Editorial Neue Medien 2000
 

Editorial Neue Medien 2000

von Hans-Jörgen Manstein und Christian Rainer

Liebe Leser,

die Politik hat eindeutig die Kontrolle verloren. Die so genannten Neuen Medien entziehen sich dem Zugriff der Staatsmacht sehr behände. Es herrscht Anarchie. Die herkömmlichen Werkzeuge von Recht und Gesetz, staatlichen Normen und den Organen, die diese durchzusetzen haben, taugen heutzutage nichts mehr. Professoren, die in hermelinbesetzten Roben in barocken Sälen Recht zu schaffen versuchen, versagen hilflos vor gepiercten Kids mit Inlineskates und Laptops. Kurz und gut: Die virtuelle Welt des World Wide Web entzieht sich den tradierten Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.



Das kann man nun gut finden oder nicht. Wären wir Vertreter der Politik, die ja das gesellschaftliche Leben gestalterisch beeinflussen und möglicherweise verändern soll, wären wir alarmiert. Das Internet mit seinen Möglichkeiten macht nämlich alle Versuche, es in tradierte staatliche Normen zwingen zu wollen, lächerlich. Es ist schnell, und wenn's sein muss, stehen Homepages halt in Neuseeland oder sonstwo. Als Vertreter der Politik würden wir uns also um den Kontrollverlust, der immer auch gleichbedeutend mit Machtverlust ist, größere Sorgen machen.

Als Medienmacher begrüßen wir jedoch die anarchischen Tendenzen des Internet. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist - alle Auswüchse wie Neonazi-Websites oder Kinderpornografie im Netz einmal beiseite gelassen - jedes Medium zu begrüßen, das nicht, von welchen Machthabern auch immer, in die Knie gezwungen werden kann. In vielen diktatorisch regierten Staaten der Welt ist das Internet ein wesentliches Instrument der Freiheitsbewegungen. Nicht umsonst bemühen sich einschlägige Regimes es einfach abzuschalten.



Als Medienvertreter müssen wir zum anderen auch sagen, dass der Politik recht geschieht, wenn sie sich ein ganz klein wenig fürchtet vor diesem elektronischen Ding. Was hat denn die Politik in den vergangenen Jahren für die Medienvielfalt getan? Antwort: So gut wie nichts.

Zeitungen sind sang- und klanglos eingegangen (erinnern Sie sich noch an die Arbeiterzeitung, an Cash Flow, an viele andere?). Denen, die privates Radio und privates Fernsehen auf die Beine stellen wollten, hat man Prügel um Prügel zwischen dieselben geworfen. Und jetzt kommen so grandiose Ideen wie die scheibchenweise Reduktion der Presseförderung, die Anhebung der Strafbestimmungen nach dem UWG um das 16-Fache, die Erhöhung des Zeitungsportos und wer weiß, was denen noch alles einfällt. Am Ende steht eine Pluralitätswüste, und wir sind nicht sicher - das alleine ist schon schlimm genug -, ob das nicht der Masterplan der Regierenden ist.



Daher wünschen wir der Politik den Kontrollverlust über das Netz samt einhergehendem Machtverlust von ganzem Herzen. Er ist ein Stück lebendiger Meinungsfreiheit. Und es ist wichtig in einem Land, das sich in seiner Verfassung zwar demokratische Republik nennt, dessen Vertreter aber teilweise unverholen dem Abschaffen demokratischer Rechte (Österreich-Vernadererparagrafen) das Wort reden.



Meinen,


Hans-Jörgen Manstein und Christian Rainer

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