hacks für Google mittlerweile nahezu zum „Standard“, das Unternehmen leiste sich aber die besten Sicherheitsteams, die man sich auf dieser Welt nur leisten kann, beruhigt Schindler.
Eine weitere Front für Google sind die offenen Plattformen. Informationshungrig wie das Unternehmen naturgemäß ist – schließlich liegt seine Vision in der Demokratisierung von Information – hat es an der Entwicklung hin zu geschlossenen Systemen und deren verschiedene Softwareversionen zu beißen. „Geschlossene Systeme sind für den Konsumenten auf Dauer kein idealer Mehrwert. Wir alle können nur von einer offenen, kompatiblen Welt an mobilen Endgeräten profitieren“, so Schindler. Seine Argumentatinskette: Nur ein gratis Open-Source-Betriebssystem wie ein Android könne für viele Apps sorgen, die einen Mehrwert für viele User bieten, was wiederum die Endgeräte günstiger mache und schließlich auch den wirtschaftlichen Interessen der Unternehmen nütze.

Facebook als strategische Bedrohung?

Gegen die Ansammlung von vermarktbaren Privat-Infos in geschlossenen Plattformen wie Facebook hingegen hilft ein Android-Standard auch nicht. Strategisch bedrohlich könnte sich für Google zudem auch die – für die Werbewirtschaft relevante – steigende Verweildauer auf Social Media-Plattformen entwickeln. Laut Nielsen liegt sie auf Facebook bei 7,5 Stunden, auf Google bei 1 Stund 20 Minuten. Doch Schindler weicht gekonnt aus: „Wir befürworten alle Angebote, die die gesamte digitale Welt voranbringen“. Mangelnde Verweildauer wandelte er fluchs in eine Antwort auf den Aggregationsvorwurf der Verlage um: „Wir haben kein Interesse an Verweildauern. Uns geht es darum, die User möglichst zahlreich auf andere Seiten weiterzuleiten“, vier Milliarden Clicks beschere Google so monatlich seinen Verlagspartnern. In Sachen kultureller Wandel in der Medienwelt gibt Schindler letztlich noch einen Rat: „Was sich in der digitalen Welt derzeit abspielt und warum, erschließt sich nicht durch zuhören und nicht durch denken. Diese Dinge muss man persönlich ausprobieren. Die kann man sich nicht mehr erklären lassen“.
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