Eine App für jede Lebenslage?
 

Eine App für jede Lebenslage?

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Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um den UK-Magazin-Markt, mobiles Bezahlen, Wearables und die Zukunft von Apps

Diese Kolumne macht sich jede Woche auf die Suche nach aktuellen Nachrichten und Entwicklungen der Kommunikationsbranche im angloamerikanischen Raum. Alle Beiträge gibt es hier zur Nachlese.

Welche Zukunft haben Apps?

Kürzlich bot ein ehemaliger Vorsitzender der Apple Products Division an, den Apps-Laden aufzuräumen – Computerprogramme sind nicht länger in der Lage, die eine Million(!) Titel ohne (menschliche) Bewertung Interessenten zu vermitteln.

Vielleicht sind Apps in Zukunft auch nicht mehr ganz die Goldmine, wie momentan jeder glaubt. Anders gefragt: Welches echte, dauerhafte, über kurzfristiges Experimentieren hinausreichende Interesse rufen Apps wirklich hervor?

Laut einer aktuellen Erhebung von Deloitte in Großbritannien geben 90 Prozent(!) der Handybesitzer niemals Geld für Apps (oder sonstige mobile Angebote) aus. Ein Drittel der Mobiltelefonbesitzer lädt nie Apps herunter, und von jenen, die es tun, hat sich das Herunterladen von durchschnittlich 2,3 auf nur noch 1,8 Apps pro Monat verringert. Text Messaging dominiert ganz eindeutig die Anwendungen.

Dennoch gibt es diverse Hochrechnungen, denen zufolge die App-Industrie ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor ist bzw. werden sollte. Eine vor kurzem veröffentlichte Studie von Vision Mobile behauptet, dass heuer in ganz Europa 670.000 Jobs unmittelbar an der Apps-Industrie hängen. Was nicht unbedingt nachvollziehbar ist, da sich gezeigt hat, dass mit zunehmender Gewöhnung die meisten Verbraucher nur einige, recht bekannte Angebote wie Instagram oder WhatsApp regelmäßig nutzen – Apps, die in der Regel im Besitz der marktdominanten Riesen sind. Jedenfalls ist die Einstellung, dass man im Zweifelsfalle alles Angebotene herunterlädt, eindeutig im Rückgang.

Überhaupt ist die ganze Idee, sein Leben mittels digitaler Ermahner und Überwacher zu planen, letztlich wenig attraktiv. Soll ich mir mit Hilfe meines Smartphones selber auf die Finger klopfen? Zuerst mühsam das Ding programmieren ... damit ich dann nicht mehr denken muss? Gestand kürzlich eine Journalistin: „Mein abendliches Ausgehen ist mir 30 Minuten, bevor es überhaupt begonnen hatte, mit großer Genauigkeit enthüllt worden.“

Wer, außer Vermarktern und den Geheimdiensten, braucht eigentlich die ‚quantifizierte Gesellschaft’? Die Vision, dass der Mensch von morgen die gesamte Umwelt und alle Mitmenschen vergisst, weil er den ganzen Tag seinen Kopf in einem elektronischen Gerät vergraben hat, erscheint mir nicht zukunftsträchtig. Wer ein Gefühl von Selbständigkeit und Handlungsmacht bewahren will, muss eigene Absichten verfolgen, anstatt sich von Programmmachern gängeln zu lassen. Für die meisten wäre ein Leben ohne Überraschungen öd – wozu es also dann mittels Apps total verplanen?

Mutmaßung: Künftig werden Verbraucher ihre Aufmerksamkeit auf echten Nutzen richten, weshalb etwa Nachrichten-Apps (z.B. NYT Now) gute Überlebenschancen haben. Besonderer Gag: Snapchat, die selbstzerstörende App, möchte im Herbst ein News-Network aufziehen: für Wegwerfnachrichten?



Quellen:

http://www.mondaynote.com/2014/08/10/app-store-curation-an-open-letter-to-tim-cook/

http://www.telegraph.co.uk/technology/news/11041015/One-in-three-smartphone-owners-uninterested-in-apps.html

http://qz.com/251706/why-everybody-wants-a-piece-of-your-smartphones-lock-screen/

http://www.mondaynote.com/2014/08/17/the-future-of-mobile-apps-for-news/

http://www.theverge.com/2014/8/20/6049007/snapchat-discovery-news-network-probably-coming-soon

UK: Magazine verlieren an Boden – aber nicht alle



Obwohl sie sich einigermaßen halten können, verlieren Wochen- und Monatsmagazine an Absatz, nämlich 4,4 Prozent im ersten Halbjahr. Was in Summe fast eine Million weniger gedruckte Ausgaben ergibt. Onlineverkäufe mache nicht annähernd den Verlust bei den gedruckten Ausgaben wett. In Zahlen: 21,2 Millionen verkauften Magazinen standen bloß knapp 400.000 Digitalausgaben gegenüber.

Besonders der Musiksektor verliert im zweistelligen Bereich an Auflage. Männermagazine erwischt es ebenso – obwohl der Markt nach Einstellung des Titels „Nuts“ bereinigt wurde, sackten sowohl „FHM“ (Bauer Verlag) als auch „Zoo“ um 22 Prozent ab. Auch die Klatsch- und Tratschmagazine brachen zweistellig ein. Halten können sich eher aufwändige Hochglanzmagazine wie die „Vogue“ sowie interessanterweise anspruchsvolle Nachrichtenmagazine. Der „Economist“ verlor geringfügig bei der gedruckten Ausgabe, legte dafür aber stark beim digitalen Absatz zu. „The Week“, eine Zusammenfassung der wesentlichsten Ereignisse, konnte die Printausgabe sogar um 1,1 Prozent erhöhen. Das kritische Magazin „Private Eye“, der führende Titel im Segment Zeitgeschehen, hält sich trotz mickriger Webpräsenz ausgezeichnet.

Was sämtliche Verleger berichten: Die große Hoffnung, schöne digitale Ausgaben für Tablet-Computer würden zahlende Kunden anlocken, hat sich nicht erfüllt; selbst die größten Titel kommen bestenfalls auf bloß ein paar Tausend Digitalabonnenten. Am besten halten sich also Printtitel, die bereits einen hohen Abonnentenanteil bzw. treue Stammleser haben.

Quelle:

http://www.theguardian.com/media/2014/aug/14/uk-consumer-magazines-print-sales-2014

Wie kommt mobiles Bezahlen an?



Kurz gesagt: noch nicht wirklich. Das Mobiltelefon als Börserl zu verwenden, ist kein neuer Gedanke. Schon vor drei Jahren versuchte Google Wallet diesen Markt aufzubauen, im vergangenen Jahr zogen die großen Mobilfunker nach. Auch PayPal bot einen digitalen Geldbeutel an. Amazon testet gerade eine digitale Geldtasche und angeblich soll auch Apple mit dem neuen iPhone6 etwas Ähnliches planen.

Doch die Verbraucher zücken nach wie vor lieber ihre alten Portemonnaies. Einer Erhebung der Yankee Group zufolge, verwendeten zwischen Dezember 2013 und Februar 2014 nur 16 Prozent der US-Handybesitzer das Mobiltelefon zum Bezahlen; von den Nutzern machten drei Viertel weniger als fünf Käufe pro Monate. In Umfragen zeigen sich die Verbraucher sehr interessiert, aber beim tatsächlichen Verhalten dominieren nach wie vor Bargeld und Kreditkarte. Warum?

Offensichtlich drücken Sicherheitssorgen. Vielleicht gar nicht so unklug angesichts häufig vergessener bzw. verlorener Handys. Zudem wollen viele Konsumenten nicht, dass ihr Kaufverhalten detailliert verfolgt werden kann. Manche sorgen sich auch, dass ihnen der Strom ausgeht und sie dann kein Geld zur Verfügung haben. Zudem ist die Akzeptanz der digitalen Zahlweisen im Handel recht unterschiedlich – nicht jedes System wird von jedem Händler akzeptiert.

Dennoch ist die Überzeugung unter den Anbietern stark, dass die Bequemlichkeit über kurz oder lang alle Sicherheitsbedenken (die bei den Jungen weniger ausgeprägt sind!) übertrumpfen wird. Allerdings lässt sich einwenden, dass Bezahlen mit Kreditkarte einfach und gut etabliert ist, sodass sich die Frage stellt, welches Problem die digitale Brieftasche eigentlich lösen soll?

Quelle:

http://knowledge.wharton.upenn.edu/article/consumers-arent-buying-mobile-wallets-yet/

Enttäuschung der Woche:

Der angesagte Trend bei Wearables findet nicht statt

Die Idee, den gesamten Körper zu einer digitalen Empfangsfläche zu machen, ist mehr Traum denn Realität. Eine aktuelle Umfrage bei 1.000 US-Collegestudenten ergab, dass zwei Drittel nicht einmal den Ausdruck „wearables“ kennen – dabei wären doch die Jungen exakt jene Zielgruppe, die auf funkende Armbänder und schlaue Uhren anspringen sollte. Wenn überhaupt, sind nur billige Fitness-Tracker gefragt. Dennoch sagt eine brandneue, global ausgerichtete Prognose dem Instrument Smartwatch eine glänzende Zukunft vorher.

Möglich. Dennoch ein weiter Weg bis zu elektrisch leitender Kleidung und implantierten Chips ...

Quelle:

http://pando.com/2014/08/20/report-young-people-are-even-less-interested-in-wearables-than-the-rest-of-us/

http://www.telegraph.co.uk/technology/news/11045587/Smartwatch-sales-to-soar-by-2018.html

[Walter Braun]
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