Ein Tag für Journalistinnen
 

Ein Tag für Journalistinnen

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Mobile, Blogs, Multiscreening und Solidarität - Vollgepackt mit Informationen und Tipps hat HORIZONT den 15. Journalistinnenkongress, der unter dem Motto ‚Digitalisierung, Herausforderung und Chance’ stand, abends verlassen

Ein ganzer Tag, der sich rein den Journalistinnen widmete, das war der Journalistinnenkongress, der am 5. November im Wiener Haus der Industrie über die Bühne ging. Zu Beginn der Veranstaltung startete eine Vortragsreihe, wo unter anderem Tina Kulow, Corporate Communications Facebook Deutschland, Österreich und Schweiz, klarmachte, dass unsere Gesellschaft vor allem auf zwei Dinge nicht verzichten könne: auf Journalismus und auf die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Die Welt, in der wir leben sei vor allem social und mobil, wobei die soziale Komponente ja nicht neu ist. Was jedoch neu ist, ist die mobile Komponente. Weltweit nutzen über eine Milliarde Menschen Facebook, über 700 Millionen jeden Tag, und es seien bereits 800 Millionen, die das Netzwerk mobil besuchen. „Jeder wird zum Medienproduzenten, das ist die Welt in der wir leben. Gleichzeitig ist sie aber auch ganz einfach, noch wie früher. Das macht den Job der Journalisten schwieriger, aber auch spannender“, so Kulow.

Sie zeigte sich sicher, dass Facebook Journalisten beeinflusst, denn es beeinflusse, wie wir schreiben. Da die Menschen Nachrichten gänzlich anders konsumieren als früher und Journalisten mit einer Menge von Kollegen konkurrieren, sei es nicht mehr so einfach, als Leitmedium zu fungieren. Sie hat jedenfalls festgestellt, dass Menschen Facebook besuchen, um Nachrichten zu lesen. Da vor allem Junge das mobil tun, werde es immer wichtiger, die Informationen auch dementsprechend darzustellen. Am besten machen es nach Kulow jene, die Fakten in einem richtigen Maße mit Geschichten verknüpfen.

Die nächste Milliarde geht ohne PC ins Internet

2,3 Milliarden Menschen nutzen das Internet regelmäßig, die nächste Milliarde werde komplett ohne Computer ins Internet gehen, nur noch mobil. „Denken Sie daran, wenn Sie Leser erreichen wollen“, so Kulow. Um sich stets an die Veränderungen zu erinnern, hat man in den Facebook-Räumlichkeiten überall Sticker mit der Aufschrift „This Journey is 1 % finished“ angebracht, eine Art der Mitarbeitermotivation. Die Medienjournalistin Ulrike Langer startete ihren Vortrag mit den Worten: „Wenn Sie noch nicht bloggen, fangen Sie damit an. Greifen Sie lieber mal zu einem Blog, als zu einer Zeitung.“

Journalistinnen sollten versuchen, ihre Nische zu finden und sich selbstbewusst im World Wide Web bewegen, ein Teil davon werden. „Verlassen Sie Ihre Anonymität, machen Sie auf sich aufmerksam, aber seien Sie nicht zu werblich“, so ihr Ratschlag. Gabriele Ambros, Geschäftsführerin Bohmann Druck, konterte, dass das ja prinzipiell eine gute Idee sei, äußerte aber auch Bedenken. „Dann könnte man ja eine virtuelle Redaktion führen, indem ich mir einfach die besten Blogger zusammensuche und sie schreiben lasse. Das berührt mich als Verlegerin.“ Ein weiterer Kritikpunkt für Ambros ist die Tatsache, dass man Verleger im Falle von Falschmeldungen klagen könne, Inhalte auf Facebook oder auf Blogs beispielsweise würden sich da in einem Graubereich bewegen. Die große Frage: Wer trägt die Verantwortung für solche Inhalte?

Content, wo ihn User haben möchte

Petra Höfer, Leiterin strategische Online Unit ORF Enterprise, zeichnete anschließen ein Bild davon, wie es in Österreich um Onlinewerbung bestellt ist. Demnach fließen immer noch 50 Prozent der Aufwendungen in klassische Online-Werbeoffensiven wie beispielsweise Banner. Das größte Wachstum in diesem Bereich zeige Russland, gefolgt von der Türkei, Bulgarien, der Tschechischen Republik und Schweden. Österreich sei weit hinten im Ranking zu finden, „wir wachsen da unterdurchschnittlich mit, zumindest beim Online-Bewegtbildsektor ist Österreich unter den ersten vier in Europa zu finden“, so Höfer. Der Trend zum Multiscreening sei auch hierzulande zu spüren, allein am Wahltag beispielsweise wurde die ORF-Wahlapp 45.000 mal heruntergeladen. Investition in Mobile und Kreativität würde sich auszahlen, aber Österreich habe großen Nachholbedarf. „Wir müssen den Content dorthin stellen, wo ihn der User haben möchte.“

Am Nachmittag wurden unterschiedliche Workshops abgehalten. Rubina Möhring, Chefin Reporter ohne Grenzen Österreich und freie Journalistin, leitete „Write, sell, pimp your fee!“, gemeinsam mit den freien Journalistinnen Sonja Fercher, Lisa Oberndorfer und Susanne Wolf beleuchtete sie das Dasein freier Autorinnen und stellte Tipps bereit. Fercher: „Man muss sich hundertprozentig sicher sein, dass man das machen möchte und dann sollte man sich als Unternehmerin definieren, wenn man an diesem Punkt angelangt ist, beginnt sich die Wahrnehmung zu ändern, doch es bedarf viel Geduld und Hartnäckigkeit.“ Wichtig sei es, gemeinsam eine Basis zu bilden und von Ellenbogentaktik abzulassen, sich nicht unter seinem Wert zu verkaufen. Im Zuge dessen erwähnte sie, dass der Journalistinnenkongress für sie eine absolute Ausnahme darstellt, denn Geld bekomme sie keines für die hier investierte Zeit. Möhring: „Es muss zudem eine Transparenz geben, was die Honorare betrifft, da sich diese in weitgespannten Rahmen bewegen.“ In den Räumlichkeiten nebenan wurde derweil über die Zukunft des Fernsehens, über die Copy Right Thematik und über die Nutzung von Sozialen Netzwerken diskutiert. 

Am runden Tisch

„Living News“ – so nannte sich das spezielle Interviewformat, das die Besucherinnen als nächsten Programmpunkt erwartete. Namhafte Frauen aus der Branche, wie Alexandra Föderl-Schmid, Euke Frank, Uschi Fellner, Brigitte Wolf oder Karin Strobl, nahmen jeweils an einem runden Tisch Platz und stellten sich den Fragen von Jungjournalistinnen und Kolleginnen. Die Medienlöwin für ihr Lebenswerk erhielt Barbara Coudenhove-Kalergi dann später am Abend.

Ein Tag also für die Frauen der Branche. Ganz ohne einem Klischee zu entsprechen verlief es aber dann doch nicht. Ein greller Schrei – eine Besucherin hatte einen Thermenaufenthalt inklusive Massage gewonnen – der um die Mittagszeit in den Hallen des Hauses ertönte, hat das verraten.
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