Die Seestadt Aspern als Wiens Urban Lab
 
Aspern Smart City Research (ASCR)/APA-Fotoservice/Schedl
Aspern Smart City Research (ASCR)
Aspern Smart City Research (ASCR)

In der Seestadt Aspern am Rande von Wien tüfteln Firmen an zukünftigen smarten Kommunikationswegen und testen sie unter realen Bewegungen.

Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe Nr. 26/2018 des HORIZONT erschienen. Noch kein Abo? Hier klicken!

Bevor Anna abends nach der Arbeit in den fahrerlosen Elektrobus steigt, stellt sie noch kurz mit ihrer App die Heizung zu Hause ein. So ist es schön warm, wenn sie ankommt. Gleichzeitig informiert die App sie, dass die Wohnung noch immer mit Energie von den Fotovoltaikanlagen auf dem Dach versorgt wird – obwohl es die letzten Tage geregnet hat. Die Steckdosen, die Anna am Morgen mit der App ausgeschaltet hat, wird sie erst zu Hause direkt mit dem EcoButton beim Wohnungseingang aktivieren. Unterwegs holt sie noch ihr EBike von der Ladestation ab. Das hat sie heute aufgeladen, weil sie die App wissen ließ, dass der Strom aktuell besonders günstig ist. In der Seestadt Aspern ist dieses Szenario spätestens 2019 nicht mehr Fiktion, sondern Realität. Die noch nicht fertig gebaute Stadt im 22. Wiener Gemeindebezirk dient als reales Labor für künftige Technologien wie intelligente Energiesysteme, fahrerlose Elektrobusse und ein 5G-Netz. Bewohner von rund 110 Wohnungen können schon jetzt mit ihrer Wohnung „kommunizieren“. Sie schalten und walten über Raumtemperatur, Luftqualität und ihre Steckdosen. Zudem erhalten sie gleichzeitig Informationen über ihren Energieverbrauch sowie aktuelle Energietarife. Die Bewohner werden nicht nur über den Stand diverser Parameter informiert, sondern können die Werte auch in Zusammenhänge stellen und mit Durchschnittswerten vergleichen. Ziel ist, dass Strom und Heizung ökologischer und ökonomischer genutzt werden. Kommuniziert wird entweder über einen lokalen Controller oder von auswärts mit einer App.

Die Smart Home Control App ist Teil des Forschungsprojekts Aspern Smart City Research, kurz ASCR, das in Wien-Donaustadt rund um das Thema smarter Energieverbrauch forscht und experimentiert. „Die Lösungen, die wir entwickeln, sollen maximal den Bedürfnissen der Nutzer entsprechen. Aufgrund dessen sind die User direkt in die Produktentwicklung miteingebunden, wie mit der Smart Home Control App“, erklärt ASCR-Geschäftsführer Georg Pammer die Zusammenarbeit mit den Bewohnern. Die Nutzung der App setzt allerdings die Einwilligung voraus, dass die daraus gewonnenen Daten für das Forschungsprojekt ausgewertet und verwendet werden dürfen. Die ersten Ergebnisse lassen sich laut Georg Pammer durchaus zeigen: „Die Bewohner, die die App nutzen, haben insgesamt einen geringeren Energieverbrauch im Vergleich zu jenen, die die App nicht verwenden. Dies hat zur Folge, dass die Nachfrage nach der App gestiegen ist: Die Leute ohne App hätten gerne Zugang dazu.“

Vier Forschungsbereiche

Die Initiative ASCR haben die Unternehmen Siemens, Wien Energie, Wiener Netze, die Wirtschaftsagentur Wien sowie Wien 3420 Aspern Development vor rund fünf Jahren ins Leben gerufen. Die Forschungen sind in vier Bereiche aufgeteilt, die transdisziplinär interagieren. Als Forschungsprojekte dienen insgesamt drei Gebäude (Smart Buildings), die mit Fotovoltaik, Solarthermie, Wärmepumpen, Hybridanlagen sowie entsprechenden thermischen beziehungsweise elektrischen Speichern ausgestattet sind. Gebäude mit einer solchen Ausrüstung benötigen zudem ein intelligentes Netz. Dieses Smart Grid ermöglicht erst die Steuerung der verschiedenen Parameter. Hinzu kommen Smart User und Smart ICT: Smart User sind vorerst rund 110 Haushalte in einem der drei Gebäude, die sich bereit erklärt haben, ihre Energieverbrauchs- und Raumregelungsdaten zur Verfügung zu stellen. Die Bewohner dieser Haushalte haben Zugriff auf die Smart Home Control App. Die Information and Communications Technology (Smart ICT) verarbeitet die Daten der Smart Buildings, von Smart Grid sowie Smart Usern, und entwickelt anhand der erfassten Daten weitere Applikationen für die Forschungsbereiche.

45 Millionen Euro frisches Geld

Das Interessante für die am Forschungsprojekt beteiligten Unternehmen ist vor allem, dass Daten unter realen Nutzungsbedingungen erfasst werden können. „Wir können in der Seestadt, also in der realen Welt, mit realen Endkunden diese Dinge entwickeln. Das ist eine sehr seltene Situation und deshalb eine interessante Möglichkeit für Siemens“, so Georg Pammer, der die Siemens AG in der ASCR vertritt. Auch Wien Energie sieht in der Seestadt ein hohes Potenzial für den Bereich der Energieforschung. Michael Strebl, Vorsitzender der Wien-Energie-Geschäftsführung, sieht in der ASCR „die Möglichkeit, neue Angebote für unsere Kundinnen und Kunden zu testen. Wir gewinnen so wichtige Erkenntnisse für zukünftige Produkte.“ Die Erkenntnisse waren den beteiligten fünf Unternehmen in den letzten fünf Jahren rund 38 Millionen Euro wert. Die erste Phase des Projektes läuft noch bis Ende dieses Jahres. Im Jänner haben die Forschungspartner die Fortsetzung der Zusammenarbeit für die nächsten fünf Jahre beschlossen. Mit einem Budget von 45 Millionen Euro wird ab 2019 weiter unter realen Bedingungen an der Zukunft im Energiesektor getüftelt. Laut Wien Energie sind die Vorbereitungen für ASCR 2.0 bereits in vollem Gange: Klar sei bereits, dass neben der Vertiefung der Forschung zu Smart Buildings und Smart Grid die Digitalisierung des gesamten Energiesystems noch stärker in den Fokus rücken werde. Laut Georg Pammer geht es bis 2023 auch um Adaptierungsmöglichkeiten: „Für die nächste Phase ist ein wichtiger Aspekt die sogenannte Plug-and-play-Fähigkeit. Das heißt, wir beschäftigen uns damit, wie wir die Lösungen und Devices der ASCR in beliebigen Umgebungen möglichst einfach einsetzen können.“

5G-Testlauf

Auch der Telekom-Anbieter Drei testet in der Stadt, die künftig rund 30.000 Einwohner zählen wird, seine Netze. Viele Internetnutzer warten schon lange darauf, in der Seestadt gibt es seit Ende April die Pre5G-Technologie. Durch die Verbauung von insgesamt 64 Antennen – statt acht wie bei 4G-Sendern – können mehr Nutzer gleichzeitig mit der maximal verfügbaren Geschwindigkeit im Internet surfen. Ein Bestandteil der Technologie ist das Massive Mimo (Multiple Input Multiple Output), mit dem sich die Netzkapazität gegenüber bisherigen Technologien vervierfacht. Pre5G können die Bewohner der Seestadt mit ihren bestehenden 4G-Modems und -Routern nutzen. Im Laufe des Jahres will Drei das Netz-Upgrade in ganz Wien ausrollen und bereits 2020 beginnt der Telekom-Anbieter mit der Umrüstung seiner Netze auf 5G.

Smarter, autonomer Bus

Eine weitere Innovation soll Anfang 2019 in der Seestadt Aspern ihren Betrieb aufnehmen: eine fahrerlose Buslinie. Wie es sich für eine Stadt der Zukunft gehört, soll auch der autonome Bus mit Strom betrieben werden. Bis das Gefährt in seiner neuen Heimat inklusive Haltestellen, Fahrplan und Fahrgästen unterwegs ist, testen die Wiener Linien es derzeit noch auf geschlossenem Gelände. „Wir entwickeln Lösungen, wie VerkehrsteilnehmerInnen und der Bus sicher miteinander interagieren. Dazu wollen wir dem Bus durch Machine Learning beibringen, wie er Personen und Objekte zuverlässig erkennen kann“, erklärt Wolfgang Ponweiser vom Austrian Institute of Technology (AIT). Für das Projekt „auto.Bus – Seestadt“ arbeiten die Wiener Linien, das AIT, das KFV (Kuratorium für Verkehrssicherheit), der TÜV Austria sowie Siemens und der französische Bushersteller NAVYA an der technologischen und rechtlichen Weiterentwicklung. Ziel soll ein Bus sein, der lernfähig und kommunikativ ist. Viel wird in die Seestadt Aspern investiert: Geld, Know-how und vor allem Hoffnung. Die Projektleitung der Seestadt erwartet, dass die Seestadt als Urban Lab zur langfristigen Weiterentwicklung von ganz Wien zur Smart City beiträgt.

[Flavia Forrer]

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