Die Welt hinter dem Filter - am Ende des Tric...
 

Die Welt hinter dem Filter - am Ende des Trichters

Seb Braun/www.sebbraun.co.uk
Google, Apple und Facebook sind zunehmend die Filter, durch die wir die Welt wahrnehmen.
Google, Apple und Facebook sind zunehmend die Filter, durch die wir die Welt wahrnehmen.

Diese Woche geht's bei Walter's Weekly um die neuen Gatekeeper im Internet.

Das große Versprechen der neuen Medien war, die Bürger näher an das Geschehen heranzubringen. Dass Redakteure darüber entscheiden, was nachrichtenwürdig sei und was nicht, ist geradezu als Zumutung verdammt worden. Da sich Ereignisse nicht von selber berichten, braucht es allerdings immer menschliche Zeugen und deren Einschätzungen/Beurteilungen der Vorgänge. "Wow! Da hat jemand geschossen", ist keine Nachricht, sondern ein Aufschrei, egal ob tausendfach in den Äther hinausgezwitschert.

Sobald jemand einen Bericht verfasst, fließt die Subjektivität des Betrachters und dessen Verstehen (der Situation sowie der Welt im Allgemeinen) mit ein. Abgesehen davon, kann ohnehin niemand an allen Vorfällen in der Welt interessiert sein, ergo ist Auswahl prinzipiell unumgänglich.

Die Online-Lösung war, Rechenverfahren den Digitalverkehr abgrasen zu lassen. Aus dieser Tsunami an Hintergrundgeräuschen kann Software entweder aufgrund spezifischer Stichworte oder der Häufigkeit wiederholter Nennungen bestimmter Namen/Themen eine Auswahl treffen.

So weit, so oberflächlich. Nun haben die großen Vermittlungsplattformen das Problem, dass durchaus ungustiöse Vorfälle bzw. Meinungen kurzfristig im Trend sein können. Also setzen sie anonyme, gesichtslose Begutachter ein, die in der Nachrichtenleiste nach oben schieben, was ihnen wichtig erscheint. Dass die nicht so gut sind wie professionelle, ihren Lesern verantwortliche Redakteure, die ihre Geschichten selber recherchieren, versteht sich von selbst.

Sieh an, Zensur

Umso peinlicher war es daher, als vor kurzem das Magazin Gizmodo aufdeckte, dass Facebook-Mitarbeiter hier recht willkürlich eingreifen. Konkret wurden die Nachrichten, die einer linken Weltanschauung entsprechen, auf den Trendlisten nach oben geschoben, während Meldungen, die konservative Herzen erfreuen könnten, nach hinten gereiht oder gar gänzlich fallen gelassen wurden.

An sich ein Sturm im Wasserglas, hätten sich nicht gar so viele User angewöhnt, die Welt vornehmlich durch nur einen einzigen Nachrichtenkanal zu erleben. Nach und nach reduziert sich so der Weltzugang, der eigentlich durch das Web hätte offener werden sollen.

Der Unterschied zu traditionellen Medien ist, dass dort die Rezipienten in der Regel wissen, ob das gewählte Medium eine bestimmte politische Ausrichtung verfolgt. Die großen Plattformen haben sich in dieser Hinsicht nie deklariert, obwohl ihre Kundschaft erheblich größer ist als jene von traditionellen Nachrichtenmedien. Das ist grundsätzlich ein unhaltbarer Zustand. Besonders seitdem bekannt geworden ist, dass rund 70 Prozent der Facebook-Nutzer ihre Nachrichten über FB beziehen.

Halb sinken sie hin, halb werden sie gezogen

Das sollte man ganz nüchtern sehen: Google, Apple und Facebook haben nicht nur eine dominante Stellung im Geschäft mit der Onlinewelt erzielt – sie sind zunehmend die Filter, durch die wir die Welt wahrnehmen. Jeder dieser Online-King Kongs will so viel menschliche Aufmerksamkeit wie möglich in Beschlag nehmen. Aus schierer Bequemlichkeit geben wir ihnen unsere kostbare Ressource. Wer hat schon die Zeit, nach einer heftigen Dosis Newsfeed noch etablierte Medien abzuklappern und zu vergleichen, wie dort der Stand der Dinge abgehandelt wird?

Hier hat sich eine Spirale in Gang gesetzt: Je mehr wir die Umwelt durch den Trichter einer Plattform beäugen, umso ärger ist der Druck auf Nachrichtenproduzenten, ihre Ware genau dort abzustellen. Womit sie sich wiederum den Rechenverfahren/Zensoren aussetzen sowie der 'Großzügigkeit' der Plattformherrscher, die ja die anfallenden Werbeeinnahmen einheimsen. Am Ende kommt dann ein Wettrennen heraus, bei dem entscheidet, wer den Platz am Ende des Trichters erkaufen kann.

Schöne neue Medienwelt…

Es sind vielerlei zusätzliche Filter denkbar, die den Eindruck der Welt verzerren. Die Milliarden auf Snapchat abgestellten Fotos können durch einen angebotenen Filter verschönert werden. Nun hat man der Plattform vorgeworfen, diese Anwendung würde Gesichter heller machen. Nicht einmal allmächtige Algorithmen und liebdienerische Software können es jedem recht machen.

Wenn schon Filter, dann sollen sie öffentlich deklariert werden. Etwa eine neue App, die alle Meldungen über bereits unerträglich gewordene Stars und Opportunisten abblockt.

[Walter Braun]
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