Digitale Unsterblichkeit
 

Digitale Unsterblichkeit

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk

Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um virtuelles Weiterleben und um bereichernde Werbung

Auf der Festplatte muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

Früher versuchte man, sich durch heldenhafte Taten in der Erinnerung der Menschen zu halten. Die Wikinger, die über 400 Jahre hinweg Europa in Schrecken versetzten, waren von der Angst getrieben, dass nach dem Tod von Leib & Seele auch ihr Name in Vergessenheit geraten könnte. In unserem durch und durch unheroischen Zeitalter ist so viel Aufwand unzumutbar. Lieber ist man sentimental und bloß in der Fantasie heroisch. Dafür gibt es aber keine gute Nachrede. Also soll wieder einmal die Technik aushelfen.

Martine Rothblatt träumt in ihrem Buch “Virtually Human: The Promise and Peril of Digital Immortality” von einem digitalen Klon, der ewig lebt. Die Idee bestünde darin, das menschliche Innenleben im Digitalformat abzuspeichern und via Cyberspace mit der Welt in Verbindung zu halten. So nach dem Motto: Meine fleischliche Hülle mag sterblich sein – aber auf Facebook kann ich bis in alle Ewigkeit munter weiterschwafeln. Einen witzigen Slogan dazu gibt es bereits, “When your heart stops beating, you keep Tweeting”.

Demnächst werden wohl auch Cyber-Psychotherapeuten und Cyber-Priester auftauchen. Und wo die sind, können auch Anwälte nicht weit sein. Die Nachlassverwalter für alles Digitale werden vielleicht so für ihre Dienste werben: „Bei uns sind ihre Nullen gut aufgehoben...“

Ein direktes Hinaufladen von Gehirninhalten wird so schnell nicht möglich sein; aber eine abgespeckte Version wäre denkbar: Alle digitalen Spuren, die wir in der Datenwolke hinterlassen haben, werden von intelligenten Programmen zu einem Ganzen zusammengefügt, das eine Art Doppelgänger ergibt (zumindest, was das äußere Verhalten betrifft).

Einen Vorgeschmack erlaubt die portugiesische IT-Firma AUTO.NET, die im Sommer ein Sozialnetzwerk namens ETER9 gestartet hat. Dort merkt sich ein virtuelle Gedächtnis alle Postings, Kommentare und sonstige Aktivitäten eines Mitglieds und bildet dazu einen digitalen Widerpart. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) experimentiert mit einer ähnlichen Idee, nämlich einer Dienstleistung namens Eterni.me, deren Ziel es wäre, eine Persönlichkeit zu schaffen, die nach dem Ableben weiterhin online herumgeistert und mit Angehörigen kommunizieren kann. Klappt aber bisher nicht.

Zurück zur Rothblatt-Vision, die in der von ihr initiierten „Terasem“-Bewegung umgesetzt wird. Damit ein digitales ‚Weiterleben’ theoretisch möglich ist, braucht es einige Voraussetzungen. Zum einen ist die verbreitete Meinung irrtümlich, unser gesamtes menschliches Wesen existierte unter der Schädelplatte in Form neuronaler Hirnaktivität. Richtig ist dagegen, dass es den ganzen Körper braucht (z.B. Haut, Nervensystem), um Eindrücke von der Welt zu bekommen.

Noch viel unlösbarer ist das Problem des Wahrnehmung: Die Annahme, Bewusstsein sei nichts als ein ‚Nebeneffekt’ des Gehirns, ist Spekulation. Noch unbedarfter ist der Glaube, Bewusstsein sei ein ‚Rechenproblem’, das Computer lösen könnten. Diese Vorstellung geistert schon seit ungefähr zwei Jahrzehnten herum, und es gibt nicht den Hauch eines Belegs dafür.

Auch die Idee, ein Nachbau der Gehirnstruktur in einem Roboter könne so etwas wie Bewusstsein erzeugen, ist weit davon entfernt, auch nur spekulative Theorie zu sein. In dem oben erwähnten Buch “Virtually Human“ wird angedeutet, Rechenprogramme könnten demnächst so etwas wie ‚Schmerz’ empfinden. Höchst unwahrscheinlich. Bewusstsein besteht eben nicht darin, äußerlich etwas zu imitieren – etwa ein trauriges Gesicht –, sondern es subjektiv, d.h. von innen her zu empfinden. Wo, bitte, ist ein analoges ‚Innen’ in einem Rechenprogramm?

Quellen:

http://knowledge.wharton.upenn.edu/article/digital-immortality-cyber-consciousness-mind-clones-and-the-future-of-humanity

http://www.ibtimes.co.uk/virtual-reality-heaven-how-technology-redefining-afterlife-1532429

https://medium.com/backchannel/how-elon-musk-and-y-combinator-plan-to-stop-computers-from-taking-over-17e0e27dd02a#.gm3qrto8n

Werbemodell überholt?

Vielleicht hat das jüngste Gerangel um werbeblockierende Software eine unerwartete Nebenwirkung. Derzeit versuchen eine Reihe von Verlagen, potenzielle Online-Leser mit sanften Drohungen dazu zu bewegen, zumindest die Werbung in ihrem Medium freizuschalten. Yahoo geht ganz brutal vor und verweigert Nutzern ihres E-Mail-Services den Zugang. Die „Washington Post“ arbeitet mit einem Pop-up, das einem die Sicht auf den Text versperrt.

Versuche dieser Art haben etwas rührend Hilfloses an sich. Yahoo wird bald bemerken, dass die Welt ganz gut ohne ihre E-Mail-Server auskommt. Und die „Post“ wird entdecken, dass es bereits kleine Progrämmchen gibt, mit denen man derartige Hürden umgehen kann.

Marketing-Professor Jerry Wind regt ein komplettes Umdenken an. Das bisherige Werbemodell geht seiner Meinung nach davon aus, dass man Verbraucher entweder hereinlegt oder zwingt – freiwillig würden sie keine kommerziellen Botschaften empfangen. Unfreiwillig empfangene/aufgedrängte Werbung kann nicht für sich in Anspruch nehmen, besonders effizient oder wirksam zu sein.

Seine Anregung: Könnte Werbung nicht so relevant sein, sodass sie als bereichernd empfunden wird? Dazu muss sie natürlich auf Publikum und Plattform hin optimiert sein. Als Vorbilder könnten Kampagnen dienen, die auf YouTube freiwillig angesehen werden. „#Likeagirl“ von Always etwa ist seit Ende Juni 2014 über 60 Millionen Mal abgerufen worden.

Die Vision des Marketingprofessors könnte letztlich zu optimistisch sein. Werbung bzw. Marken, die sich als liebenswert präsentieren, verschleiern letztlich nur ihre kommerzielle Natur. Unsere überaus sentimentale Zeit geht so weit, Unternehmen als ‚Freunde’ anzusehen. Das hat wohl auch mit der personalisierten Art der Kommunikation in Sozialnetzwerken zu tun. Markenmanager mögen es natürlich, wenn ihre Produkte vermenschlicht werden. Am Ende geht es aber um eine geschäftliche Transaktion.

Kunden können auch zu viel erwarten. Etwa jene Hotelgäste, die ganz aufgebracht waren, als sie erfuhren, dass ihre Hotelkette sich mit einer anderen vermählt hatte. Waren richtig beleidigt. Vielleicht sollten Marken doch nicht versuchen, zum ‚Freund’ zu werden!?

Quellen:

http://knowledge.wharton.upenn.edu/article/click-here-how-advertisers-can-beat-ad-blockers

http://www.nytimes.com/2015/12/13/upshot/sorry-but-your-favorite-company-cant-be-your-friend.html

Allen Lesern besinnliche Tage! Die nächste Ausgabe von „Walter’s Weekly“ erscheint am 15. Jänner 2016. Weitere Beiträge von Walter`s Weekly gibt es hier.

[Walter Braun]
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