Geiler Scheiss!
 
Johannes Brunnbauer
Medientage 2015 Tag1 am WU Campus, am 22.09.2015 | (c) Medientage/Brunnbauer
Medientage 2015 Tag1 am WU Campus, am 22.09.2015 | (c) Medientage/Brunnbauer

Österreichische Medientage, diesmal total digital; „Die neuen Fernsehmacher“ mit Studio71 der ProSiebenSAT.1 und freemantle.tv (UFA/RTL Group): YouTube Stars sind nicht für´s TV, aber TV und YouTube machen YouTube-Stars perfekter – auch für die Werbung, pardon: Content-Ads.

„Geiler Scheiss“! Die neuen TV-Macher sollte Ex-News-Chefredakteur und ORF-Im-Zentrum gestählter Moderator Peter Pelinka moderieren – allein, Pelinka blieb es vorbehalten, drei Referenten anzusagen. Und die wirbeln Bild+Sprach+Zahlengewaltig sich mitreissend und mit Selbstbewusstsein jede Zeitvorgabe überziehend in einen derart unstoppbaren selbstreferentiellen Wirbel, sodass Moderator Pelinka nach einer Tour de Force der „neuen Fernsehmacher“ nurmehr fragen kann: „Was das für gesellschaftliche Implikationen hat, können wir nun nicht mehr diskutieren!“ (Und denkt sich wohl dabei, beim ORF hätt´s das nicht gegeben! Zeit überziehen und dann die Diskussion einfach canceln…).

Aber Pelinka ist routinierter Profi, weiß den Ausgang zu finden: Nix „gesellschaftlich…“ – das nachdrängende Panel, das Host Michael Himmer ankündigt, sind die TV— und TV-Online-Vermarkter, da findet Pelinka den Übergang vom „Gesellschaftlichen“ zum, nun ja: Realen. And that is Money. Also, die neuen Fernsehmacher sind fast die Alten, nur richten sie ihre Professionalität auf Dich und mich und Sie – wenn wir denn ins Bild wollen, und, ja, „Geilen Scheiss“ machen-sagen-rülpsenundsoweiter… .

Dreimal: Geiler Scheiss

Was also machen die „neuen Fernsehmacher“? ProSiebenSAT.1 und freemantle.tv, beide aus dem Fleisch der Privatsender der „ersten Generation“ in Deutschland, haben die „YouTuber“ entdeckt – und produzieren, unterstützen und – vor allem – monetarisieren Menschen der „Millenial-Generation“, die ihre Freuden, Leiden und Entdeckungen in Videobeiträgen auf YouTube darstellen. Das findet, dem Netz und globalisierter Entertainment-Bedürfnisse folgend, ein Millionenpublikum. Und die „Stars“ aber auch Sternchen, die via YouTube abgerufen werden, zu professionalisieren und vor allem monetarisieren, das haben die beiden privaten TV-Giganten entdeckt: Fabian Siegismund und Sebastian Weill erläutern die Strategie des jüngst von der SOM ins Leben geworfenen „Sudio71“, das „für einen globalen Markt“  sogenannte „Contract Creation“ ausführt (Siegismund) – soll heissen: „Wir fördern, unterstützen und promoten YouTuber“ – Nachsatz: „Wir führen sie an Content-Produktion für Markenartikler heran“.

CokeTV, wird Kollege Sebastian Weil erläutern, sei so ein Beispiel: Der Brausewasser-Gigant hat einen YouTube-Kanal, die flotten Junges (und hoffentlich auch Mädchen, die kommen jedenfalls in den Bildern sehr wohl vor) von Studio71 erhielten den Auftrag, mit professionellem TV-Know-How den Coke.TV-Kanal auf YouTube zu bespielen: Das Konzept heißt schlicht „Wünsche erfüllen“, in hochauflösenden Bildern rasen Menschen – Tempo scheint das Gebot der „Millenials“ zu sein – zu Wasser, Land und Luft durchs Bild und jauchzen. Die Coke in der Hand. Voilá. Und, den „Geilen Scheiss“ schauen, darf den Klickraten getraut werden, Millionen (oder, vielleicht andersrum: Viele probieren es mehrfach, aber, im Jargon: Scheiss drauf).

Schließlich Jens-Uwe Bornemann, freemantle.tv: Der spricht von „Content Verticles“, die die UFA-RTL-Tochter für und mit YouTubern entwickelt: Die „Millenials“, gibt Bornemann mit großem Bildaufschlag zu Protokoll, sind „die kommende Generation. Sie nutzen täglich rund 6,6 Stunden Medien, und sind 3,8 Stunden Online, und das auch mobil“ – auch und vor allem bei YouTube. Freemantle.tv hat, eher als Nebenprodukt, das Food-Format „Munchies“ entwickelt – das kann man nur ansehen, um es – nicht zu begreifen. Aber zu verstehen: Wer sich das ansieht, dem ist nicht langweilig (denn es ist langweilig). Aber, zurück zum Format „Munches“: Das ist eine Ausnahme, sagt Bornemann, denn das YouTube-Format wird mittlerweile auch im linearen TV gezeigt – aber das sei gar nicht das Ziel, via internetfähigem  Smart-TV könne das „food-vertical“ ohnedies jederzeit auch mit oder neben dem TV abgerufen werden.

Bleibt die Plattform-Frage: die Studio71-Leute wissen natürlich, dass YouTube bei jeder Montarisierung mitschneidet – aber Produktion für YouTuber in TV-Qualität zählt da mehr – und ausserdem gibt´s da ja myvideo.de aus der SOM-Familie.

Dem Beobachter fällt nur auf: Das Privatissimum der Ichlinge (die eben nun „Millenials“ genannt werden), „entertaint“ sich selbst und zeigt es her – und scheint auch gesehen zu werden. Ob´s TV ist, was soll´s – es geht um Production- und Advertising-Value. Gaaanz lieb. Pelinka jedenfalls scheint froh zu sein, dass er nicht mehr den Geschwindigkeitsrausch der Millenials, ähem, diskutieren musste. Wäre auch sinnfrei wie die Fahrt in der Hochschaubahn. Könnte aber als Promotion respektive Content-Vehicle durchaus wirken.
Medientage 2015 Tag1 am WU Campus, am 22.09.2015 | (c) Medientage/Brunnbauer
Johannes Brunnbauer
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