Digitale Smartness: Wir sehen Land!
 
Digitale Smartness

Wir sehen Land!

Johann Perger
Eine Straße, die mitdenkt, wurde in Melk, Pöchlarn und Ollersdorf von der Smart Safe & Green Mobility Initiative umgesetzt. Smart-Street-Lichtmasten verfügen hierbei über verschiedene Extras zur Regelung des ­Straßenverkehrs.
Eine Straße, die mitdenkt, wurde in Melk, Pöchlarn und Ollersdorf von der Smart Safe & Green Mobility Initiative umgesetzt. Smart-Street-Lichtmasten verfügen hierbei über verschiedene Extras zur Regelung des ­Straßenverkehrs.

Ländlicher Raum, das heißt vielerorts auch dünne Besiedelung und schlechte Infrastruktur, wenn es um Versorgung, Mobilität oder etwa ­Telekommunikation über schnelles Internet geht. So sind zumindest oft die landläufigen Vorstellungen über das Leben in der Region. Doch die Entwicklung schreitet voran: Smart Citys und Smart Rural Areas verschmelzen neuerdings mehr und mehr zum Smart Country.

Smart Citys stehen vor gänzlich anderen Herausforderungen, stellt Andreas Steiner, Pressesprecher des ­Österreichischen Gemeindebundes, fest. „Diese haben überproportional viele technikaffine junge Bewohner als auch marginalisierte Gruppen. Smart Villages hingegen stehen vor der Herausforderung, eben jene Jungen nicht zu verlieren. Smart Solutions aus den Städten rufen Begehrlichkeiten bei jungen Menschen hervor – diese sind frustriert, wenn der ländliche Raum keine ­entsprechenden Angebote ­bereithält.“ Die Implementierung von Smart-Village-Strategien müsse frühzeitig kommuniziert und gut geplant sein. Es brauche entsprechende, ausreichende Förderprogramme für den ländlichen Raum, um aktuelle Infrastrukturinvestitionen zu gestalten. Gerade im Bereich der Infrastruktur bestehe oft ein Lebenszyklus von einigen Jahrzehnten: „Chancen, die jetzt verpasst werden, tragen sich für lange Zeit fort“, so ­Steiner.

Provinz zählt

2019 verfügten laut Statistik ­Austria 90 Prozent aller österreichischen Haushalte über einen Breitband-­Internetanschluss. Feste Breitband-Verbindungen sind dabei in 72 Prozent aller Haushalte vertreten, während mobile Breitband-Verbindungen in 68 Prozent der Haushalte eingerichtet sind. Österreich liegt damit über dem EU-Durchschnitt von 88 Prozent. Der Netzausbau ist in vielen Ländern aber noch besser ­vorangeschritten: In Deutschland und Dänemark ­beispielsweise beträgt der Breitband-Anteil 95 Prozent; ­Island, die Niederlande und Schweden werden mit einer Netzabdeckung von 98 Prozent beinahe komplett mit schnellem Internet versorgt.

Kann Digitalisierung helfen, ländliche Räume attraktiver zu machen, um eine Smart Region oder ein Smart Village zu implementieren? Mit dieser Frage beschäftigen sich auch die 2.095 Gemeinden Österreichs. Zahlreiche Projekte zeigen, wie ländliche Regionen von digitalen Aktivitäten profitieren können. Die Corona-Krise hat gezeigt: Damit ländliche Regionen als Wirtschaftsstandort gestärkt und Lebensqualität für alle gesichert werden kann, sind digitale Lösungen für ­Logistik und Mobilität genauso notwendig wie für Bildung und Arbeit.

„Smarte Technologien/Smart ­Solutions benötigen flächendeckende Breitband-Versorgung. 5G und Glasfaser sind dabei die Schlüsselinfrastrukturen, die mittelfristig unumgänglich sind, um smarte Technologien wie etwa kommunizierende Verkehrsinfrastruktur zu ermöglichen. Smart Villages stehen in diesen ­Fällen vor mehreren ungleich größeren ­Herausforderungen als Smart Citys, da sich die Forschung und auch die für Innovationsförderung vorgesehenen Budgets fast ausschließlich auf die Städte konzentrieren und diese aus verschiedenen Gründen im Glasfaserausbau auch deutlich weiter sind als Gemeinden in der Fläche“, führt Steiner aus. In vielen Bereichen wie etwa der Raumplanung oder der Vorbeugung von Gefahren wie Hochwasser und Starkregen gebe es ein großes Potenzial für Smart Solutions. Da es gerade im Bereich Forschung und Innovation ständige Neuerungen und Veränderungen gibt, brauche es von Bundesseite eine Koordinierung und aktive Einbindung aller Kommunen, nicht nur der großen Städte, um allen Herausforderungen und Ansprüchen gerecht zu werden. „Da sich technische Neuerungen wie die Sharing Economy bei steigender Bevölkerungsdichte deutlich schneller amortisieren, bräuchte es im Bereich der Smart Villages ­einen ,­umgekehrten abgeschwächten ­Bevölkerungsschlüssel‘ bei Förderungen. Je kleiner die Struktur, desto höher muss die Beihilfe sein, um ­Investitionen zu fördern“, so Steiner.

Landleben 4.0

Niederösterreich, mit 19.186 Quadratkilometern das größte Bundesland, stellt sich unter dem Slogan „Den digitalen Wandel nutzen. Für Land und Leute“ ebenfalls diesen Veränderungen und verfolgt eine klare Strategie: mitunter in der Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur, sprich der Versorgung aller Wohnsitze mit Breitband. Darüber hinaus sind in den drei niederösterreichischen ­Gemeinden Ebreichsdorf, Melk und Vitis bereits im November 2017 die ersten drei Smart Streets entstanden: Lichtmanagement, Verkehrsleittechnik, Laden von E-Fahrzeugen und Telefonen, Video-Überwachung mit Polizei-Verbindung, erneuerbare Energienutzung und vieles mehr soll den Menschen in diesen „intelligenten Straßen“ zur Verfügung stehen. Es geht konkret um bedarfsgerechte Beleuchtung mit Energieeffizienzsteigerung und vernetzte Energie-Autarkie sowie um verkehrsflussgerechte Schaltung von Ampeln und ­Signalanlagen.

Smartness bis tief in die Mülltonne

Der Gemeindebund Österreich nennt die steirischen Gemeinden ­Feldkirchen und Riegersburg als erste Smart Villages Österreichs. Dort zeigen die Müllwagen per Wertstoff-Scannersystem Fehlwürfe an. Diese konnten 2019 im Rahmen des Projektes sogar halbiert werden. Zusätzlich erkennen die smarten Mülltonnen mittels Hightech-Sensor, wie voll die Tonne ist und melden die Daten an eine Plattform. Damit sollen bedarfsgerechte Abhol-Intervalle möglich sein. Sensoren in der Fahrbahndecke warnen vor Glatteis, und Räumfahrzeuge tracken selbst, wo im Stadtgebiet bereits geräumt ist. ­Spezialsensoren regeln Beleuchtungsgrad und -dauer von Straßenlaternen und reduzieren dadurch die Stromkosten drastisch.

Als ein Pionier in der Digitalisierung kann das oberösterreichische Kremsmünster gelten. Die Marktgemeinde bietet bereits seit 1996 ihre Services und Dienstleistungen im Internet, also als E-Government-Service, an. Die Gemeinde Gampern, ebenfalls in Oberösterreich, bietet seinen Bürgern den „Digitalen Bauakt“ an, Bauanträge und Bauakten werden dabei digital erfasst. ­Gampern kann so über 2.500 Unterlagen zu Bauprojekten im gesamten Gemeindegebiet aus den letzten 70 Jahren gezielt ­digital durchsuchen.

Seit 1999 setzt Werfenweng auf E-Mobilität. Heute verfügt die Gemeinde über einen der größten E-Fuhrparks der Alpen.
BR Tourismus verband Werfenweng / Bernhard Bergmann
Seit 1999 setzt Werfenweng auf E-Mobilität. Heute verfügt die Gemeinde über einen der größten E-Fuhrparks der Alpen.


Engagement für eine nachhaltige Entwicklung hat wiederum in Hartberg eine lange Tradition. Die Stadt wurde 2011 als eine der ersten Kommunen in Österreich Teil der Smart-City-Initiative des Klima- und Energiefonds, die in Kooperation mit dem Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie durchgeführt wurde. Die Hartberger Vision für 2020 orientierte sich am Orts- und Stadtentwicklungskonzept sowie an der Philosophie der „Città Slow“.

Zehn Projekte in Hartberg

Herzstück der fünfjährigen Smart-City-Initiative in Hartberg war die aktive Einbindung der Bevölkerung für eine Vision von Hartberg für 2050. Durch den Beteiligungsprozess sei es gelungen, zehn konkrete Maßnahmen in sehr kurzer Zeit umzusetzen. Die Bandbreite reichte dabei von Mobilität über Energie bis hin zu Social-Media-Anwendungen. So wurde im Rahmen eines PPP-Modells ein Stadtteil im Innenstadtbereich ­zukunftsfit umgebaut. Für die Bewohner steht das steiermarkweit erste E-Car-­Sharing zur Verfügung. Shared Spaces sorgen für mehr Komfort für Fußgänger und Radfahrer. Für den lokalen Citybus gibt es eine Echtzeit-App. Neben Gebäuden und Mobilität ist der Umbau des Energiesystems ein weiterer wichtiger Schwerpunkt der Smart City Hartberg. Für den Ausbau der Biomasse-Fernwärme wurden Smart-Grid-Technologien eingesetzt und auch ein neues Geschäftsmodell erarbeitet. Beim Ökopark wurde erstmals der direkte Austausch von ­Photovoltaikstrom zwischen öffentlichen Gebäuden über eine Direktleitung realisiert. Die Hartberger Stadtwerke errichteten sogar eine Carport-Lösung mit integrierter ­Photovoltaikanlage: Hier wird Ökostrom erzeugt und E-Fahrzeuge können einfach und umweltfreundlich laden.

Großes in Graz

Großes tut sich auch in Graz. Auf einem ehemaligen Industrieareal entsteht mit der „My Smart City Graz“ ein ganzer neuer Stadtteil. Der Startschuss fiel im Februar 2019. In dem neuen Stadtteil werden auf 140.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche Wohnungen, Büros, Lokale und Geschäfte errichtet. 3.000 Menschen sollen hier Wohnraum und Arbeitsplätze finden. Das engagierte Energiemanagement peilt „Zero Emission“ an.

Die SolarCity Pichling ist ein auf dem Reißbrett entstandener Stadtteil von Linz, der rund 4.000 Menschen Wohn- und Lebensraum bietet.
linzwiki.at
Die SolarCity Pichling ist ein auf dem Reißbrett entstandener Stadtteil von Linz, der rund 4.000 Menschen Wohn- und Lebensraum bietet.

SolarCity Pichling

In Linz ist man schon seit 2011 an ­einem Smart-City-Stakeholder-­Prozess beteiligt, sagt Gerhard Utri vom Magistrat der Stadt und für Planung, Technik und Umwelt zuständig. Das Projekt trug den Titel „Smart City Linz 2050“. Das am weitesten entwickelte Demo-Projekt bezog sich auf das Stadtentwicklungsvorhaben „Grüne Mitte Linz“. Aufmerksamkeit verdiene auch die solarCity Pichling als Musterbeispiel eines smarten, nachhaltigen Stadtteils der Stadt Linz mit hohem internationalem Renommee.

Eines eint indes alle Projekte und Initiativen: der Versuch, von Anfang an die Bevölkerung einzubinden und auf dem Weg mitzunehmen. Denn: Gerade wenn es um neue ­intelligente Systeme geht, die das ­Leben in der Gemeinschaft verbessern beziehungsweise erleichtern sollen, müssen diese neuen Techniken und Ideen offen und transparent diskutiert werden. „Generell zeigt sich ohnehin eine hohe Bereitschaft und Erwartungshaltung in der Bevölkerung, innovative und neue Wege in den Gemeinden zu gehen,“ stellt ­Steiner in dem Zusammenhang fest. Gleichzeitig warnt er mit Nachdruck vor einer Begriffsvermengung von Smart und Sustainable: „Nicht jede technische Neuerung ist ­automatisch auch nachhaltig. Es ist abzulehnen, Gemeinden und insbesondere Städte automatisch als nachhaltiger zu bezeichnen, nur weil diese in der Transformation zur Smart City weiter sind als Flächengemeinden zum Smart Village.“
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