Götterzorn oder Selbstüberwachung?
 

Götterzorn oder Selbstüberwachung?

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Diese Woche geht´s bei Walter`s Weekly um Big Data, Life Logging und Überwachung

Jeder sein eigener Big Brother Der Rohstoff der Digitalwirtschaft sind Verhaltensprofile. Diese Daten können großen kommerziellen Wert haben. Also sollten wir alle schön brav und folgsam sein, und unser Leben auf Schritt & Tritt aufzeichnen (lassen). Die neuen Geräte von Apple, mutmaßte kürzlich das Magazin „Wired“, zielen auf eine Welt ab, „in der bei jeder unserer Handlungen, ob wach oder im Schlaf, ein Computer anwesend ist.“ Für diese Durchleuchtung gibt es ein funkelndes Spielzeug im Gegengeschäft.

Ein guter Tausch? Wie sollten wir das wissen, wenn wir ohne gründliches Nachdenken eindringliche Technologien freiwillig in unsere Leben lassen?

Jedenfalls gedeiht die Bereitschaft zur Selbstüberwachung: Die einen zeichnen ihr gesamtes Leben auf („life logging“), die anderen treiben sich mit Fitness-Tracker oder Trainer an; die einen überwachen ihren Schlaf, andere checken fortwährend ihren Gesundheitszustand. Gleichzeitig wächst die Lust, die Mitmenschen bis in die Gedankenwelt hinein zu kontrollieren.

Beispiel: Bei den diesjährigen Big Brother Awards in Bielefeld wurde in der Kategorie Technik die geplante „Hello Barbie“-Puppe von Mattel ‚ausgezeichnet’. Das Besondere an diesem Spielzeug ist, dass es mit Mikrofon, Speicher- und Funkkapazität ausgestattet ist. Das Kindergebrabbel wird von der Partnerfirma Toytalk gespeichert und analysiert, auf dass die Puppe zurückreden kann. Wollen wir künftig mitmenschlichen Kontakt grundsätzlich minimieren?

Was für das Kind gut ist, soll für uns Erwachsene nur recht sein. Ein Team an der University of Sussex in Brighton hat ein TV-Gerät entwickelt, das via Ultraschall-Lautsprecher bestimmte Zonen auf der Hand mit einem Luftstrahl anbläst, um Emotionen auszulösen. Sogar Geschmackseindrücke können auf diese Weise suggeriert werden.

Gefühlsausbruch auf Knopfdruck aus der Konserve! Da können wir uns dann völlig vom unberechenbaren Leben zurückziehen und unsere Tage geschützt in der digitalen Matrix verbringen. Währenddessen passt unser smartes Haus auf uns auf und überwacht unsere Vitalfunktionen. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat ein drahtloses Sensorgerät namens Vital Radio entwickelt, das Atemfrequenz bzw. Puls ferngesteuert überwacht. Und automatisch Alarm ausgelöst wird, falls beim ultra-realistischen Horrorfilm vor Schreck die Pumpe aussetzen sollte.

In dieser Welt braucht es keinen Big Brother-Überwacher mehr: Wir überwachen uns selbst. Langfristig wird jeder noch ängstlicher werden. Das normale Leben wird zunehmend unerträglich erscheinen. Wenn es früher die Ernte verhagelte, gaben wir den unberechenbaren Göttern die Schuld. Heute machen wir uns für alles, was auf diesem Erdenrund passiert, selbst verantwortlich. Kein Wunder, dass die psychologischen Sicherungen reihum durchschmoren.

Einst sandte Zeus mahnende Donnerblitze aus der Wolke – heute ist es ein digitaler Befehl von der Serverfarm. Ehrlich, da sind mir die alten Götter lieber...

Quellen:

http://www.ocregister.com/articles/information-659351-technology-privacy.html

http://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-3059349/Forget-3D-future-TV-9D-Technology-uses-sight-sound-smell-touch-five-tastes-toy-emotions.html

http://www.wired.co.uk/news/archive/2015-04/28/smart-home-monitor-breathing-heart-rate

https://bigbrotherawards.de/2015/technik-hello-barbie


Internet lässt Energiekonsum explodieren

Allein im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Internet-Übertragungsgeschwindigkeit ver50facht(!).Die Glasfaserkabel sind bereits vollständig ausgelastet. Die Infrastruktur auszuweiten, wäre ziemlich teuer (wer zahlt?).

Immer datenaufwändigere Anwendungen wie Videos oder gar Broadcasting reizen das Net bis zur Maximalkapazität aus. Für den Boxkampf zwischen Mayweather und Pacquiao hätten Live-Zuseher 100 Dollar zahlen müssen. Stattdessen gab es illegale Übertragungen mittels Apps wie Meerkat oder Periscope. Die Bild- und Tonqualität war lausig, aber für jene, die einfach Dabeisein wollten, reichte es offensichtlich.

Nicht bloß die Net-Kapazität ist überlastet. Die Prognose, die Digitalwirtschaft würde ökologischer sein (Bits statt Atome), ist völlig in die Hosen gegangen. Datenübertragungen und –speicherungen plus Geräte wie PC und TV brauchen bereits jetzt schon zwischen 8 und 16 Prozent der produzierten Energie. Da aufgrund von Online-Videos der Datenaufwand Jahr um Jahr um 25 bis 30 Prozent explodiert, prognostiziert Andrew Ellis, Professor für Optische Kommunikation an der Aston University, dass bis 2035 das Internet theoretisch die gesamte verfügbare Energie des Landes konsumieren könnte!

So viel zusätzliche Energie kann nicht einfach erzeugt werden. Also wird früher oder später die Internetnutzung ähnlich dem Stromverbrauch gemessen und verrechnet werden. Das Limit könnte binnen acht Jahren erreicht sein. Ist das Problem bis dahin nicht gelöst, wird der Netzugang teuer werden. Dann könnte es eines nicht allzufernen Tages heißen: Elektroauto oder Internet?


Quellen:

http://www.telegraph.co.uk/news/science/11580307/Internet-rationing-needed-as-UK-cannot-keep-up-with-demand.html

https://theconversation.com/periscope-live-streaming-could-turn-the-tables-on-the-rise-of-video-on-demand-41055

http://www.theverge.com/2015/5/3/8539483/periscope-made-it-easy-to-watch-the-mayweather-pacquiao-fight-for-free


Eigene Medien als Content Marketing

Aus der einstigen Unternehmensbroschüre sind heute Blogs bzw. Beiträge auf Sozialen Medien geworden. Einige Marken wollen einen Schritt weiter gehen und echte Medien aufbauen. Etwa das neu gegründete US-Unternehmen Casper, das Matratzen herstellt. Sie wollen zwecks Markenaufbau eine spezialisierte Web-Publikation zum Thema „Schlaf“ gründen. Angesichts verbreiteter Schlafdefizite keine schlechte Idee.

Finanziert werden Aktivitäten dieser Art durch eingesparte Medienwerbung. Die Idee: Warum für angeheuertes Publikum bezahlen, wenn ich mir selber eines aufbauen kann. Regelmäßig spannende Inhalte zu liefern, ist in der Praxis nicht so einfach; aber anscheinend reizt zur Zeit diese Vision. Ein in Richtung Männerverwöhnung positionierter Händler namens Dollar Shave Club plant ebenfalls, Lifestyle-Fragen auf journalistischem Niveau abzuhandeln.

Airlines probieren es auch schon zum x-ten Mal mit Literatur. United Airlines bieten seinen Erste-Klasse-Kunden ein gehobenes Leseerlebnis, nämlich Essays von bekannten Autoren zum Thema Fliegen, gesammelt in einem Magazin namens „Rhapsody“.

Im Bereich Business-to-Business gab es Initiativen dieser Art bereits. Wie weit Konsummarken den viel kapriziöseren Endverbrauchermarkt, der ohnehin in einer Flut von Nachrichten- und Unterhaltungsangeboten ertrinkt, über eigene Medien erreichen können, wird sich weisen. Je besser definiert die Zielgruppe und je nützlicher die Berichterstattung, umso eher wird sich ein regelmäßiges Publikum einfinden.

Quelle:

http://blogs.wsj.com/cmo/2015/05/04/dont-sleep-on-content-marketing/?mod=trending_now_2

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