Eine digitale Geldwirtschaft ohne Bargeld
 

Eine digitale Geldwirtschaft ohne Bargeld

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk

Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um die Abschaffung von Bargeld in Zeiten der Digitalisierung und warum Geld nicht gleich Geld ist.

Welt ohne Bargeld?

Ein zentrales Versprechen der Digitalwirtschaft war die Abschaffung von Münzen und Banknoten. Oft verkündet, nie eingetreten. Nun bemüht sich ein gewichtiger Vordenker abermals, den Weg für eine digitale Geldwirtschaft zu ebnen. Kenneth Rogoff, ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds und zurzeit Professor an der Universität Harvard, argumentiert in seinem aktuellen Buch The Curse of Cash, Bargeld würde vor allem der Unterwelt nützen. Drogen- und Menschenhandel funktioniert auf der Basis von Barem, ebenso Geldwäsche und politische Korruption (hat man nicht kürzlich Russlands obersten Korruptionsverfolger mit 120 Millionen Cash zu Hause ertappt?).

Außerdem fördert Bargeld die Steuerhinterziehung. Das ist nicht bloß ein Problem von schlecht regierten Drittweltländern; im Jahr 2006, schätzte das amerikanische Finanzministerium, wurden in den USA etwa 450 Milliarden(!) Dollar an fälligen Steuern hinterzogen – die Hälfte davon von kleinen Geschäften, die hauptsächlich mit Barem hantieren.

Auch die UN engagiert sich, um eine Abwendung vom Bargeld zu fördern (siehe Initiative "Better Than Cash Alliance"). Dennoch wird nach wie vor knapp ein Drittel aller monetären Transaktionen in Münzen und Scheinen abgewickelt. Bares wird besonders in Österreich und Deutschland geschätzt – beide Länder wehrten sich heftig, dass die Europäische Zentralbank ab 2018 keine 500-Euro-Scheine (höchst beliebt im Drogenhandel und bei Schlepperbanden!) mehr ausgeben wird.

Doch es muss außer Gaunereien noch einen weiteren Grund geben, warum eine nunmehr 30 Jahre währende Bemühung, handfestes Geld abzuschaffen, so fruchtlos bleibt.

Vorsicht, sprachliche Ungenauigkeit

Bargeld sollte man nicht automatisch mit Papiergeld bzw. Münzgeld gleichsetzen. Geld ist im Grunde eine Vereinbarung unter Handelstreibenden – selbst im Altertum war es mühsam, ein Fass Wein gegen eine Viertel Kuh einzutauschen. Ein allgemein vereinbartes Zahlungsmittel macht Transaktionen leichter, und es ist im Grunde egal, ob es ein schriftlicher Schuldschein, Silbermünzen oder Daten sind, die ausgetauscht werden.

Auch wenn Geld zunehmend digitale Formen annimmt, wird die Nachfrage nach unmittelbar verfügbarem Kapital keineswegs abnehmen. Es wäre also ein Irrtum, anzunehmen, dass digitale Zahlungsweisen das Verlangen nach Bargeld (im Gegensatz zu Kreditgeld) verschwinden lassen – es sieht bloß anders aus.

Geld ist nicht gleich Geld

Noch etwas spielt eine Rolle, nämlich unser unterschiedlicher Umgang mit diversen Geldformen: Handfestes Geld wird sorgfältiger gezählt und vorsichtiger ausgegeben als unsichtbares Geld. Mit Kreditkarten kaufen wir um 12 bis 18 Prozent mehr ein als bei Barzahlung – und kaufen häufiger Sachen, die wir dann gar nicht schätzen. Interessanterweise scheint die junge Generation von Kreditkarte als Zahlungsmittel (und Weg, sich zu verschulden) abzurücken.

Was bei Kreditkarten eine Verlockung war, kann online eine regelrechte Fallgrube sein, weil man weder das Geld, noch die Waren vor sich hat. Der Cyberspace ist für uns nicht wirklich fassbar – wir denken bevorzugt in vertrauten Formen (siehe Forschung zu „embodied cognition“). Reines Digitalgeld erscheint uns oft unwirklich, wie Spielgeld.

Neue Bezahlwege

Online-Geldtransaktionen zu vereinfachen, ist seit Amazons Erfindung von 1-Klick-Einkaufen zu einer Art Messlatte geworden – es gibt nun die Idee, dieses System auf das ganze Internet auszudehnen. Facebook, die gerade eifrig einen neuen Online-Marktplatz aufbauen, wollen Bezahlung innerhalb von Apps befördern.

Erwähnenswert wäre eine originelle neue Idee: Eine App von MasterCard soll Smartphone-Besitzern ermöglichen, ihre Identität via Gesicht zu bestätigen. Kann man schwindeln und einfach ein Foto vor das Kameraauge halten? Nein, man ist aufgefordert zu blinzeln, bevor die Identifizierung beginnt. Das System „Selfie Pay“ wird gerade in den USA, Kanada und Großbritannien getestet. Angeblich sagen 90 Prozent der befragten Testteilnehmer, sie würden lieber auf diese Weise als mit Hilfe eines Passworts bezahlen. Auch die Großbank HSBC werkt an einer Selfie-Identifizierung. 

[Walter Braun]
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