Forentrolle haben häufig Namen
 

Forentrolle haben häufig Namen

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Wolfgang Rosams Initiative "Die Meinungsmutigen" für die Abschaffung der Anonymität im Netz findet prominente Unterstützer, aber auch viele Kritiker. Denn eine Pflicht zu Klarnamen würde nicht automatisch das Posting-Niveau heben, sagen sie.

Inspiriert vom Christian Rainers Leitartikel „Shitstorm stinkt“ griff Wolfgang Rosam, Gründer der Agentur Rosam Change Communication und Herausgeber des Magazins Falstaff, selbst in die Tasten. Mit den Worten „Das Maß ist voll!“ wetterte der umtriebige PR-Mann über die „unerträglich gewordenen ­Beleidigungen, Untergriffe und persönlichen Angriffe“, die anonyme Poster tagtäglich in den Onlineforen der heimischen Medien veröffentlichen. Über die starke Resonanz dieser Presseaussendung, in der Rosam den Start seiner Initiative „Die Meinungsmutigen“ ankündigte, wunderte sich der Kommunikationsprofi dann selbst. Claus Pándi, Innenpolitik-Ressortchef der Kronen Zeitung, sicherte Rosam seine Unterstützung zu und schrieb in der Krone vom 16. Mai: „Bei aller Konkurrenz ­zwischen den Mitbewerbern auf dem Medienmarkt besteht bis auf ganz wenige Ausnahmen (etwa ein sogenanntes Qualitätsblatt) völlige Einigkeit, dass mit der Anonymität im Netz Schluss sein muss.“


‚Klarnamen werfen Fragen auf‘
Die Gleichung „keine Anonymität ergibt null Hasspostings und Shitstorms“, so wie dies Pándi und auch Rosam suggerieren, geht aber leider nicht auf. Dies bestätigt Gerlinde Hinterleitner, die Geschäftsführerin des in Pándis Kolumne angesprochenen Mediums, nämlich derstandard.at. Gegenüber HORIZONT meint sie: „Das Einführen von Klar­namen wirft in erster Linie viele Fragen auf und führt nicht automatisch zu einem höheren Diskussionsniveau.“ Zu sehen sei dies auf vielen Facebook-Seiten oder auch in Twitter-Diskussionen. Dort diskutiert zumindest die überwiegende Mehrheit mit jenem Namen, der auch im eigenen Taufschein steht. Ingrid Brodnig, Leiterin des Falter-Medienressorts, findet den Zeitpunkt für den Start der „Meinungsmutigen“ deshalb etwas „skurril“, weil sie offenbar als Reaktion auf Shitstorms ins Leben gerufen wurde, die von Facebook ausgegangen sind. „Gerade Facebook steht für Klarnamen im Netz – ­Facebook hat dieses Thema auf das Tapet gebracht“, betont Brodnig im ­HORIZONT-Gespräch. Spätestens seit der Präsentation ihres Buches „Der unsichtbare Mensch – Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert“ gilt die Journalistin als Expertin für Anonymität im Web. „Auf der Facebook-Seite ‚Nein zu Conchita Wurst beim Song Contest‘ posten User unter ihrem realen Namen unglaubliche Dinge“, bringt Brodnig ein aktuelles Beispiel. Ähnliches sei bei der Aufregung um die Ö3-Moderatorin Elke Lichtenegger zu beobachten gewesen. „Das zeigt, dass einige User keine Scheu haben, Hasspostings auch unter ihrem richtigen Namen zu veröffentlichen.“ Ihr Schluss: „Anonymität ist nicht der einzige Grund, warum Menschen online aggressiv und enthemmt sind.“

Moderation hilft

Doch was tun gegen die widerwärtigen Beiträge aggressiver Forentrolle? Brodnig rät: „Eine bessere Moderation ist der wichtigste Schritt, um online den Ton zu verbessern.“ Zeit Online oder auch die New York Times sowie der Guardian würden dies vorexerzieren. „Anstatt ­unter einem Artikel nur auf die Mög­lichkeit hinzuweisen, hier einen ­Kommentar abgeben zu können, könnte man auf den Inhalt des Artikels bezogene Fragen stellen und die User auch nach ­ihren eigenen Erfahrungen ­fragen“, meint die Buchautorin und kritisiert: „Viele Medien sehen Foren als Möglichkeit, ohne viel Aufwand zu Klicks und damit Werbegeld zu kommen.“ Dies sei ein grundfalscher Ansatz. „Negative Kommentare können die Medienmarken selbst beschädigen“, warnt Brodnig.
Die Verpflichtung zu Klarnamen berge auch ein Problem, betont Brodnig: „Die Beiträge sind auch noch nach Jahren über Google auffindbar und können damit mit dem Autor in Ver­bindung gebracht werden.“ Gerlinde ­Hinterleitner kennt noch viele andere Probleme, die eine Klarnamen-Pflicht nach sich ziehen würde. So hätten etwa Personen, die einen häufigen Namen tragen – wie etwa Franz Huber – Probleme, wenn sich ein anderer Franz Huber unter seinen Namen schon vorher registriert habe. Auch sei es kaum zu verhindern, dass User unter „falschen“ Klarnamen posten. Ein falsches Profil sei mithilfe einer Prepaid-SIM-Karte und einer Trashmail-Adresse binnen Minuten eingerichtet. Die Überprüfung der vom User gemachten Angaben sei extrem schwer zu bewerkstelligen. Bei derstandard.at selbst kann man im Übrigen nicht wild drauflos posten. Hinterleitner: „Wir haben schon vor langer Zeit eingeführt, dass nur User mit einer verifizierten E-Mail-Adresse posten können und wir damit jederzeit mit ­unseren Usern in Kontakt treten und sie gegebenenfalls ausforschen lassen ­können.“ Die User von derstandard.at würden demnach gar nicht mehr anonym posten, „sondern unter einem Pseudonym, da wir als Medium sie ja kennen“, betont Hinterleitner.

tt.com verlangt Klarnamen
Die Tiroler Tageszeitung hat für ihre Onlineplattform tt.com im Jahr 2011 Klarnamen eingeführt. „Dieser Schritt war damals sehr unkonventionell, und ich erinnere mich an so mache verwunderte Reaktion von Branchenkollegen“, meint Moser-Holding-Chef Hermann Petz gegenüber HORIZONT. Und wie hat sich dieser Schritt ausgewirkt? „Die Zahl der Postings ist um etwa 50 Prozent zurückgegangen und verbleibt jedenfalls unter dem Niveau der Zeit vor der Klarnamen-Anforderung“, so Petz. Allerdings seien die Diskussionsbeiträge qualitativ deutlich besser geworden und Eingriffe durch die Redaktion nur noch äußerst selten notwendig.

Doch wie begegnet die TT dem Problem, dass sich User unter falschem Namen registrieren? Ein Account, der nicht mit einem TT-Abo verknüpft ist, gilt automatisch als Gast-Account, erläutert Petz. Wortmeldungen von diesen Konten müssen erst von der Redaktion freigeschaltet werden. „Somit wird es wohl kaum gelingen, als Hermann Petz im Forum zu kommentieren, ohne den Nachweis erbracht zu haben, Hermann Petz zu sein“, bringt der Moser-Holding-Chef ein Beispiel. Lediglich Beiträge von Abo-Usern werden von der TT-Redaktion erst im Nachhinein geprüft und dann gelöscht, wenn sie den allgemeinen Postingregeln widersprechen. Petz selbst begrüßt Woflgang Rosams Initiative jedenfalls. Denn: „Klarnamen können zu einer Versachlichung der Debatte führen.“

VÖZ: ‚konsequent moderieren‘
Eigentlich ist es nicht ganz richtig, von Wolfgang Rosams Initiative zu sprechen. Denn Rosam hat diese Initiative dem Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) übergeben. Zu dieser „Übergabe“ meint VÖZ-Geschäftsführer Gerald Grünberger: „Wir verfolgen die Privatinitiative von Wolfgang Rosam mit großem Interesse. Unserem Verband ist die Problematik der anonymen Postings seit mehr als fünf Jahren Thema unterschiedlicher Diskussionen und Initiativen.“ Aber, so Grünberger, „so einfach lässt sich dieses Problem auch nicht lösen“. Denn eine Klarnamen-Pflicht würde nicht nur die wenigen schwarzen Schafe treffen, die unter dem Schutz der Anonymität andere Menschen in der Öffentlichkeit kränken, beleidigen oder diffamieren, sondern auch die große Mehrheit, die sachlich und vernünftig in Onlineforen diskutiert. „Zentral ist jedenfalls, dass Medienhäuser ihre Foren noch konsequenter moderieren. Damit könnte man bereits einen Gutteil der Forentrolle in den Griff bekommen.
Wenn sich der ­Gesetzgeber aber entschließen würde, in Sachen Klarnamen tätig zu werden, dann sei aus Sicht des VÖZ eine Lösung notwendig, die alle Onlineunternehmen trifft. Grünberger: „Es muss sichergestellt werden, dass am Ende nicht ­Facebook als der große lachende Dritte dasteht.“ Zudem wisse der VÖZ um die Vorbildwirkung des Marktführers. Grünberger: „Der ORF als ein­ziges Medienunternehmen in diesem Land, das nicht ausschließlich auf Werbeein­nahmen zur Finanzierung seiner Online-Medienagngebote angewiesen ist, sollte daher zu einer Registrierung über die GIS-Mitgliedsnummer verpflichtet werden.“
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