Globale Zeichensprache
 

Globale Zeichensprache

#

Diese Woche geht´s bei Walter`s Weekly um Emojis, das Ende von Google+ und um blockierte Pornoseiten

Vom Text zur Hieroglyphe 

Dass die Zwergentastatur auf Handys dazu verleitet, Worte abzukürzen und Symbole einzusetzen, ist klar. Weniger offensichtlich ist, warum die japanischen Emojis (=Bildzeichen) die Welt erobern. Sogar Werke der Literatur – „Alice in Wonderland“ und „Moby Dick“ – sind bereits in diese gelben Hieroglyphen übersetzt worden. Nun soll sogar ein Hollywoodfilm in Bildsprache kommen (im Studio Sony Pictures, mit dem Regisseur Anthony Leondis, der die erfolgreichen Kung Fu Panda-Filme dirigiert hat). Ist die Ursache zunehmende sprachliche Einsilbigkeit?

Oder ist das Emoji Ausdruck von Medien mit globaler Reichweite, die eine universelle Sprache brauchen? Es gibt eine Website, die den Einsatz von Emojis auf Twitter in Echtzeit verfolgt (emojitracker), gereiht nach der aktuellen Beliebtheit. Spitzenreiter ist ein Gesicht mit Tränen. Und das sind nur die offiziellen Twitterdaten – im Privaten werden die Signalbilder noch viel hemmungsloser eingesetzt.

Eine Befragung in den USA bestätigt, dass drei Viertel der Amerikaner Emojis in ihrer digitalen Kommunikation einsetzen. Eine aktuelle Studie in Großbritannien kam zu dem Schluss, dass 80 Prozent eifrige Nutzer der Bildchen sind.

Eine umfangreiche und detaillierte Erhebung von SwiftKey untersuchte den globalen Einsatz der Bildersprache. Dabei zeigten sich auffällige geographische Vorlieben. Natürlich ist das lächelnde Gesicht das weltweit begehrteste Symbol. Aber ansonsten gibt es auffällige Unterschiede: Pizza (als Symbol für Essen) wird nirgendwo so oft eingesetzt wie in Kanada. Amerikaner mögen Bilder, die Technik, königliche Insignien sowie Melanzani zeigen. In Frankreich verschickt man am liebsten Herzbildchen, in Russland küssende Paare und Lippenstift. Der Australier beliebtestes Tier sind Hasen, Araber bevorzugen Kamele. Am seltensten verwendet werden Symbole für Buch und Tageszeitung [:=((]

Angefangen hat der Trend mit einer Handvoll von Emojis, die primär ein Gefühl ausdrücken sollten. Der Einsatz hat sich aber massiv ausgeweitet, so weit, dass die gezeichneten Bilder mittlerweile als Teil der Arbeitsplatzkommunikation akzeptiert werden. Hier werden Emoticons als Hinweis eingesetzt, auf welche Weise eine Botschaft gelesen werden soll. Der vordringlichste Wunsch laut einer US-Umfrage scheint zu sein, mögliche negative Interpretationen abzufedern.

Nachdem sich die Hieroglyphenkommunikation so rasant ausbreitet, möchte man fragen: Sind Emojis eine Sprache? Eine Sprache verlangt formelle Regeln, mit deren Hilfe man die Grundsubstanz (Worte) in neue Gebilde (Sätze) umformen kann. Das ist hier nicht der Fall. Mit Emojis lassen sich kaum komplexe Gedanken bzw. abstrakte Ideen nachvollziehbar ausdrücken, ergo kann ihnen der Rang einer Sprache nicht zugeschrieben werden.

Sie spielen eher die Rolle, die Intonation oder Gesten in einer Rede haben. Ohne den Kontext einer etablierten Sprache bleiben Emojis unverständlich. Ausbreiten werden sie sich dennoch, ihrer universellen Signalfunktion wegen. Die grassierende Konzentrationsschwäche und verbreitete Lesemüdigkeit spielen wohl auch eine Rolle dabei...

Quellen:

http://deadline.com/2015/07/emoji-movie-sony-pictures-animation-anthony-leondis-kung-fu-panda-secrets-of-the-masters-1201482768/

http://swiftkey.com/en/blog/americans-love-skulls-brazilians-love-cats-swiftkey-emoji-meanings-report/

https://theconversation.com/emojis-have-hit-hollywood-and-thriller-or-rom-com-theyll-take-it-by-storm-45405

http://www.emojitracker.com/

https://theconversation.com/no-the-rise-of-the-emoji-doesnt-spell-the-end-of-language-42208

http://www.theatlantic.com/business/archive/2015/05/why-emoji-are-suddenly-acceptable-at-work/393191/

http://www.nzz.ch/meinung/blogs/uebermorgen/1140/2015/08/04/bestellen-sie-ihr-essen-per-emojis

Manche Dinge lassen sich nicht erzwingen...

Eine der seltenen, ausgeprägten Niederlagen des Suchmaschinenmonsters: Google Plus gibt auf. Ursprünglich gedacht als Facebook-Rivale, war Google+ das Ende einer längeren Reihe kleinerer Fehlschläge, deren Ziel war, am Phänomen der Sozialnetzwerke teilzuhaben. 2011 wollten sie die Sache wirklich ernsthaft angehen, nachdem nicht mehr zu leugnen war, dass Facebook wuchs wie Schimmelpilz in einem feuchten Keller. Es war nicht bloß die gigantische Zahl an Usern – Facebook verfügt über persönliche Daten, die Google nicht hat. Furcht kam auf, dass wichtige Angestellte abwandern würden (war der Fall) und dass Facebook Werbegelder umleiten würde (in der Tat).

Exakt vier Jahre währte der Traum von der eigenen Sozialplattform, die dem Facebook-Kontinent mit seinen 1,4 Milliarden Bewohnern Konkurrenz machen könnte. Doch jede Menge Geld, Personal, PR, Technik und die Kraft des Markennamens konnten die Webbevölkerung nicht motivieren, überzuwechseln – Facebook blieb der bevorzugte Treffpunkt.

Google+ ist Geschichte; man muss nicht länger einen Account besitzen, um Google-Produkte zu benutzen. Statt einem Sozialnetzwerk gilt der Fokus nun einzelnen Produkten wie Foto-Apps.

Quelle:

http://mashable.com/2015/08/02/google-plus-history/

...und manchmal ist die Politik stärker

Die „Hindustan Times“ berichtete kürzlich, ein Erlass wäre von der indischen Regierung an die Internet Service Provider ergangen, den Zugang zu Websites zu blockieren, die „unsoziale Aktivitäten“ propagieren. Konkret ist über 800 Pornoplätzen der Zugang zum indischen Markt eingeschränkt worden, zumindest für Gratisangebote.

Anlass für den Vorstoß war eine Petition an den Obersten Gerichtshof, die argumentierte, Pornographie wäre ein ‚Verbrechen gegenüber Frauen’. Die Richter zeigten Sympathie für diesen Blickwinkel, gaben aber kund, dass sie keinen gesetzlichen Bannfluch aussprechen könnten, da dies der im Grundgesetz festgehalten individuellen Freiheit widersprechen würde.

Die Politik kann allerdings Druck ausüben. Wer jetzt innerhalb Indiens einschlägige Adressen ansteuert, ruft eine weiße Seite auf oder erhält eine offiziell klingende Nachricht, dass diese URL von der Regierung blockiert wurde. Über private Netzwerke (VPNs) sind sie allerdings noch zugänglich.

Es hat viele kritische Stimmen gegeben und man wirft der Regierung ein Überschreiten ihrer legitimen Autorität vor. Andererseits ist es ein krasser Minderheitenstandpunkt, dass Redefreiheit allen anderen ethischen Erwägungen vorgelagert sein soll. Dass Kinder und Jugendliche praktisch ungehinderten Zugang zu Porno haben, wird auch im Westen kritisiert. Bloß sind bei uns die Pornographen so gut etabliert, dass sie auch einer Mehrheitsmeinung trotzen können. In den USA fällt das halbe Land in Ohnmacht, wenn ein nackter Nippel am Fernsehbildschirm erscheint; gleichzeitig unterhalten sie die größte Pornoindustrie der Welt. Wenn Heuchelei eine gewisse Profitabilitätsschwelle erreicht, erscheint sie gesellschaftlich etabliert...

Quelle:

http://www.theverge.com/2015/8/3/9088895/india-blocks-porn-sites

[Walter Braun]
stats