DLD Conference 2013. Das Klassentreffen der g...
 

DLD Conference 2013. Das Klassentreffen der globalen Digital-Elite.

#

Ein Gastbeitrag von Martin W. Drexler, der bei der Konferenz vor Ort war und ein umfangreiches Fazit zieht

Bereits zum neunten Mal in Folge luden der deutsche Medienmogul Hubert Burda und der israelische Investor Jossi Vardi an die 800 Internetpioniere, Decision Makers, Frontrunners, Künstler, Wissenschaftler, Musiker und Wirtschaftskapazunder zwischen 20. und 22. Jänner zur DLD-Konferenz (Digital Life Design) nach München ein, um HVB-Forum zum diesjährigen Thema “Patterns That Connect“ Möglichkeiten, Trends und Auswirklungen des digitalen Zeitalters zu diskutieren und sich auch entsprechend zu vernetzten. “Daten und Fakten bringen uns die komplexen Muster unseres täglichen Lebens näher. Sie verändern unseren Blick auf unsere Realität, auf Gesellschaften und Werte. DLD spürt die wesentlichen Vordenker in diesen verschiedenen Gebieten auf und bringt sie zusammen, um künftige Chancen zu diskutieren”, betont die DLD-Co-Gründerin und -Geschäftsführerin Steffi Czerny, die mit ihrer vornehmlich weiblichen Crew um Alex Schiel, Sabine Schmidt und Franziska Deeke wieder ein Digital-Event der Sonderklasse möglich gemacht hat.

Big Data. Das „buzzword“ der diesjährigen DLD-Konferenz

Den perfekten Einstieg dazu  boten der Datenwissenschaftler DJ Patil, der schon mal für Unternehmen wie SKYPE, PayPal, Linkedin und EBAY im Data Bereich gearbeitet hatte, sowie der Künstler-Photograph Rick Smolan mit seinem Projekt "The Human Face of Big Data".

Rick Smolan, von der damaligen Google Vizepräsidentin Marissa Mayer und ihrem Mann dazu inspiriert, legte nach 18 monatiger Vorbereitung ein Buch(!!!) vor, das in einer atemberaubend ästhetischen Text-Bild-Graphik Relation deutlich machen soll, wie die wachsenden Datenberge und ihre Analyse das Leben der Menschen verändern. Der blaue Planet entwickle gerade ein "digitales Nervensystem" (Stichwort "Internet der Dinge").

Smolan sieht das durchaus positiv – denn perfekt aufbereitete Daten retteten oftmals Leben und seien eher hilfreich als gefährlich: "Big Data is not Big Brother" ist seine „Quote“, der man nur allzu gerne Glauben schenke würde, gäbe es nicht allzu viele Beispiele, die das Gegenteil beweisen (Vorratsdatenspeicherung bei Mobiltelefonen, SWIFT Abkommen u.ä.!!!)

Jedenfalls ist Rick´s Buch mit seiner erstklassigen Information und perfekten Info-Graphik zum Thema „Big Data“ bereits jetzt ein Standardwerk und wird sicherlich als DAS „coffetable-book“ des noch so jungen Jahrzehnts von Bobo´s wie von nerds&geeks gelten.

Auch der Datenwissenschaftler DJ Patil, der beim Venture-Capital-Unternehmen Greylock Partners nur jene start-up´s fördert, die „Big Data“ zum Kern ihres Business-Modells haben, warnt vor dem bloßen Sammeln von Informationen. „Nur einfach nur mehr Daten zu haben, nutzt nichts, wir brauchen Menschen, die sie auch richtig interpretieren können. Doch der überwiegende Teil der Unternehmen hat derzeit zwar die Daten und Folien aber keine Strategie“, bemerkte Patil. Daher werden Datenanalysten mit Sicherheit in Kürze die absolut gefragten Jobs haben. Zum derzeitigen Umgang mit „Big Data“ vieler Firmen zitiert er daher den Verhaltensökonomen Dan Ariely, der es auf den Punkt brachte: "Big Data ist wie Teenager-Sex. Jeder redet darüber, keiner weiß nur annähernd Bescheid, wie es geht, jeder denkt vom anderen, dass dieser es auch schon macht, und deshalb behauptet jeder, es auch schon zu tun."

„Amazon ist auch ein riesiges Forschungsunternehmen“, erklärte wenig später Dr. Werner Vogels, CTO der weltgrößten Internet-Handelsplattform zum identen Thema. Das US-Unternehmen gehört zu den Pionieren, wenn es um das Sammeln und Auswerten riesiger Datenmengen geht. Deswegen überraschte der oberste Technikchef mit der Aussage, dass bereits die Anzahl von nur 10 Kunden genüge, um aus den vorhandenen Daten entsprechend aussagekräftige Analysen abzuleiten und zu erstellen. Vermutlich ein Generalthema, das bei einer eigenen DLD-Konferenz speziell abgehandelt werden müsste.

Lufthansa Workshop

Zur sportlich frühen Zeit um 08.00 Uhr hatte die Deutsche Lufthansa auch in diesem Jahr wieder einige ausgewählte DLD Gäste zum “Pre-DLD-Exklusiv-Frühstück” geladen, das als elitäres „Brainstorming“ zum Thema „Turn your company into an API“ vom Buzzmaschinisten und „What would Google do?“ Autor Jeff Jarvis in bewährter Weise geleitet wurde. Mehr denn je kam man bei Croissants und Tee zur Ansicht, dass die intelligente Vernetzung mit Partnern, auch Kunden genannt, vor allem über Social Media Kanäle für ein Wachstum unerlässlich sein werden und zudem neue bisher ungeahnte Informationszugänge und ertragreiche Kooperationsoptionen schaffen.

Eine DLD-Spezialität: Menschliche Mut-Macher

Vollkommen unabhängig von digitalen Daten, Fakten und Zahlen schafft es die DLD Crew auch immer wieder die einfachen menschlichen Aspekte nicht ausgeblendet zu lassen und diese über unglaubliche aber wahre Schicksale positiv zu beleuchten.
Vor einigen Jahre beeindruckte die norwegische Red Bull Base-Jumperin Karina Holekim die versammelte DLD-Gästeschar mit ihrem unglaublichen Lebensmut. Nach einem fast ungebremsten Absturz wegen ihres fast geschlossenen Fallschirmes und daraus resultierenden 25 Knochenbrüchen an beidem Beinen landete die Protagonistin der preisgekrönten „Base Jumper“ Doku „20 seconds of joy“ im Krankenhaus. Auf eigenen Wunsch hatte sie nicht weniger als 19 Operationen durchgestanden, um ihre beiden Beine zu behalten, die die Chirurgen eigentlich als unrettbar verloren sahen.

Etwas weniger „Glück“ hatte Hugh Herr, der im Jahr 1982  beim Bergsteigen mit seinem Freund am Mount Washington/ USA in einen Schneesturm kam, drei Tage eingeschneit war und so schwere Erfrierungen davontrug, dass ihm beide Unterschenkel amputiert werden mussten.

Als Biophysiker und Forscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitet er auch an seinen beiden künstlichen Unterschenkeln, seinen „bionic feet“, von denen er behauptet, dass er durch diese nun ein ungleich besserer Kletterer sei als jemals zuvor.

Seine Rede machte Mut, sein Satz “We don’t suffer from disabled bodies, we are missing the technological capabilities” war die vermutlich wichtigste „take away quote“ der diesjährigen DLD-Konferenz bleiben.

Österreich zeigte deutlicher Flagge

Waren österreichischen Meinungsbildner im Digitalbereich zu den bisherigen DLD-Konferenzen nur marginal geladen, konnte die diesjährige DLD-Konferenz eine deutlich höheren Österreicher/innen Anteil verbuchen.

Für Florian Gschwandtner, Founder & CEO von runtastic (http://www.runtastic.com/ ) war die DLD Konferenz zwar wieder ein ambitionierter Spagat zwischen den durchgängig erstklassigen Vorträgen auf zwei Ebenen und den tollen Kontakten inclusive einzigartigem Networking, aber vor allem der unvoreingenommene Zugang unter den anwesenden 800 geladenen Gästen und die offene Art der Kommunikation und des affirmativen Gedankenaustauschs untereinander, machten auch für ihn die DLD Konferenz zu einem besonderen Event in Europa. Die Jungs von Phoenics konnten mit ihrer 360° Litfass-Säule wieder die volle Aufmerksamkeit der DLD-Konferenz Gäste mit Direkteinspielungen von DLD-Tweeds und Imagefilmen auf sich ziehen.

Ebenfalls von der DLD-Konferenz begeistert zeigten sich Eva und Christoph Dichand, Malte von Trotha/CFO der Styria Media, Sofie Quidenus/CEO quidenus.com, Gerhard Riedler/Mediaprint, Paul Dikal/ Krone Digital, sowie die beiden Wiener Serial Entrepreneurs Oliver Holle und Markus Wagner. Ein unglaublicher Erfolg aus österreichischer Sicht wäre die Präsenz von auctionata.com, dem europäischen „stooting-star start up“ von Susi und Alexander Zacke gewesen.

Beim „Speakers Dinner“ am Rande der DLD-Konferenz wurden die beiden ausgezeichnet - mit dem „Digital Star“ der FOCUS Initiative „Innovations made in Germany”! Richtig gelesen! Auctionata übersiedelte im Herbst 2011 von Wien nach Berlin, denn auch diese Idee war leider wieder mal einige Nummern zu groß für Österreich und wurde nur von ausländischen Investoren erkannt und finanziell gestemmt.

Peter Thiel als wohlüberlegter Schlussredner

Der in Deutschland geborene Popstar der Internetbranche ist einer der wenigen wahren Hexenmeister dieses Genres. Abgesehen davon, dass er PayPal mitbegründet hatte und dieses digitale Bezahlsystem zwei Jahre später um mehrere Millionen USD an EBAY verkauft hatte, machten ihm schlaue Investitionen und Beteiligungen zum Multimillionär. Sein absolutes Meisterstück war bisher allerdings seine Beteiligung an Facebook: Im Jahr 2004, als das soziale Netzwerk noch in den Kinderschuhen steckte, investierte Thiel schlanke 500 000 Dollar und bekam dafür einen Anteil von rund zehn Prozent. Nach dem Börsengang von Facebook im letzten Jahr verkaufte er sofort seine 20 Millionen Aktien eiskalt um kolportierte 400 Millionen Dollar.

Allerdings sprach er nicht über seine Erfolge sondern in seiner Schlussrede über „Developing the Developed World“, die als destillierte Fassung seiner Stanford Lectures zu sehen war.

Thiel beschäftigte sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen Technologie und Globalisierung. Technologie erfinde neue Dinge, Globalisierung kopiere die Dinge, die funktionieren. Würde der Menschheit die Ideen ausgehen, neue Dinge zu erfinden, sei der Kollaps absehbar. Und würden die nun aufstrebenden Staaten nach den westlichen Standards leben, wäre die Erde in kürzester Zeit ruiniert.

Angehenden Unternehmern und start-up-Gründer/innen riet Thiel, genau das zu tun, was sonst niemand  anderer tut. Man solle sich eigentlich die gegenteilige Frage stellen: "Welche wertvolle Firma baut heute niemand?" Von politischer Seite wünscht sich Thiel, dass Technologie "zur Priorität" gemacht werden sollte. In den USA würden nur 35 aller Abgeordneten einen wissenschaftlichen oder technologischen Hintergrund haben. Der Rest würde kaum verstehen, warum Solarzellen in der Nacht nicht funktionieren, ätzte Thiel. Und in einem leider nur zu realen Seitenhieb auf Europa: „Europa würde derzeit vor allem unter einer pessimistischen Grundeinstellung leiden, die es aufzubrechen gelte“.

Mit einer weiteren „Quote“ beschloss der deutsche Starinvestor mit US-amerikanischem Jagdgebiet die diesjährige DLD-Konferenz: "Live your life as if it is forever.".

DLD-Conferences boosting Burda & Munich

Nach seiner DLD-Konferenz Premiere vor nunmehr 8 Jahre im romantisch verschneiten Schloss Nymphenburg hatte Verleger Burda sich innerhalb von nur 3 Jahren einen Namen als „digital aficionado“ gemacht, der ihm wohl kalkuliert gleichzeitig die notwendigen entsprechenden und (über)lebenswichtigen Vordenker und deren Impulse für sein Medienhaus brachte.

Wetterte Verleger Burda noch vor 5 Jahren am DLD von „lousy pennies“, die er im Digitalbereich verdienen würde, ließ er sich bei seiner diesjährigen launigen Eröffnungsrede von seinem Vorstandschef Paul Kallen aus dem Publikum bestätigen, dass der Umsatz des Medienhauses bei digitalen Geschäftsmodellen bereist bei beachtlichen 50% liege. Also, die Chancen neue Verdienstmöglichkeiten via Web zu finden, scheinen bereits, wenn auch noch in Ansätzen, bereits gefunden zu sein.

Auch für die Stadt München hat sich diese Konferenz als absoluter Glücksfall entpuppt – weg vom scheinbar in Stein gemeißeltem Oktoberfest- und BMW-Image, hin zur zukunftsorientierten Medienstadt, die vom Oberbürgermeister bereits als „Silicon Valley of the Alps“ genannt wird. Der Finanzminister legt für die kommenden drei Jahre noch 3 Milliarden Euro als Unterstützung zur Festigung des Digitalstandortes München und Oberbayern drauf.

Zusätzlich wurde auch noch die T.I.M. (Tourismus Initiative München) im Sommer vergangenen Jahres gegründet, um München zusätzlich als ambitionierte Konferenzstadt in Mitteleuropa zu promoten. Von der zusätzlichen Wertschöpfung der DLD-Konferenz nur ein kleines weiteres Beispiel: rund um die drei DLD-Eventtage gab es zusätzlich an die 40 Events im engeren Umkreis des DLD-Austragungsortes, vom privat organisierten „get togehter“ der DLD-Veteranen im „Franziskaner“ bis hin zum „Frog-Design Dinner“ im „Brenner“.

Summa summarum

Die drei DLD-Konferenz-Tage waren auch in diesem Jahr wieder mal zu kurz, Bi-Lokalität sollte möglichst bei der nächsten DLD-Konferenz als ernsthafte Option angeboten werden.

Der Ort dafür wäre absolut überzeugend!
__________________________________________________________________________________
HORIZONT-Gastautor Martin W. Drexler, österreichische Digital Media Experte und Professor für Medien und Kommunikationsdesign an der Graphischen, ist unter anderem seit 2005 geladener Gast bei den DLD-Conferences in München, London, Moskau und Tel Aviv.
stats