Ganz allein in meiner Welt
 

Ganz allein in meiner Welt

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk

Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um die Auswirkungen von "Alles digital", Werbeunterdrückung und die Kundschaft von Facebook

Digitale Spätfolgen

Auf seiner aktuellen USA-Reise hat der Papst eine unerwartete Folge des Lebens in der Digitalwelt thematisiert: „Die heutige Kultur scheint die Menschen zu ermutigen, sich auf nichts und niemanden einzulassen. … Heutzutage bestimmt Konsumerismus, was wichtig ist.“ Die Folge: eine „grundlegende Einsamkeit“.

Alles bloß ein vorübergehender Lerneffekt? Bereits 1998(!) studierten Forscher von der Carnegie Mellon Universität die Internetauswirkung auf das Sozialverhalten. Ihr ernüchternder Schluss war: Das Web produziert Einsiedler. Seither ist die Zahl der Singles (und parallel dazu der Haustiere) geradezu explodiert. Obwohl dieser Mechanismus seit eineinhalb Jahrzehnten bekannt ist, zeigt sich noch kein reiferer Umgang mit Sozialmedien.  Die Meidung von mitmenschlichen Kontakten wird mittlerweile sogar ausgelobt. Online-Einkaufen war bloß der Anfang. Jetzt tauchen vollautomatisierte Restaurants auf. Demnächst fahrerlose Taxis usw. Das Versprechen: Du kannst total abgekapselt leben und Dir einbilden, Du wärst ein Minigott, der niemanden braucht. Das war schon Sherry Turkle in ihrer Untersuchung “Alone Together“ (2011) aufgefallen: Viele der von ihr Befragten bevorzugten die Fantasiewelt einer Digitalgemeinschaft, weil sie so furchtbar von den realen Menschen enttäuscht waren.

Das Gefühl, so toll und besonders zu sein, ist natürlich Einbildung. MIT-Wissenschaftern ist es gelungen, mit nur 4 Stück anonymer Information die individuellen Einkaufsmuster von 90 Prozent der Leute zu kalkulieren. Von wegen individuell.

Hier sechs weitere, nicht so häufig diskutierte Auswirkungen von Alles-digital:

  • Die angekündigte Bildungsrevolution durch IT hat sich als Rohrkrepierer erwiesen. Ein aktueller OECD-Bericht kommt zu dem Schluss, dass die ganzen IT-Investitionen keine messbare Verbesserung bei den Noten oder im Wissenstand gebracht haben. Ferner ermutig das Net eine oberflächliche Wissensaneignung, der Zusammenhänge verborgen bleiben. Die Gedächtnisleistung ist viel schwächer als bei früheren Generationen, und die Konzentrationsfähigkeit der Studenten ist in den Keller gerasselt. Die Lesefähigkeit nimmt verkehrt proportional zur Computernutzung ab.

  • Durch den globalen Handel und das Web öffnen wir die Tore für eine Vielzahl von Einflüssen. Wir besitzen keine kulturelle Feinwaage, um Wert und Unwert dieser Angebote verlässlich abschätzen zu können. Was zu auffallend launischem Verhalten führt, das von einem Angebot zum anderen torkelt, immer vom Gefühl begleitet, etwas zu verpassen.


  • Fomo (fear of missing out) ist mittlerweile als echte Angstquelle identifiziert worden. Eine Begleiterscheinung ist Selbstberuhigungskonsum, der – etwa im Falle des zwanghaften Kaufs von billigen Modefetzen – zu Wegwerfkonsum ausarten kann.

  • Ferner führt die 24/7-Natur des Net zu einer Beschleunigung von Allem, inklusive eingeschleppter Wirtschaftskrisen. Völlig unerwartete Ereignisse („schwarzer Schwan“) sind von ausgemachter Seltenheit zu einem fixen Phänomen aufgestiegen.

  • Eine weitere Folge der Digitalisierung ist die Entwicklung einer „Auf-der-Stelle“-Wirtschaft, in der jede Nachfrage sofort befriedigt werden muss. Wiederum dieselbe Nebenwirkung, die bereits die Globalisierung mit sich gebracht hat: Wenige Gewinner, viele Verlierer. Oben drängt sich eine kleine Gruppe von rundum verwöhnte Neuaristokraten, darunter ein großes Heer von Arbeitstätigen, die im Grunde den Status von Dienern haben. Beispiel die Plattform 99Designs, wo Auftraggeber ihren Bedarf anmelden, worauf ein oder zwei Dutzend Designer Entwürfe abliefern – der Kunde wählt eines aus, der Rest schaut durch die Finger. Eine Lotterie-Ökonomie!? Auf jeden Fall eine dauerhafte Preistendenz nach unten.


  • Das Apps-gesteuerte Leben verspricht Empowerment und erhöhte Kontrolle – bloß muss draußen dann ein Heer von Menschen auf anonyme Funktionen reduziert werden. Online sind wir alle nur ein Alias. Was sich bis ins Dating-Verhalten hineinzieht: Man vereinbart Treffen so einfach, wie man sie grundlos wieder absagt. Alles Launen-getrieben. Der Mitmensch wird zunehmend verdinglicht.

  • Ferner breiten sich Propaganda und Falschmeldungen aus. Eben ist in Spanien eine professionell betriebene Propagandamaschine aufgeflogen. Über 100 gefälschte Twitter-Profile haben gut 41.000 Tweets versandt, deren Zweck es war, eine politische Partei, eine Tageszeitung sowie das angeschlagene Königshaus zu unterstützen. Twitter ist zum wichtigsten politischen Forum der Welt aufgestiegen. Kontrolle? Keine...



Lesetipp: „Cyberkrank!“, von Manfred Spitzer, Verlag Droemer, kommt demnächst auf den Markt.

Quellen:

http://motherboard.vice.com/en_uk/read/the-royal-spanish-botnet-army
http://www.digitaltrends.com/social-media/social-media-overuse-teen-anxiety/
https://www.newscientist.com/article/dn28201-is-the-digital-learning-revolution-a-waste-of-money/http://www.oecd.org/education/school/Students-Computers-Learning-Making-the-Connection-Infographic

http://venturebeat.com/2014/12/07/internet-marketplaces-have-turned-human-beings-into-commodities/https://medium.com/the-wtf-economy/the-shut-in-economy-ec3ec1294816
http://www.thenation.com/article/speed-kills/

Update: Werbeunterdrückung


Zwei Tendenzen zeichnen sich ab:

(i) Die Vermeidung von Werbung mit Hilfe von spezieller Software wird zunehmen, wenn Medienkonsum sich aufs Handy verlagert. Einer aktuellen Umfrage zufolge setzte die Hälfte bereits Werbeblocker ein und 52 Prozent planen, ihr iPhone damit auszurüsten.

(ii) Die Anzahl gefälschter Klick-Abrechnungen ist einfach zu groß. Laut einer Aufdeckergeschichte auf Bloomberg gehen 11 Prozent der Ad Impressions bei Anzeigen auf Softwareprogramme („bots“) zurück. Im Falle von Werbung in Videos beträgt diese Rate 23(!) Prozent. Am häufigsten spielt sich der Werbebetrug in den Bereichen Geld, Familie und Nahrungsmittel ab.

Fazit: An der üblen Lage sind wohl die Mediaeinkaufsagenturen schuld, deren schäumende Begeisterung für Programatic das Web mit Anzeigen zugemüllt hat. Diese automatisch zugeteilte Werbung bringt werbeabhängigen Inhalteproduzenten aber herzlich wenig, da sie schlecht bezahlt ist (TKP im einstelligen Bereich!). Die Kombination aus zunehmender Werbeverweigerung plus gefälschte Klickzahlen wird die Lage für Verleger im Digitalbereich vorläufig weiter verschlechtern, ehe sich neue Wege, Kundeninteresse/-treue in bare Münze umzuwandeln, etablieren.

Quelle:

http://www.mondaynote.com/2015/09/27/adblockers-the-only-way-out/
http://www.bloomberg.com/features/2015-click-fraud/

Was Facebook aus seinen Kunden herausholt

Erstaunlicherweise verdient FB mit der US-Kundschaft um Häuser mehr als in anderen Ländern: In Amerika generiert die Sozialplattform pro User und Jahr 48 Dollar Werbeumsatz. In der restlichen Welt sind es nicht einmal 8 Dollar. Laut Prognose der Marktforschungsfirma eMarketer geht dieser Trend rasant weiter. Im Jahr 2017 könnte Facebook deutlich über 70 Dollar pro aktivem Account in den USA zu machen.

In den übrigen Ländern steigt bis dahin der Werbeumsatz gerade einmal auf knapp über 10 Dollar. Der globale Durchschnittswert sollte sich dann auf 17 Dollar pro Kunde belaufen. Nicht übel bei knapp 1 Milliarde Mitgliedern. Dabei ist das Tochterunternehmen Instagram noch nicht miteingerechnet. Im kommenden Jahr sollte hier der Umsatz aus mobiler Werbung circa 1,5 Milliarden Dollar einfahren.

Quelle:

http://www.telegraph.co.uk/technology/facebook/11891353/How-much-money-do-you-make-for-Facebook.html

[Walter Braun]
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