Facebook-Datenskandal: So reagieren Agenturen...
 

Facebook-Datenskandal: So reagieren Agenturen und Politiker

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Facebooks CEO Mark Zuckerberg ist in Erklärungsnot. Nach aktuellem Stand wird er persönlich vor dem US-Kongress aussagen.
Facebooks CEO Mark Zuckerberg ist in Erklärungsnot. Nach aktuellem Stand wird er persönlich vor dem US-Kongress aussagen.

Der Skandal um Cambridge Analytica gewinnt an Dramatik. Die Politik ist gefordert, Branchenvertreter äußern ihren Unmut – und sehen Potenzial für neue Allianzen.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 14/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Der Druck auf den Internetgiganten Facebook verhärtet im Rahmen des Datenskandals alle Fronten. Das zeigt allein schon die Performance der Aktie, die seit 16. März bis Redaktionsschluss um 17,76 Prozent an Wert verloren hat. Aktionäre haben bereits Klage gegen das Onlinenetzwerk eingereicht, Politiker in aller Welt fordern klare Erklärungen von Facebooks CEO Mark Zuckerberg. Dieser wird wohl wegen des Datenskandals persönlich vor dem US-Kongress aussagen. Doch auch heimische Politiker und Branchenvertreter sehen sich durch die missbräuchliche Verwendung der Daten beeinflusst und fordern klare Konsequenzen.

„Wir können nicht hinnehmen, dass die Daten von den Nutzerinnen und Nutzern von sozialen Netzwerken unwissentlich dafür hergenommen werden, um gezielte Wahlwerbung zu schalten. Das ist eine Gefahr für die Demokratie. Damit hintergeht man seine eigenen Kundinnen und Kunden“, heißt es dazu von Digital- und Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck auf Anfrage des HORIZONT: „Unternehmen wie Facebook müssen verstehen, dass ihr Erfolgsmodell nicht primär auf Werbeeinnahmen basiert, sondern vor allem auf dem Vertrauen, das ihnen die Nutzerinnen und Nutzer entgegenbringen.“

Kritische Worte findet auch Heimo Hammer, Geschäftsführer der Digitalagentur kraftwerk: Die heimische Politik sei im Bereich Datenschutz und digitale Fehlentwicklungen „nicht immer auf der Höhe“, wie er sagt: Es gebe kaum Stellungnahmen, obwohl über drei Millionen Österreicher auf Facebook ein Profil haben. „Es ist vielen Usern nicht klar, dass ihre Daten erhoben, gespeichert, analysiert und weiterverkauft werden“, sagt Hammer: „Die Firma Cambridge Analytica soll 50 Millionen Kundendaten illegal von Facebook für den Wahlkampf von Trump verwendet haben. Sowas geht gar nicht und muss Konsequenzen haben. Der Gesetzgeber muss hier klare Regeln einführen.“ Stephan Kreissler, Geschäftsführer des iab austria, betont, dass es auch in der Frage der Datensicherheit um das „Level Playing Field“ gehe: „Während die EU-Datenschutz-Grundverordnung sehr hohe Anforderungen an europäische Digitalanbieter stellt, agieren Google, Facebook, Amazon und Co noch immer im rechtsfreien Graubereich und erzielen damit erhebliche Profite“, sagt er: „Die Angebote müssen ebenso der EU-DSGVO unterliegen, wenn sie hierzulande zugänglich sind.“

Andreas Martin, Geschäftsführer von media.at, verweist darauf, dass das Thema weniger Angelegenheit der heimischen Politik sei, sondern der europäischen: „Europa muss sich die Frage stellen, wie eine zukünftige Regulierungspolitik aussehen kann, die alle Player fair und gleichwertig behandelt“, sagt er. EU-Kommissarin Vera Jourová hat Facebook aufgefordert, binnen zwei Wochen unter anderem zu erklären, welche Daten von europäischen Usern verwendet wurden – heikel ist die Angelegenheit auch, weil Cambridge Analytica auch das Brexit-Votum beeinflusst haben soll.

Europas Datenschutz-Chance

Heinz-Rudolf Miko, Pressesprecher der Vertretung der EU-Kommission in Österreich, nimmt den Skandal zum Anlass, die Wichtigkeit der neuen EU-Datenschutzvorschriften zu betonen: „Sie werden Unternehmen dazu verpflichten, transparent und verantwortungsvoll mit den Daten ihrer Nutzer umzugehen und darüber Rechenschaft abzulegen.“ Wenn ein Unternehmen Daten für einen bestimmten Zweck sammle, darf es diese ohne Zustimmung des Nutzers nicht für einen anderen Zweck verwenden. Die Europäer werden künftig die Kontrolle über ihre Daten haben, da ihre Zustimmung jeweils nur durch eine aktive Einwilligung („Optin“) erfolgen kann, sagt Miko: „Außerdem werden die Datenschutzbehörden echte Befugnisse zur Durchsetzung dieser neuen Vorschriften haben.“ Die Gültigkeit der hiesigen Gesetze betont auch Schramböck: „Klar muss sein, auch für ein Unternehmen wie Facebook müssen die gleichen Spielregeln wie für alle anderen gelten, auch Facebook unterliegt Recht und Gesetz.“

Eine Frage des Umfelds

Zwar beeinflusst der Datenskandal per se nicht das Thema Brand Safety – Kreissler verweist aber dennoch auf die schwierige Rolle der US-Digitalkonzerne im digitalen Werbeumfeld: „Digitalgiganten wie Facebook, You- Tube oder Google profitieren teilweise sogar von Fake News, Hass und Verhetzung, um ihre Zugriffe zu steigern“, sagt Kreissler: „Während bei europäischen Publishern das Geschäftsmodell transparent ist und journalistische Inhalte klaren Kriterien unterliegen, verändert Facebook seine Algorithmen nach Bedarf. In diesem Umfeld kann Brand Safety nicht in vollem Umfang gegeben sein."

Hammer fügt hinzu, dass der Blick oft nur auf Themen wie Reichweite und niedrige Preise gelegt wird. „Die qualitativen Teile wie gezielte Ausspielung an definierte kleinere Zielgruppen im seriösen Kontext sehen nur Profis“, sagt er: „Gerade im realtime Geschäft muss man sich für manche Ausspielung genieren. So was kann keine seriöse Marke wollen.“

Dass es zu einem „Massenexodus“ kommen wird, glaubt Kreissler aber nicht, allein schon wegen Facebooks dominierender Marktmacht: Wenn beispielsweise Fernsehanstalten sich die Frage stellen, wie viel Content sie an Facebook verschenken sollen, ist dies berechtigt, steht aber nicht in direktem Kontext mit dem Datenskandal, betont er: „Die letzten Umstellungen von Facebook vor einigen Monaten hatten schon negative Auswirkungen auf werbliche Präsenzen.“

Allianz der Rebellen

Zugleich kann der Skandal genutzt werden, um die Werbetrommel für europäische Login- und Digitalallianzen zu rühren, darunter die „European netID Foundation“, die von der Mediengruppe RTL Deutschland, ProSiebenSat.1 und United Internet Ende März gegründet wurde. Mit dem offenen Industriestandard netID soll jede Website in Europa ihren Nutzern einen sicheren und datenschutzkonformen Login bieten können – unter Berücksichtigung des europäischen Datenschutzrechts. Jedem Nutzer steht mit netID bei seinem Account- Provider ein entsprechendes „Privacy Center“ zur Verfügung, in dem die persönlichen Daten verwaltet werden können; persönliche Daten werden nur nach Zustimmung des Nutzers zwischen den Account-Providern und Internet-Diensten übertragen. Die beteiligten Unternehmen erreichen zusammen rund 50 Millionen Internetnutzer. „Der offene und übergreifende Login- Standard netID wird für die europäische Internetwirtschaft eine Alternative bieten“, sagt Jan Oetjen, Vorstand von United Internet und Geschäftsführer von web.de und GMX: „Die Daten verbleiben in Europa, dezentral – jeweils beim zuständigen Unternehmen, dem der Kunde die Erlaubnis gegeben hat.“ Neben den bereits bestehenden Teilnehmern führe man mit über 50 Interessenten aus nahezu allen Branchen fortgeschrittene Gespräche.

Und auch Oetjen bemängelt, dass durch Walled Gardens die Intransparenz wächst, was der Brand Safety schade. „Werbetreibende können sich dies als Kunden gefallen lassen oder entsprechend reagieren“, sagt er: „Die Skandale um breitbart.com oder aktuell Cambridge Analytica zeigen eindeutig, dass der Markt zum Handeln gezwungen wird. Lokale Player bieten hervorragende und sichere Alternativen.“

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